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Krimi

Frau Hauptmann





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Natalia Ivanova ist die Kommissarin und Protagonistin, die in St. Petersburg den Mord an einer jungen Frau aufklären soll. Schon im Prolog wird klar, dass diese Frau eine politische Aktivistin, eine sogenannte Dezembristin, war. Doch war dies auch der Grund sie aus dem Weg zu räumen? Dem soll Frau Hauptmann, wie in der russischen Hierarchie die Kommissarin genannt wird, nachgehen – eigentlich. Doch da gibt es noch Sledkom und andere staatliche Organisationen, die für Ruhe und Ordnung sorgen. Für uns nicht ungewöhnlich ist das Kompetenzgerangel um einen Kriminalfall, das sich auch in hiesigen Krimis niederschlägt. Aber neu ist die Härte, mit der geklärt wird, wer für welche Angelegenheiten zuständig ist, insbesondere wenn gewisse Details nicht in die Öffentlichkeit gelangen sollen oder ein Bauernopfer gesucht wird.

Korruption in öffentlichen Einrichtungen ist ein zentrales Thema in dem Krimi Blutrot ist das Schweigen. Als Nicht-Russland-Kennerin ist mir die Hierarchie der Polizei und ihrer übergeordneten Einrichtungen unbekannt. Ich muss dem Lauf der Dinge folgen, wie auch Begriffe lernen. So steht "Ment" für einen Polizisten oder eine Polizistin. Auch andere wohl im Russischen gebräuchliche Begriffe streut der Autor als Insiderwissen ein ohne sie zu erklären. Die Auseinandersetzungen zwischen den Menschen, egal auf welcher Ebene, sind von außerordentlicher Brutalität geprägt. So schildert Tatjana Iwanowa das Treffen mit einer Kollegin.


"Diese Lippen. Sie schminkte sich nicht aus Eitelkeit. Natalja erinnerte sich an eine Geschichte über eine Ment, die sie vor zwei, drei Jahren gehört hatte. Sie kramte in ihrem Gedächtnis nach ihrem Namen: Dubnik... Sergeant Tatjana Dubnik. Sie hatte mit 20 Stichen im Gesicht genäht werden müssen, nachdem sie ein eifersüchtiger Ex-Freund verprügelt hatte. Das Organ, das bei ihm für das Denken zuständig war, hatte ihn schlussfolgern lassen, dass kein anderer sie mehr haben wollen würde, wenn er ihr Aussehen ruinierte." (S. 73)


Zurück zum Fall. Kurz nach dem Auffinden der Leiche der Dezembristin wird deutlich, dass auch ein Kunstprofessor namens Max am gleichen Tag verschwunden ist. Er lebte mit seinem Bruder zusammen, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Oleg liebt Bodybuilden, fährt gerne interessante Autos, und er würde sich gut als Täter eignen. Schnell wird deutlich, dass auch Max einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein muss, wenn auch seine Leiche noch nicht gefunden wurde. Frau Hauptmann will nicht ruhen, bevor ihr dies geglückt ist, und gerät in Interessenskonflikte. Wer der wirkliche Mörder ist und welche Motive er verfolgt, bleibt fast bis zur letzten Seite unklar.

Dafür erfahren wir viel über das Projekt, an dem beide Mordopfer gearbeitet haben. Mit einer Drohne wollten sie nicht registrierte Immobiliengrundstücke enttarnen, die von Personen, die mit ihrem Gehalt niemals ein solches Luxusanwesen kaufen könnten, bewohnt werden. Da liegt Korruption nahe.

*

Das Buch offenbart deutliche Kritik am System in Russland. Das Immobilienprojekt ist über YouTube-Veröffentlichungen von Regierungskritiker Alexei Nawalny inspiriert. Die Dezembristen gibt es in der Realität nicht, doch bestehen Anleihen zum anarchistischen Künstlerkollektiv Woina. Besser bekannt ist deren Splittergruppe Pussy Riot. Damit passt das Buch hervorragend in unsere aktuelle Zeit, wo Putin auch außenpolitisch für Gewalt und Terror steht.

Irritierend bleibt für mich dennoch, dass der Autor weder Russe ist noch jemals in Russland gelebt hat. G.D. Abson wuchs auf Militärbasen in Deutschland und Singapur auf, bevor er nach Großbritannien zog und unter anderem Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Russland studierte. Heute lebt und arbeitet er als selbstständiger Business-Analyst im Süden Englands. In der Danksagung im Buch erscheinen ausschließlich englische Namen, was zu seinem Wohnort passt, russische oder andere osteuropäische Namen suche ich vergeblich. Das lässt bei mir gewisse Zweifel aufkommen, ob hier wirklich ein interner Einblick geliefert wird, oder ob es in der Realität anders (nicht unbedingt besser) ablaufen könnte.


Ellen Norten - 29. November 2022
ID 13938
Rowohlt-Link zu Blutrot ist das Schweigen


Post an Dr. Ellen Norten

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