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Roman

Hüter des

Seelenfriedens





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Fahrenheit 451 ist die Neuveröffentlichung des Kultbuchs von Ray Bradbury. Der neue Übersetzer Peter Torberg folgt darin der vom Autor im Jahr 2003 überarbeiteten Jubiläumsausgabe.

„Ray Bradburys visionärer Roman", heißt es in der Anmerkung zur neuen Übersetzung, "entstand 1953 in einem genialischen Schaffensrausch. In nur neun Tagen schoss der Roman aus dem damals dreiunddreißigjährigen, frischgebackenen Vater geradezu heraus... (Es) ist ein stellenweise lyrisches, in seiner Bildgewalt und intellektuellen Dringlichkeit leuchtendes Werk. Es ist die Strahlkraft der noch immer – oder: wieder – erschreckend aktuellen Gedanken, aber auch der Sprache Ray Bradburys.“

Das Buch des US-amerikanischen Schriftstellers entstand im letzten Jahr des Korea-Krieges und auf dem Höhepunkt der McCarthy-Ära in den USA, spielt aber in England in einer dystopischen Zukunft.

*

Die zentrale Figur ist Guy Montag, ein Feuermann. Die Zeiten, in denen Feuer-wehr-männer Brände löschten, ist vorbei, heute legen sie als Feuermänner Brände. Montag ist einer von ihnen und jedes Mal zufrieden, wenn jemand verraten wurde, bei dem sich Bücher befanden, die sie samt Haus niederbrennen konnten. Als sich eines Tages eine Frau samt ihrer Bibliothek im Haus selbst anzündet, beginnt er an seiner Tätigkeit zu zweifeln und wird krank. Sein erfahrener Vorgesetzter Beatty besucht ihn zu Hause und erklärt ihm die Geschichte. Es fing damit an, dass Film, Rundfunk und Zeitschriften auf ein immer niedrigeres Niveau absanken. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde alles kürzer und nur noch zusammengefasst, bis sich alles in Luft auflöste. Beatty führt aus: „Lasst nur den Verstand des Menschen so schnell unter den treibenden Händen der Verleger, Ausbeuter, Rundfunksprecher kreisen, bis die Zentrifuge alle unnötigen, Zeit vergeudenden Gedanken davonfliegen lässt!“ (S. 91). Das Verbot von Büchern und kritischem Denken sei absolut notwendig, denn je größer die Bevölkerung sei, um so größer seien die Minderheiten, die auf keinen Fall verletzt werden dürften. Das ginge von Tierliebhabern, über verschiedene Berufsstände, Ethnien und viele andere, auf die unbedingt Rücksicht genommen werden müsse, erläutert Beatty. Den Schriftstellern wurde wegen ihrer bösen Gedanken nahegelegt, ihre Schreibmaschinen wegzuschließen, was sie auch taten, auch weil niemand mehr sie lesen wollte.

„Es wurde nicht von der Regierung verordnet. Es gab kein Machtwort, kein Dekret... Wir müssen alle gleich sein. Nicht gleich und frei geboren, wie es in der Verfassung steht, sondern gleich gemacht. Jeder ein Abbild aller anderen; dann sind alle glücklich... Ein Buch ist eine geladene Waffe im Nachbarhaus... Ihnen (Guy Montag) wurde die neue Aufgabe als Hüter unseres Seelenfriedens übertragen" (S. 94ff), feuert Beatty seinen kränkelnden Kollegen an.

Der Umstand, dass dieses Denkverbot von den Menschen selbst ausgeht, ist das Unheimliche und zugleich Gruselige an der Geschichte. Es braucht fast nichts, um sie dazu zu bringen. Die riesigen Bildschirme, mit denen sich die Menschen ihre Wohnzimmer auskleiden können, sind teuer aber sehr beliebt, und helfen sicher zur süchtig machenden Berieselung. Die Montags zahlen derzeit ihre dritte Wand ab. Montags Frau Mildred setzt sich ständig im Wohnzimmer den Bilderfluten aus, nennt die auf den Bildschirmen agierenden Darsteller ihre Familie. Nachts trägt sie Ohrstöpsel und lässt sich akustisch beschallen. Das verhindert, dass sich die Menschen Gedanken machen.

Montag steckt in einer tiefen Krise und kontaktiert einen alten Sonderling, den er flüchtig aus dem Park kennt. Dieser Faber ist ein Bücherfreund und erklärt ihm das Gegenkonzept, dass es gar nicht um Bücher ginge, sondern um Erkenntnisfähigkeit. Die Erkenntnisse könnten genauso gut über Filme oder den Rundfunk verbreitet werden, würden sie aber nicht. Der Zauber von Büchern läge daran, „wie sie Flicken des Universums für uns zu einem Gewand zusammennähen.“ (S.132) - Montag hatte verbotenerweise immer wieder mal ein Buch mitgehen lassen und es zu Hause versteckt. Er hat sie nicht einmal gelesen, wurde aber verraten... Er weiß, dass er fliehen muss, wenn ihm sein Leben lieb ist. Faber gibt ihm da wertvolle Tipps und so flüchtet er in die Wälder, wo es angeblich ein paar Rebellen gäbe.

Wer Fahrenheit 451 schon kennt, weiß, dass seine Magie im dritten Teil liegt, aber wegen aller anderen werden wir nicht auf das Ende eingehen. Viele mögen die wunderbare und heute etwas anrührende Verfilmung des Stoffes durch François Truffaut aus dem Jahr 1966 mit Oskar Werner und Julie Christie kennen. Natürlich ist das Buch auch in seiner Umkehrung ein Plädoyer für Bücher, Sinnsuche, die Bewahrung von Wissen und Werten sowie den Erhalt und die Schulung unserer Erkenntnisfähigkeit. Der Weg zum Seelenfrieden liegt eher nicht in der Ausblendung von Tatsachen, sondern in dem Mut, sich diesen zu stellen und auf diese Weise möglicherweise positive Veränderungen bewirken zu können.


Helga Fitzner - 7. November 2020
ID 12585
Diogenes-Link zu Fahrenheit 451


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