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Paare

am Strand





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"Oh, man. Erst kürzlich habe ich mich wieder dafür verflucht, nicht einfach Jura studiert zu haben, ganz im Ernst. Und tatsächlich haben meine Eltern verzweifelt versucht mir zu helfen, keine Künstlerin zu werden, sondern irgendetwas mit Wirtschaft zu machen." (Charlie Koolhaas in: Fräulein Magazine, August 2015)

*

Warum wird es häufig als Falle gesehen, dasgleiche wie seine Eltern zu machen und mit ihnen verglichen zu werden? Es ist in vielen Bereichen das Normalste der Welt, dass man Personen und Dinge vergleicht. Künstler werden mit ihren Kollegen in der Vergangenheit und im Jetzt verglichen, Städte werden verglichen, im Sport und in der Wirtschaft wird verglichen und gestritten um die besten Ergebnisse usw. usf. Nur Kinder wollen oft nicht mit ihren Eltern verglichen werden; ja, es ist geradezu ein Tabu, das zu tun: man macht das nicht! Offensichtlich ist das auch für Charlie Koolhaas, der Tochter von Rem Koolhaas und Madelon Vriesendorp, eine Herausforderung. Okay, aber bei Charlie Koolhaas müssen wir dieses Tabu brechen:


"Menschen können alles bewohnen. Und sie können sich dort elend und in allem auch ekstatisch fühlen. Ich denke immer mehr, dass Architektur nichts damit zu tun hat. Das ist sowohl befreiend als auch alarmierend. Aber die generische Stadt, der allgemeine städtische Zustand, passiert überall, und allein die Tatsache, dass sie in solch enormen Mengen vorkommt, muss bedeuten, dass sie bewohnbar ist. Architektur kann nichts tun, was die Kultur nicht kann. Wir alle beschweren uns, dass wir mit städtischen Umgebungen konfrontiert sind, die völlig ähnlich sind. Wir sagen, wir wollen Schönheit, Identität, Qualität und Singularität schaffen. Und doch, vielleicht sind diese Städte, die wir haben, in Wahrheit erwünscht. Vielleicht bietet ihre Charakterlosigkeit den besten Kontext zum Leben." (Rem Koolhaas in: From Bauhaus to Koolhaas, Interview im Wired Magazine)

"Das Frühwerk von OMA [Anm.: Office for Metropolitan Architecture) kann nur als Reaktion auf provinzielles Hippietum und sentimentalen Humanismus verstanden werden, auf den 'menschlichen Maßstab' und den 'Have-Fun'-Stil von Archigram mit Massen von hübschen, glücklichen Leuten auf den Collagen. Für uns war das eine abstoßende Lieblichkeit." (Madelon Vriesendorp in: Baunetzwoche #69)

"Die Stadt ist der Inkubator für die aufstrebende multikulturelle Welt und die Bühne für alle Spannungen. Das generiert sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Ideologien und Lebensstile. In meinen Bildern und beim Schreiben spielen selbst scheinbar banale urbane Szenen auf vergangene Entwicklungen an. Sie erfassen, wie sich Städte ständig verändern, neue Schichten entstehen und sich mit den Spuren der Geschichte verflechten." (Charlie Koolhaas auf bda-hamburg.de)



Faszinierend: Vater, Mutter und Tochter - alle drei lieben die generischen Entwicklungen, welche Städte durchmachen. Völlig unbeeindruckt von Städteplanern, Architekten und Politikern. Während sich die vorgenannten Experten meist damit beschäftigen, die aus ihrer Sicht negativen Auswüchse von Stadtentwicklungen zu begrenzen und zu verhindern, beschäftigt sich die Familie auf unterschiedliche Weise damit, die Entwicklungen zu beobachten und zu beschreiben. Rem Koolhaas nach einer kurzen Phase als Journalist seit fast 50 Jahren als Architekt und Theoretiker, Madelon Vriesendorp als Künstlerin an der Schnittstelle zur Architektur und Tochter Charlie Koolhaas als Soziologin und Fotografin.

Eines von Charlie Koolhaas´ Fotos in City Lust zeigt zwei Paare am Strand von Dubai. Das eine Paar ist offensichtlich muslimisch, die Frau ist völlig verhüllt. Das andere Paar ist westlich austrainiert und braun gebrannt. Die Frau trägt einen dieser brasilianischen Bikinis mit kleinem Slip. Sie laufen friedlich aneinander vorbei. Die beiden Paare leben am gleichen Ort, aber im Kopf in völlig unterschiedlichen Welten. Zwei völlig verschiedene Glaubens- und Wertesysteme leben auf engstem Raum friedlich zusammen. Das ist ein wunderbares Bild für die globale Migrationskultur. Wie sollen homogene Stadtstrukturen entstehen, wenn die Menschen, welche darin leben, immer verschiedener werden. In den Städten Guangzhou, Lagos, Dubai, Houston und London, wo Charlie Koolhaas jeweils länger gelebt hat, dokumentiert sie einen Transformationsprozess. Sie ist auf der Suche nach neuen kulturellen Hybriden. Gibt es eine neue Bedeutung von Identität in einer Zeit, in der Identitäten ständig aufgelöst und neu erschaffen werden.

* *

Das Buch präsentiert einen Dialog zwischen Worten und Bildern über den derzeitigen Zustand unserer städtischen Welt. Die Kombination aus fotografischen Dokumenten und schriftlichen Kommentaren kommt einem irgendwie bekannt vor. Das fühlt sich an, wie wenn man selbst zum Beispiel das erste Mal in Lagos ist und sich nicht von Reiseführern und Sehenswürdigkeiten leiten lässt, sondern versucht das Leben und die Kultur zu entdecken. City Lust widerspricht dem gegenwärtigen (Kultur-)Pessimismus und zeigt, wie neue Kreativitäten entstehen und generische Möglichkeiten bieten. Sie zeigt unerwartete intime Verbindungen und neue Identitäten, die trotz enormer globaler und wirtschaftlicher Unterschiede entstehen.

City Lust ist auch der Name eines Parfums, welches Charlie Koolhaas in einem Parfümerie-Großhandel in Dubai entdeckte. Sie machte das zum Ausgangspunkt ihrer persönlichen Entdeckungsreise. Sie hat eine Art Alltagsfotografie entwickelt, ungeschönt und deshalb spannungsreich. Im Kontrast mit ihrem kenntnisreichen Essay über die heutigen globalen Handelswege und deren alltägliche Protagonisten entsteht ein wunderbares Bekenntnis zu unserer heutigen städtischen Welt.


Steffen Kühn - 29. März 2020
ID 12124
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