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„Unfassbar

divers“





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Das Team des Katapult-Verlages (102 grüne Karten zur Rettung der Welt) hat es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Fakten so aufzubereiten, dass sie in Form von Grafiken und kurzen Erläuterungen allgemeinverständlich sind. Nun haben sich Daniela Krenn, Sebastian Haupt und ein ganzes Team von MitarbeiterInnen daran gemacht, ausgiebig über Themen rund um die Sexualität zu recherchieren, die teilweise locker flockig daher kommen, aber auch in den ein oder anderen Abgrund schauen lassen.

Das Buch scheint etwas ernster, als man es von den Greifswalder AutorInnen gewohnt ist, aber ein bisschen schimmert ihre anarchistisch anmutende Attitüde noch durch. Die Leserschaft kann sich an dem Suchspiel beteiligen, wie viel Vulven in den Grafiken versteckt wurden. Das sind aber keine pornografischen Abbildungen des weiblichen Geschlechtsteils, sondern schematische Zeichnungen. „Zur Sexualität gehört weit mehr als der Körper. Es geht um Liebe, Leidenschaft, Geschlechterrollen und Identität. Und um gesellschaftliche Normen. Lange galt in diesen Bereichen wie selbstverständlich ein binäres Konzept von Mann und Frau. Die Wirklichkeit aber ist vielfältiger... einfach unfassbar divers“, heißt es im Vorwort. Als Beweis sind 25 Flaggen zur sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität abgebildet. Die Begriffe werden nicht erklärt, weil das den Rahmen eines Grafikbuches sprengen würde, für DurchschnittsbürgerInnen dürfte es kaum möglich sein, die einzelnen Ausrichtungen voneinander abzugrenzen. Man kann ohne gezielte Gendersensibilisierung durchaus zu dem Schluss kommen, dass Sexualität so individuell ist wie ein Fingerabdruck.

Kaum ein Ausdruck dürfte so viele Umschreibungen aufweisen, wie „Sex haben“. Neben martialischen Begriffen wie „nageln“ (Großbritannien), „hämmern“ (Italien) und „sich gegenseitig fressen“ (Türkei) sind die Österreicher die Champions im Schmäh: „tupfen“, „schnackseln“, „pudern“ u.ä. dürften zumindest für viele Frauen da schon einladender klingen. Gefolgt werden die Ausführungen von einer Grafik, die nicht stimmt. In dieser geben Männer und Frauen nach Altersgruppen getrennt die Anzahl ihrer SexualpartnerInnen an. Männer stocken ihre Zahlen ganz gerne auf und Frauen halten sie niedrig, was an den unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen läge.

Insgesamt sind Frauen mit ihrem Sex zufriedener als die Männer! Auf dem prozentualen Siegertreppchen stehen die Frauen zwischen 66 und 75 Jahren, zumindest sind die in dieser Altersgruppe noch aktiven Damen zu 77,7 Prozent zufrieden, die Männer in der Sparte gerade mal zu 58,4 Prozent. Beide Geschlechter wurden nach ihrer positiven Körperwahrnehmung befragt, auch da liegen die Älteren ab 55 Jahre vorne. Was die beliebteste Sexstellung angeht, liegt der Reiter auf Platz 3, der Missionar nur auf Platz 2, denn die Hündchenstellung ist mit 27,8 Prozent an ihnen vorbeigezogen, laut einer Statistik von 2017.

Was die Beschneidung von Jungen angeht, so ist bekannt, dass es ein religiöses Ritual im Judentum und bei Muslimen ist. Das ist auf der Weltkarte deutlich zu erkennen mit schwarz eingezeichneten Ländern, bei denen die Rate über 90 Prozent liegt. In den überwiegend christlich geprägten USA sind trotzdem über 70 Prozent der Männer beschnitten, darunter auch Christen im so genannten Bibelgürtel im Südosten der Vereinigten Staaten. Ursprünglich wurde die Beschneidung in Wüstengegenden vorgenommen, wo die hygienischen Verhältnisse aufgrund des Wassermangels kritisch sind. Ein unbeschnittener Mann gilt in den USA als unsauber, obwohl dort in der Regel genug Waschgelegenheiten vorhanden sind.

Die rund 200 Millionen beschnittenen Frauen und Mädchen stammen aus afrikanischen Ländern und Indonesien. Die AutorInnen nennen es „weibliche Genitalverstümmelung“, und jedes vierte Mädchen stirbt während des Eingriffes oder an dessen Folgen.

Der Stellenwert von Frauen wird durch zwei Karten besonders deutlich: Die Grafik aller Länder mit einer vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern führte zu der völlig leeren Seite 106. Gibt es nicht. Auf einer Weltkarte wird illustriert, wo mehr Frau als Männer geboren werden. Die Karte ist durchgehend grau, die orange Farbe für Frauen kommt nicht erst zum Einsatz. China und Indien gehören zu den Ländern, die 20 bzw. 10 Prozent mehr männliche Abkömmlinge aufweisen. Es gibt Staaten, in denen Abtreibungen legal sind, wie in China oder überwiegend straffrei wie in Indien, wo Mädchen oft nicht gewollt werden.

Eine der witzigsten Karten ist die über die Ursachen von Homosexualität. Die Weltkarte ist in hellem blau gehalten und sonst nichts. Die Legende hat zwei weitere Farben zur Auswahl. Dunkelblau wäre für Länder, in den Homosexualität aus dem Westen importiert ist: kein dunkelblaues Fleckchen zu entdecken. In rot sollten Länder gekennzeichnet sein, in denen Kinder durch Sexualkunde oder linksgrüne Propaganda homosexuell werden. Kein rot zu entdecken. ALLE sind Länder, in denen Homosexualität von Natur aus besteht. Weitere Erhebungen zu Beispielen in der Tierwelt untermauern diese Naturgegebenheit, auch zu anderen Aspekten.

Was Genderfragen angeht, wird auch auf die Gesetzeslage eingegangen. In Saudi-Arabien z. B. müssen Trans-Personen mit der Todesstrafe rechnen. Rund um diesen Themenbereich erfährt man viel Interessantes, z. B. dass die meisten Menschen ihre Geschlechtsidentität kennen, bevor sie 14 Jahre alt sind.

Es gibt weitere Auswertungen: zu sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe gegen Frauen, Männer, Mädchen und Jungen, zu Verhütungsmethoden, HIV-Infektionen, Inzest, Pädophilie und vielen weiteren Themen. Mit gewohnter Akribie und Neugier haben die AutorInnen des Katapult-Verlages wieder über relevante Themen recherchiert und ihre Ergebnisse kundgetan. Ohne „Erklär-Bär“ oder betreutes Lesen überlassen sie es der Leserschaft, aus den vorgelegten Informationen ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Es wird klar, was für ein weites Feld die Sexualität darstellt, dass sie längst nicht nur Privatsache ist, sondern letztendlich beinahe alle Lebensbereiche umfasst. Die Grafiken und Statistiken illustrieren, wie stark auch der Einfluss der Gesellschaft, Politik und insbesondere der Gesetzgebung ist.


Helga Fitzner - 1. Oktober 2021
ID 13177
Katapult-Link zu den 100 Karten über Sex


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