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Roman

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„Sie weiß, dass er seit Jahren eine Art Roman über sie schreibt, oben in seinem Zimmer, wo er sich regelmäßig Notizen macht, denn das tut er, er führt Buch über sie, das tägliche Auf und Nieder, Abstürze und Besserungen, ihren flatternden Blick und wie sie schläft und isst oder was sonst er für bemerkenswert halten mag, dass sie allmählich verrückt wird.“ (Michael Kumpfmüller, Ach, Virginia, S. 19)

*

Funktionieren Größen der Weltliteratur immer auch als literarische Figuren? Romane über das Leben bedeutender Autoren verkaufen sich oft mindestens so gut wie Biografien über sie. Manchmal gelingen sie wenigstens teilweise, wie in Du sagst es (2016) von Connie Palmen, in H.J. Schädlichs Felix und Felka (2018) oder in Hans Pleschinskis Wiesenstein (2018).

Die Britin Virginia Woolf (1882-1941) gilt mit ihrem sprachmächtigem Oeuvre als wohl bedeutendste Autorin der englischen Moderne. Zu Woolf erscheinen auch heute noch regelmäßig Biographien, so wie vor einem halben Jahr Virginia Woolf: And the Women who shaped her world von Gillian Gill. Nach über 70 Jahren des Todes werden Werke bedeutender Autoren ja ohnehin gemeinfrei, denn dann läuft die gesetzliche Schutzfrist ab. Die Schriftstellerin und Verlegerin diente jedoch mit verbürgten Briefen bereits 1998 als Vorlage für eine Romanfigur. Im Pulitzer-preisgekrönten Roman The Hours verwendet Michael Cunningham Woolf als Protagonistin und verarbeitet persönliche Aufzeichnungen von ihr. Cunningham setzte hier aber auch ihrem literarischen Schaffen und insbesondere ihrem Roman Mrs Dalloway (1925) ein Denkmal. Stephen Daldrys kongeniale Verfilmung von The Hours (2002) brachte Nicole Kidman, welche die Autorin darstellt, einen Academy Award ein.

Woolf litt zeitlebens unter Wahnvorstellungen, Halluzinationen und psychotischen Episoden. Die Erfahrung dieser existentiellen Krisen verarbeitete sie auch kunstvoll in ihrem literarischen Werk. Als ikonisch und einer der bekanntesten weiblichen Suizide des 20. Jahrhunderts gilt Woolfs Freitod durch Ertrinken am 28. März 1941. Er förderte Woolfs Kanonisierung und diente auch in The Hours sozusagen als ein Leitmotiv. Um die genauen Umstände und Hintergründe ihres Freitods im Fluss Ouse in Sussex ranken sich bis heute Spekulationen.

Hier setzt Michael Kumpfmüllers Roman Ach, Virginia (2020) an, der von den letzten Tagen und Wochen Woolfs vor ihrer Selbsttötung erzählt. Kumpfmüller beschreibt das Innenleben Woolfs, ihre psychischen Ängste, mentalen Zusammenbrüche und manischen Depressionen. Er setzt sie dabei meist in kein rühmliches Licht, wenn er sie vor allem als hysterisch oder irrational zeichnet. Sie schrubbt regelmäßig die Böden, um ihr Leben als sinnstiftend wahrnehmen zu können. Sie bezeichnet ihren ebenfalls literarisch begabten Ehemann Leonard als „Folterknecht“ (S. 142) und ist vor allem „kaputt“ (S. 143):


„Sie ist ernsthaft krank, in ihrem Kopf ist jede Menge kaputt, ihrer Seele, oder wo auch immer ein Mensch kaputtgeht und nicht ohne Weiteres repariert werden kann.“ (S. 44)


Dritte und erste Person Singular wechseln regelmäßig, etwa wenn Zwiegespräche angedeutet werden:


„… ich bin nur meine Krankheit, und was nicht krank an mir ist, bin nicht ich.“ (S. 160)


Kumpfmüller lässt Woolf klischeehaft durch Seelenräume des Halbschlafs spazieren, wo sie (natürlich) dem Vater, Bibliotheken und einem großen Ich-Raum begegnet. Kumpfmüller erwähnt - mal in Nebensätzen, mal mit detailreichen Ausschmückungen - bekannte Weggefährten, wie die Schwester Vanessa Bell, die Geliebte Vita Sackeville-West, Hugh Walpole, John Maynard Keynes und die Bloomsbury Group. Man ertappt sich als Leser regelmäßig dabei, die Romanbiographie Ach, Virginia zu simpel und anmaßend, durchschaubar und oberflächlich zu finden. Einige Bewusstseinsströme aus der Perspektive der Figur Woolf lesen sich wie eine vermessene und herablassende Frechheit, etwa wenn Woolfs Wahrnehmung von Kälte in eine gar zu romantisierte, triviale und alberne Todessehnsucht mündet:


„…, weil noch lieber als in den Fluss würde sie sich da draußen unter eine Decke aus Eis und Schnee legen, damit alles schön frisch bleibt, wenn man nicht mehr ist: Man nickt kurz ein, und wenn man aufwacht, hat man rote Bäckchen vom Schlafen und ist tot, aber weiterhin angenehm anzusehen, so im weißen Bettchen und unter den warmen Decken, die auch wirklich alles zudecken bis auf das Köpfchen, das mit einem Lächeln herausschaut und weiterschlafen möchte für immer.“ (S. 136)


Es ist ein infantiler Unsinn, den Kumpfmüller Woolf zuschreibt, der in Dummheiten, Plattheiten und Zotigem gipfelt. So tauchen bei Kumpfmüller in Woolfs Gedanken natürlich auch mehrfach zentrale Geschlechtsorgane auf:


„Fragen sind wie Penisse; sie verlangen zu den unmöglichsten Zeiten Zutritt, und deshalb ist es doch gut, dass Leonard so gar nicht mehr fragt und nicht mal den Kopf über sie schüttelt, wozu er jedes Recht hätte.“ (S. 147)


Kumpfmüllers Idee von Woolf ist arg einfach gestrickt und wenig überraschend. Regelmäßig werden ihr Ich-Bezogenheit oder Egoismus (S. 135, S. 180), auch in negativen Selbstbildern zugeschrieben:


„Doch sie hasst es, dass es alle gut mit ihr meinen, dieses Gutmeinen macht sie immer nur kränker. Vielleicht müsste ihr mal jemand ins Gesicht schlagen oder die ungeschminkte Wahrheit sagen, wie eitel und verzogen sie ist; womöglich wäre sie dann auf der Stelle gesund und könnte zurück an die Arbeit.“ (S. 92)


Schlussendlich werden die letzten Seiten perspektivisch aus der Sicht von Woolfs Ehemann Leonard erzählt. Leonard erlebt nach Virginias Selbstmord einen späten Frühling. Der Romanplot ist bereits zuvor in seichte, vorhersehbare und klischeereiche Fahrwasser abgedriftet. Der Autorin Virginia Woolf, ihrem schöpferischen Werk und ihrem Ton wird Ach, Virginia weder als Biografie noch als Roman gerecht. Über die Erfahrung des Krieges, die Verzweiflung und das Krankheitsbild der Woolf erfährt man wahrscheinlich mehr aus ihren eigenen, subtileren, vielstimmigeren Romanen. Die Möglichkeit des Freitods ist ja bereits in Mrs Dalloway oder auch ihrem Debüt The Voyage Out (1915) ein zentrales Thema. Immerhin zitiert die reale Woolf im letzten Satz aus ihrem, im Kontrast zu Kumpfmüllers Plot, erstaunlich würdevollen und unsentimentalen Abschiedsbrief an ihren Mann ihren Roman The Voyage Out: „I dont think two people could have been happier than we have been“. Ihre Romanheldin Rachel Vinrace stirbt hier. Vinraces Bräutigam erlebt bald nach ihren Tod ein neues Glück; womöglich fast wie im wirklichen Leben.


Ansgar Skoda - 1. Juni 2020
ID 12275
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