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China

süß-sauer





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Neben den vielen Berichten über die Ukraine und Russland taucht immer wieder China in den Nachrichten auf. Das riesige Reich der Mitte hat eine immense geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung, und wenn „es“ z.B. den Hamburger Hafen mitfinanzieren will oder Kanzler Scholz zum Besuch empfängt, dann hat das auch Auswirkungen auf Deutschland. Der rührige Katapult Verlag hatte noch nie Angst vor großen Themen (siehe beispielsweise seine 102 grünen Karten zur Rettung der Welt) , und dieses Mal haben die Sinologen Merle Schatz und Thorben Pelzer sich an das mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Erde herangewagt. In bewährter Verlagsmanier stellen sie komplexe Sachverhalte anhand von Statistiken und entsprechenden Grafiken dar, da kann es um die Todesstrafe gehen, aber auch um das Schienennetz oder die Geburtenrate. Die China-Sachverständigen sind mitunter zwiegespalten: sie sprechen von

„einer anstrengenden und herausfordernden Mischung aus Politik, Ethik, kultureller Vielseitigkeit und Faszination... [meinen] dass China-Affinität und China-Kritik nicht im Gegensatz zueinander stehen müssen, sondern dass berechtigtes Unbehagen gegenüber einem politischen System eine Offenheit gegenüber Kultur und Gesellschaft nicht nur nicht ausschließt, sondern sogar voraussetzt. Denn nur so wird eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Land und seiner Bevölkerung erst möglich.“ (S. 5)


Es ist nicht alles Panda, was aus China kommt, obwohl sich weltweit viele Zoos über die Geschenke oder Leihgaben der possierlichen Bären freuen, darunter der Berliner Zoo. Einigen Tierparks, wie dem in Mexiko Stadt, ist sogar die Nachzucht gelungen. Bei Menschen war das in China lange Zeit nicht erwünscht. Die Geburtenraten sollten gesenkt werden, woraufhin 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde, die erst 2015 aufgehoben und 2016 durch die Zwei-Kind-Politik ersetzt wurde (S. 36). Da insbesondere weibliche Föten abgetrieben wurden, besteht heute ein Frauenmangel. Die Männer sind mit 36 Millionen in der Überzahl (S. 39). Im Jahr 2021 wurde die Geburtenkontrolle wieder aufgegeben.

Während China ein reichhaltiges Kinoland für sich ist, das weit über Martial-Arts-Filme hinausgeht, hat Hollywood längst den lukrativen chinesischen Markt entdeckt und sich ihm angepasst. Doctor Strange von 2016 enthält in der Comic-Vorlage einen tibetischen Mentor, der durch eine Keltin ersetzt wurde. In Iron Man III (2013) spendierten die Produzenten eine zusätzliche Szene, in der chinesische Ärzte das Leben der Hauptfigur retten. Als in Pixels (2015) Außerirdische die Große Mauer zerstören wollten, musste stattdessen das Taj Mahal herhalten (S. 69).

Demonstrationen sind in China erlaubt, wenn sie überschaubar und friedlich sind: Es sei denn, es handelt sich um TibeterInnen und UigurInnen. 45 davon fanden zwischen Mai 2021 und Mai 2022 in Shanghai statt, andere Städte liegen zwischen 12 und 36 Demos in diesem Zeitraum, an denen zwischen 100 und 10.000 Menschen teilnahmen. - Der Anspruch, den China auf Tibet stellt, scheint in Stein gemeißelt zu sein. Die Stellung der Uiguren scheint da komplexer. Der Islam ist in China weiter verbreitet, als vielfach bekannt. In der Grafik „Moscheen in China“ wimmelt es vor Punkten, die über weite Teile des Landes verteilt sind (S. 107). Eine weitere Karte zeigt die Anschläge uigurischer Extremisten von 2012 bis 2017 und die Anzahl der Todesopfer (S. 113).

China führt mit geschätzt 1.000 Hinrichtungen zahlenmäßig die Statistik an (S. 185). Allerdings ist diese nicht in ein Verhältnis gesetzt, sei es zur Bevölkerungszahl, Anzahl der Anschläge o.Ä. In Xinjiang, im Nordwesten, existieren 385 Umerziehungslager (S. 109), die Mutmaßungen rangieren von Arbeitslager bis hin zu einem gezielten Genozid an den UigurInnen. Während die USA, Kanada, Europa und Australien sie verurteilen, betrachten viele muslimische Länder diese als legitimes Recht, das Land vor Dschihadisten zu schützen. Es ist von außen nicht beurteilbar. China nimmt in Sachen Pressefreiheit bei der Platzierung unter 180 Staaten den letzten Platz ein (S. 115), es gibt aber immerhin 12 Staaten, die weniger Freiheitsrechte als China haben, darunter Nordkorea (S. 137).

Das Reich der Mitte ist in vieler Hinsicht ein Gigant. Deutschland würde flächenmäßig 27 mal hinein passen (S. 127). - Die einzigen Länder, die die USA noch für die führende Wirtschaftsmacht halten, sind die USA selber, Südkorea und Japan, alle anderen, auch Deutschland, nannten China (S. 179). Eine weitere Grafik weist viele, meist afrikanische Länder, aus, die bei den Chinesen mit mehr als 20 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes verschuldet sind (S. 97). Derweil geht Chinas Hafen-Shopping immer weiter. Zur beeindruckenden Karte mit den von China mitfinanzierten Häfen, kann jetzt auch Hamburg eingetragen werden (S. 95).

Die grüne Mauer wird auf dem Buchcover gezeigt. Während die vielen Kohlekraftwerke kritisiert werden, wird der Naturschutz im Buch aber nicht weiter behandelt. Es ist das größte Wiederaufforstungsprojekt in der Menschheitsgeschichte und hat die Wüstenbildung deutlich eingedämmt. Das Projekt ist für 72 Jahre angedacht, es wurden Fehler gemacht, aus denen man aber gelernt hat.

Auch bei der Armutsbekämpfung geht es gut voran (S. 191). Seit 2013 geht die Armutskurve sowohl für das städtische als auch das ländliche China gegen null. Das gilt zwar nur für extreme Armut, ist aber ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.

Dies und viele andere Aspekte, teilweise informativ, spannend oder auch skurril, sind in den 100 Karten über China zu bewundern. Wie immer hält sich der Verlag mit vorgegebenen Interpretationen zurück, liefert aber ausreichend Material, sich zu informieren, selber eine Meinung zu bilden oder auf eigene Faust weiter zu recherchieren. Das Geheimnis des chinesischen Wirtschaftserfolgs lässt sich aus den Grafiken nicht ermitteln.


Helga Fitzner - 8. November 2022
ID 13901
Katapult-Verlagslink zu den 100 Karten über China


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