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Novelle

Blitzwitze und

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„Ein Krümel wurde hier genauso wenig geduldet wie ein Gähnen. Martha fürchtete sich, in ein Stück Brot oder in einen der Mandelkekse zu beißen. Löste sich ein Krümel aus Brot oder Keks, fragte sie sich, was sie mit ihm tun, ob sie den Krümel schnell in den Mund, über die Reling werfen oder einfach ignorieren sollte, bevor Madame Tabarins alarmierter Blick ihn entdeckte und nach einem Angestellten rief.“ (Anna Katharina Fröhlich, Die Yacht, S. 98)

*

Es gibt selten Bücher, die sich so eintönig, langweilig und albern lesen, wie Anna Katharina Fröhlichs schmaler Band Die Yacht . Martha, eine junge Frau, gerät während eines monatelangen Italienaufenthaltes über Zufallsbegegnungen in wohlhabende Zirkel und verliebt sich.
Der Band bietet fortwährend ausführliche, schwülstige Beschreibungen und seitenlange Monologe voller Nichtigkeiten und enervierend belehrender Passagen. Die Erzählerposition bleibt stets steif, dünkelhaft, überkandidelt und wichtigtuerisch.

Martha taucht ein in die gepflegte Konversation ihrer neuen Bekanntschaften auf Sizilien. Die gewählte Wortwahl scheint dabei geprägt von Französismen wie „galant homme“ (S. 68). Es werden englischsprachige Limericks zitiert (S. 72), die nicht übersetzt werden. Ständig baut Fröhlich Fremdworte ein, die nicht erklärt werden, wie „Extempore“ (S. 76), „Gouachen und Veduten“ (S. 95), „das Grün einer Wasseragame“ (S. 87) oder fragwürdige Wortzusammensetzungen wie „eines Kampfmönchs“ (Ebd.). Das Huhn brät im Ofen auf „Bordelaiser Art“ (S. 144). Ärgerlich ist insbesondere regelmäßig kursiv hervorgehoben sogenannte Product Placements, u.a. „Eau de Toilette N°89 von Floris“ (S. 77) oder „Hilditch & Key“ (S. 96), welche einen exquisit auserwählten Geschmack der wohlhabenden neuen Bekanntschaften Marthas nahelegen.

Die Autorin interessiert sich ansonsten scheinbar kaum für ihre Figuren. Das Figurengeschehen wird so nebensächlich abgetan, wenn plötzlich unvorbereitet eine unvorhergesehene neue Bindung Marthas zur Zufallsbekanntschaft Madame Tabarin erwähnt wird:


„Manchmal begleitete Martha sie, immer auf der Suche nach Motiven.“ (S. 79)


Die Heldin der Geschichte, Martha, bleibt dabei blass, man erfährt wenig über ihre Beweggründe und Emotionen. Marthas Erstarken während einer Schluss-Pointe wird im Verlauf der Erzählung nicht vorbereitet und erscheint so recht unglaubwürdig.

Die Sprache, mit Adjektiven überfrachtet, verliert sich in nicht-wissenswerten Details. Eine Atmosphäre vermittelt sich in dem wenig sinnlichen Buch so nicht. Kunstbeflissen erscheinende Sätze wirken geschmack- und gedankenlos. So heißt es über eine wichtige Nebenfigur, den Lebenskünstler Spinelli:


„Insgesamt hatte er mehr Löcher in seiner Garderobe aufzuweisen als der Heilige Sebastian Wunden an seinem Körper.“ (S. 145)


Auch die Garderobe Marthas ist oft Thema, was in Sätzen gipfelt wie:


„In dem roten Kleid von Mrs Moore fühlte sie sich wie eine Geranienblüte.“ (S. 158)


In ihrem fünften Werk zitiert Fröhlich mal mögliche Vorbilder, die für Erzählungen bekannt wurden, wie Dorothy Parker (S. 88), Katherine Mansfield (S. 88) oder Oscar Wilde (S. 96). Es fallen aber auch Namen der Kunst- und Geistesgeschichte wie Baselitz und Platon (S. 150) oder Aristoteles (S. 157). Während der Mahlzeiten werden Byron und Rousseau zitiert, es wird im gleichen Atemzug auf den französischen Maler Claude Lorrain und den italienischen Bildhauer Canova verwiesen (S. 146).

Ein Spannungsbogen fehlt dabei gänzlich, die Figuren sind eindimensional, oberflächlich und klischeehaft gezeichnet, das Geschriebene erscheint oft kitschig und eitel-elitär. Da Schwelgen die Figuren in Attitüden, ohne das je Ironie oder Sarkasmus durchscheinen. Andere werden als lächerlich oder Gecken abgetan (S. 148f.). Geplänkel gipfelt in elitären Ausrufen. So erspäht ein Monsieur Tabarin die titelgebende Yacht in einer Bucht durch ein Fernglas und spekuliert:


„Manchmal hat man ja Glück, manchmal kann sich auch ein intelligenter Mensch auf so einem Boot befinden!“ (S. 70)


Schlussendlich ist auch der Untertitel des Werkes, „Eine Sommernovelle“, der vielleicht an Klassiker wie Schloss Gripsholm von Kurt Tucholsky erinnern soll, ein bisschen eine Mogelpackung. So fehlen typische Merkmale der Textsorte Novelle (abgeleitet vom italienischen Wort "novella", was "kleine Neuigkeit" bedeutet); es gibt etwa keine Rahmen- und Binnenhandlung, kein außergewöhnliches Ereignis, keinen Höhe- und Wendepunkt. Die Anzahl der Charaktere ist unübersichtlich und die Themen, denen sich die Charaktere widmen, erscheinen alltagsfern.

Eine Lektüre von Die Yacht ist vertane Zeit, auch wenn das kunstvolle Cover-Bild farbenfroh-sommerlich und keck dazu einlädt.


Ansgar Skoda - 6. Juli 2024 (2)
ID 14827
Friedenauer Presse-Link zu Die Yacht


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