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Sachbuch

Zu viele

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Sollen wir einen Film von Roman Polanski genießen, wenn wir gleichzeitig wissen, dass dieser Mann Unzucht mit einer Minderjährigen beging? Können wir uns an Kunst erfreuen, wenn diese Kunst von Menschen stammt, die Verbrechen begangen haben oder sich unmenschlich gegenüber Dritten verhielten? Claire Dederer stellt diese Frage und nennt Beispiele – Roman Polanski, Woody Allen, Michael Jackson oder Doris Lessing. Ein heikles Unterfangen, denn wann liegt ein Vergehen vor? Roman Polanski bekennt seinen sexuellen Übergriff und wird deshalb von den US-amerikanischen Behörden bis heute verfolgt. Woody Allen hat seine Partnerin Mia Farrow mit einer Adoptivtochter betrogen und diese später geheiratet. Das ist schofelig, aber wohl nicht justiziabel, da diese Frau nicht mehr minderjährig war. Offen ist, ob die Missbrauchsvorwürfe bei der zweiten damals minderjährigen Adoptivtochter zutreffen. In jedem Fall ist das Verhalten von allen für mich undurchsichtig und emotional gesprochen verabscheuungswürdig. Im Fall von Michael Jackson ist der Missbrauch nicht belegt, sondern er wird vermutet. Ein gestörter Charakter sucht die wie auch immer gestaltete Nähe zu Kindern. Doris Lessing hat dagegen ihre Kinder verlassen, um besser schreiben zu können. Das klingt gemein, doch kennen wir die Hintergründe nicht. Die Liste von Missetätern lässt sich fortsetzen, wie der jüngste Fall des Ramstein-Musikers Till Lindemann zeigt.

Die Kunstkritikerin Dederer lebt in den USA. Deutsche Künstler wie Klaus Kinski oder Leni Riefenstahl kommen bei ihr nicht vor. Dabei wäre letzterer Fall zumindest aus meiner Sicht leicht zu entscheiden. Riefenstahl hat ihre Kunst in den Dienst der Nazis gestellt, mit ihren Bildern der Olympischen Spiele von 1936 und dem NS-Parteitag in Nürnberg Werbung für das Terrorregime betrieben. Später hat sie in ihrem Bildband über die Nuba (gegen Bezahlung) bleibende Verstümmelungen durch inszenierte Kämpfe in Szene gesetzt. Für mich wäre hier die Entscheidung einfach, ich würde ungeachtet des Kunstgehaltes alles von Leni Riefenstahl ignorieren, um dieser Frau nicht die geringste öffentliche Aufmerksamkeit zu bieten.

Auch Cat Stevens alias Yusuf Islam taucht in dem Buch Genie oder Monster nicht auf, obwohl er seinerzeit den Mordaufruf an dem Schriftsteller Salman Rushdie unterstützt hat. Schade, dennoch bleibt die Fragestellung des Buches ungeachtet der von Dederer zitierten Auswahl bestehen. Die Autorin setzt sich beruflich mit Kunst auseinander und verfasst Rezensionen. Sie diskutiert ausführlich ihre Kriterien zur Beurteilung von Kunst und ringt um eine Antwort auf die von ihr aufgeworfene Frage.


"Nostalgie, persönliche Erfahrung – diese Dinge gewinnen an Bedeutung, wenn es darum geht, die Schwere des Verbrechens gegen die Großartigkeit des Kunstwerks aufzuwiegen. Größe ist nicht einfach etwas, was durch eine Autorität beschlossen werden kann – wie wir gesehen haben entspricht diese Autorität oft nicht den Interessen, den Erfahrungen oder schlicht dem Geschmack viel zu vieler Leute. Was Kunst für uns großartig macht, hängt davon ab, wer wir sind und was wir durchleben. Also von unseren Gefühlen." (S. 95)



Damit gibt es für sie keine einhellige Antwort, sondern jeder einzelne von uns muss selbst entscheiden, wie er mit Künstlern und ihren Werken umgeht – und damit sind wir trotz des ausführlichen Buches genauso schlau wie vorher. Vieles hätte sich Dederer im Buch sparen können, dient es meines Erachtens nur dazu, sich selbst in Szene zu setzen.

Es gibt Menschen, die professionell Einfluss auf die Popularität von Künstlern nehmen. Darf Cat Stevens im Radio gespielt werden oder der neueste Hit von Ramstein? Soll der Nuba-Band von Leni Riefenstahl neu aufgelegt werden?

Dederers Buch liefert für Entscheidungsträger wenig Hilfe. Ich, die ich Bücher bespreche oder mich über Kunstwerke hier äußere, werde bei strittigen Künstlern genauer recherchieren, um später zu entscheiden, ob ich dem jeweiligen Künstler eine Bühne liefere - und sei es auch nur mit einem Verriss.


Ellen Norten - 17. November 2023
ID 14477
Piper-Link zum Sachbuch Genie oder Monster


Post an Dr. Ellen Norten

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