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Rothschilds Kolumnen

Richter ohne Richter

In der Stuttgarter Zeitung vom 06.08.2020 befragt deren Literaturredakteur Stefan Kister die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach Sandra Richter über die gegen sie erhobenen Vorwürfe [s. Karlsruhe, Marbach und überall]. In dem Interview heißt es unter anderem mit Bezug auf die vernachlässigte Präsenzpflicht:

„Was spricht eigentlich dagegen, nach Marbach zu ziehen?

In modernen Familien kommt es vor, dass beide Teile an verschiedenen Orten sind. Die gegenwärtige Lebenssituation ist sicher nicht auf Dauer angelegt, langfristig möchte ich mich in Richtung Süden verändern. Zurzeit geht das noch nicht. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Aber ich habe eine Zweitwohnung in nächster Nähe zum Archiv, in der sich gerade meine Kinder aufhalten, und hoffentlich nichts anstellen.“


Sandra Richter hatte von 2008 bis zum Amtsantritt in Marbach einen Lehrstuhl an der Universität Stuttgart inne. Das ist immerhin ein gutes Jahrzehnt. Stuttgart liegt 25 Kilometer von Marbach entfernt und ganz entschieden im Süden Deutschlands. Haben 12 Jahre nicht ausgereicht, um sich langfristig in Richtung Süden zu verändern? Und bleiben die Absenzen vom Dienst in Forschung und Lehre, ausgefallene Vorlesungen, Seminare und Sprechstunden ohne Folgen? Offenbar. Die beteiligt waren an Berufungen nach Stuttgart, Marbach oder sonst wo hin, haben kein großes Interesse daran, dass die Berufenen kritisiert werden. Dass sie diese gegenüber Vorwürfen verteidigen, ist kaum verwunderlich. Es ist in ihrem Interesse. Man könnte sonst auf die Idee kommen, zu recherchieren, wie sehr sie sich über die Kandidaten im Wissenschafts- oder im Kunstbereich kundig gemacht haben. Aber die Medien dürften schon genauer nachhaken. Etwas mehr sollte dem Redakteur der Stuttgarter Zeitung schon einfallen als die Frage: „Hatten Sie nicht zuletzt manchmal Lust, das Ganze hinzuschmeißen und an die Universität zurückzukehren?“ Damit Sandra Richter dort langfristig fortsetzt, womit sie in Marbach möglicherweise – wohl aber doch nicht – gescheitert ist? Für alle Fälle hat sie sich das Recht zur Rückkehr an die Universität gesichert, und das Ministerium hat ihrem Begehr entsprochen. Hängt alles nur davon ab, worauf Sandra Richter manchmal Lust hat? Die Affäre scheint ja wohl mehr zu sein als ein „Pausenfüller für das Sommerloch“.

Thomas Rothschild - 5. August 2020
2693

Stellenausschreibung

Wir weisen unsere Leser auf eine Stellenausschreibung des deutschen PEN-Zentrums hin. Gesucht wird ein Angestellter für die Projektkoordination Writers in Prison und literarisches Leben. Verlangt wird folgende Qualifikation:

"Sie können ein abgeschlossenes Studium vorweisen oder haben eine Verwaltungsfachausbildung / kaufmännische Ausbildung erfolgreich absolviert
- Sie verfügen idealerweise über mehrjährige Berufserfahrung in einer ähnlichen Position, bspw. als Vorstands- oder Geschäftsführungsassistenz
- Sie haben eine ausgeprägte Zahlenaffinität, verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe und können sich zügig in komplexe Sachverhalte einarbeiten
- Sie verfügen über Erfahrungen in der Beantragung und Abrechnung von Drittmitteln/Förderanträgen und im Vergaberecht
- Sie kennen sich in der Vereins- oder Verbandsarbeit aus
- Sie haben Erfahrungen in der Organisation von Veranstaltungen oder Tagungen
- Sie zeichnen sich durch eine proaktive, selbständige und strukturierte Arbeitsweise aus und behalten Ihr souveränes Auftreten auch in Stresssituationen
- Sie verstehen es, auf verschiedenen Ebenen zielgerichtet zu kommunizieren
- Sie sind ein Teamplayer, bringen ein ausgeprägtes Kommunikationsvermögen mit, sind offen für Neues, konfliktfähig und flexibel
- Die Menschenrechte liegen Ihnen am Herzen
- Wünschenswert sind gute Kenntnisse des deutschen Literaturbetriebs
- Fremdsprachenkenntnisse erwünscht
- Gender- und Diversitätskompetenz setzen wir voraus"


Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass die Mitglieder des PEN-Vorstands, allen voran die Präsidentin Regula Venske und der Generalsekretär Heinrich Peuckmann, über die Qualifikationen verfügen, die sie von einer abhängigen Mitarbeiterin, einem abhängigen Mitarbeiter (3367,04 Euro Monatsgehalt) erwarten. Alles andere wäre mit den hehren Ansprüchen des Vereins kaum vereinbar. Schon wegen der Diversitätskompetenz oder so. Obwohl, wenn man‘s genau bedenkt: die Damen und Herren des Vorstands sind ja damit beschäftigt, Weltliteratur zu produzieren. Da kann man von einer Projektkoordinatorin, einem Projektkoordinator schon etwas mehr verlangen. Irgendwer muss die Arbeit schließlich erledigen. Mit ausgeprägter Zahlenaffinität (um es in angemessen literarischer Sprache auszudrücken).

Thomas Rothschild - 25. Juli 2020 (2)
2692

Arno Widmann und der Rassismus

In der Berliner Zeitung reist Arno Widmann, der langjährige Reisende durch die deutschen Feuilletons, „durch die Kulturgeschichte des Rassismus“. Nach mancherlei Bedenkenswertem gelangt er zu der apodiktischen Behauptung: „Es gibt keine Reinheit. Sie einzufordern ist selbst Rassismus.“ Diese verblüffende, aber in ihrer Rhetorik ziemlich ausgelutschte Pointe folgt dem Muster der Kinderreplik „das bist du und was bin ich“ auf die Beschimpfung als Esel oder als Trottel. Die Forderung nach Reinheit – in diesem Zusammenhang: der Ideen, der Gedanken – mag unsinnig sein oder beschissen, unproduktiv oder verbohrt. Mit Rassismus hat sie so viel zu tun wie die Forderung von Logik mit Pädophilie.

Widmann müsste nur seinen eigenen Artikel lesen. Dort zitiert er gleich zu Beginn eine brauchbare Definition von Rassismus. „Wenn Menschen nicht nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften oder danach, was sie persönlich tun, sondern als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe beurteilt und abgewertet werden, dann ist das Rassismus.“ Was hat die Forderung von Reinheit der Ideen – an Kant oder an sonst wen – mit der Beurteilung und Abwertung von Menschen als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe zu tun? Nichts. Aber indem Widmann den Kritikern von Rassismus unterstellt, sie seien selbst Rassisten, setzt er diese ohne weitere Argumente ins Unrecht und eskamotiert zugleich die Kategorie des Rassismus aus der Debatte.

Es gibt gute Gründe dafür, das Denken in seiner Widersprüchlichkeit auszuhalten, ja gerade „das zu mögen“. Es gibt schlagende Argumente gegen die Beseitigung von verstörenden Erinnerungen und damit auch der Herausforderung, sich mit ihnen (kritisch) auseinanderzusetzen. Aber die undifferenzierte Einebnung von Begriffen ist dabei nicht hilfreich. Wer alles, was ihm oder ihr nicht gefällt, zu Rassismus macht, beraubt den Rassismus seiner spezifischen Bedeutung. Er bedarf dann ebenso wenig der Ablehnung und der Bekämpfung wie die Schwerkraft.

Ist es das, was Arno Widmann bezweckt? Wohl nicht. Eher schon als Absicht ist sein Sermon Gedankenlosigkeit. Auch eine Möglichkeit, der Verunreinigung von Gedanken zu begegnen.

Thomas Rothschild - 7. Juli 2020
2688

Gesinnung und Literatur

Als Rolf Hochhuth neulich starb, taten die Nachrufe, was zu ihrem Wesen gehört: Sie hoben den Schriftsteller in einen Himmel, in dem anzukommen die Autoren dem Toten wohl wünschten. Nur sehr vorsichtig mischten sich in einige Nekrologe kritische Worte.

Die Wahrheit ist: Hochhuths Bedeutung lag in der Erinnerung an die politische Schuld des Stellvertreters Jesu Christi, in der Aufdeckung der Vergangenheit des „furchtbaren Juristen“ Hans Filbinger. Als Dramatiker war er von geringer Bedeutung. Für das Dokumentardrama, für das ihn manche Nekrolog-Schreiber lobend erwähnten, haben etwa Heinar Kipphardt oder Peter Weiss ungleich mehr geleistet, jedenfalls wenn es um Literatur und nicht bloß um Skandale geht. Zugespitzt ließe sich formulieren: mit Hochhuth hat die sich bis heute steigernde Tendenz begonnen, Themen für wichtiger zu halten als ästhetische Verfahren. Kritiker wie Heinrich Vormweg, Reinhard Baumgart oder Jörg Drews wussten noch Bescheid. Durchgesetzt hat sich Reich-Ranicki.

2015 hat die weißrussische Journalistin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch den Literaturnobelpreis erhalten, dessen sich für das Stockholmer Komitee weder Tolstoi, noch Tschechow, noch Gorki, noch Achmatowa, noch Mandelstam, noch Zwetajewa, noch Babel als würdig erwiesen haben. Jetzt bekommt Ljudmila Jewgenjewna Ulitzkaja den Siegfried Lenz Preis, nachdem sie bereits mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, geehrt wurde. (Was das über den Namensgeber Siegfried Lenz besagt, wäre eine eigene Überlegung wert.)

Beide, Alexijewitsch wie Ulitzkaja, haben sich durch couragierten Widerstand gegen Unrecht in Russland und gegen Putin Ansehen erworben und verdienen dafür jeglichen Respekt. Jeder Preis für politischen Mut wäre in beiden Fällen angemessen. Aber auch hier gilt: literarisch, künstlerisch, sprachlich sind beide, nicht nur innerhalb der russischen Literatur, allenfalls Autorinnen der Mittelklasse. Das können auch Jubelrezensionen und Laudationes nicht verschleiern. Ihre Verfasser machen sich allenfalls zu Komplizen eines Literaturbetriebs, dem es auf Literatur nicht mehr ankommt. Dass Literaturkritiker, die Romane danach beurteilen, was sie aus ihnen über die Wirklichkeit erfahren, Ljudmila Ulitzkaja loben, ist nicht weiter verwunderlich. Erstaunlicher ist schon, dass selbst Rezensenten, die ansonsten größten Wert auf die (sprachliche) Beschaffenheit von Literatur legen, plötzlich ins Schwärmen geraten, wenn sie über diese Autorin zu schreiben haben.

Man leistet der Literatur keinen Dienst, wenn man die Kriterien missachtet, die sie erst konstituieren, und stattdessen Literaturpreise für Gesinnung und Haltung vergibt. Damit trägt man bei zur Marginalisierung der Künste, zur Zerstörung der Wahrnehmung dessen, was Literatur ausmacht und von Journalismus oder politischem Aktivismus unterscheidet. Albert Einstein hatte viele Qualitäten und Fähigkeiten. Den Nobelpreis hat er für Physik erhalten. Und das ist gut so.

Thomas Rothschild - 17. Juni 2020
2685

Super-Superlativ

Zwei Mal im Jahr flattern – na ja, flattern ist angesichts des manchmal beträchtlichen Gewichts das falsche Verb –, neuerdings immer häufiger digital, die Kataloge der Verlage ins Haus. Dieser Tage traf die Herbstvorschau von Suhrkamp ein. Sie hat eindrucksvolle 180 Seiten. Da erfahre ich:

„Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist einer der bedeutendsten und auch international wirkmächtigsten deutschen Dichter und Essayisten.“

„Maria Stepanova ist die maßgebliche russische Gegenwartsautorin von weltliterarischem Rang.“

„Marie-Claire Blais, geboren 1939 in Québec, ist eine der maßgeblichen Autorinnen Kanadas.“

„Annie Ernaux (…) ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit.“

„Paul Celan (…) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg.“

„Elsa Dorlin (…) gilt als eine der führenden französischen feministischen Theoretikerinnen der Gegenwart.“

„Judith Butler ist die kreativste und mutigste Sozialtheoretikerin unserer Tage.“


Jonathan Lears Radikale Hoffnung ist „eines der tiefgründigsten und elegantesten Bücher der letzten Jahrzehnte.“

„Adam Przeworski, geboren 1940 in Warschau, gilt als einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler der Gegenwart.“

„Heiner Müller (1929-1995) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker und Theaterregisseure nach 1945.“

„Isabel Allende, geboren 1942 in Lima, ist eine der weltweit beliebtesten Autorinnen.“

„Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, zählt zu den wichtigsten irischen Krimiautoren.“

„Joanna Bator, 1968 geboren, gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur.“


Uff. Nun könnte man diesen Überbietungszwang als Einbruch der Sprache der Waschmittelwerbung in den literarischen Diskurs abbuchen. Aber ganz so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist solcher Superlativismus nicht. Wo die eigenen Angebote derart über den grünen Klee gelobt werden, wird alles Übrige unterschwellig als zweit- oder drittrangig denunziert. Es kann ja nicht nur wichtigste und bedeutendste oder gar wirkmächtigste Autorinnen und Autoren geben. Das würde den Superlativ seines vergleichenden Sinns berauben. Die Häufung von Superlativen ebnet die Unterschiede ein und besagt am Ende gar nichts mehr. Wie überraschend und zugleich erholsam wäre es, wenn der Verlag einen Autor mit den Worten vorstellte, er sei nicht ganz so bedeutend, seine Bücher seien nicht ganz so wichtig. Es verliehe dem Lob an anderer Stelle wieder Gewicht.

Damit wir uns nicht missverstehen. Was hier dokumentiert wurde, ist keine Besonderheit des Suhrkamp Verlags. Es gilt für (fast) alle Kataloge, die jedes Halbjahr ins Haus flattern. Ein schwacher Trost. Die Lust am Superlativ zählt zu den dümmsten und verzichtbarsten Unsitten der Selbstanpreisung.

Ein jüdischer Witz erzählt von dem Friseur in der Lowe East Side, der eine Tafel an seine Tür hängt: „Der beste Friseur in New York.“ Sein Nachbar, erbost, hängt eine Tafel an seinen Laden: „Der beste Friseur in Amerika.“ Ein weiterer Nachbar kontert: „Der beste Friseur in der Welt.“ Daraufhin hängt ein Vierter eine Tafel aus: „Der beste Friseur in der Straße.“

Thomas Rothschild - 23. Mai 2020
2681

Meinungen

Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers war ein eklatantes Beispiel. Als er erschienen war, begegnete man immer wieder Menschen, die eine dezidierte Meinung zu Walsers Buch hatten. Die einen hielten den Roman für antisemitisch, die anderen wiesen diesen Vorwurf vehement zurück. Nur eins hatten sie gemeinsam: Sie hatten das Buch nicht gelesen. Die einen sind geneigt, Walser für einen Antisemiten zu halten, weil das in das Bild passt, das sie sich seit der Paulskirchenrede von 1998 von diesem Autor machen. Die anderen lehnen diesen Verdacht von vornherein ab, weil sie Walser, wie sie ihn von früher her kennen, Antisemitismus „nicht zutrauen“.

Nun kann man Walsers Roman durchaus unterschiedlich lesen. Man kann auf Grund der Lektüre zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, auch wenn jeder seine eigene Interpretation für die einzig gültige und die entgegengesetzte für das Resultat schlampigen Lesens halten mag. Dabei spielen gewiss eigene Erfahrungen, Assoziationen, Idiosynkrasien, auch tatsächlich Missverständnisse eine Rolle. Nur eins kann man nicht: sich eine Meinung bilden, ohne den Gegenstand zu kennen, auf den diese sich bezieht. Es scheint mehr und mehr zur Mode zu werden, dass man Menschen weniger danach beurteilt, was sie tun und sagen, sondern danach, was man ihnen – im Guten wie im Bösen – „zutraut“. Das ist bequem. Aber auch ungerecht.

Die Paarung von Meinungsfreude und Informationsfaulheit geht aber noch weiter und wird von den Medien fortwährend unterstützt. Denn sie betrifft nicht nur Objekte, über die man, wie im Fall von Walsers Roman, unterschiedlich urteilen kann. Sie erstreckt sich auch auf Themen, die sich einer Meinungsäußerung entziehen. Eine Meinungsumfrage, ob der vergangene Sommer ungewöhnlich heiß gewesen sei, ist purer Unsinn. Die Antwort ist keine Sache der Meinungen, sondern der (messbaren) Fakten. Für sie ist das Statistische Zentralamt zuständig oder eine meteorologische Institution, nicht eine plebiszitäre Mehrheit. Abfragen lässt sich allenfalls, ob die Menschen den Sommer als ungewöhnlich heiß empfunden haben, nicht, ob er es tatsächlich war. Und wie wenig man sich auf Empfindungen verlassen kann, darüber belehrt uns die alltägliche Erfahrung ebenso wie die wissenschaftliche Psychologie.

Täglich aber werden, auch in seriösen Zeitungen, Meinungen abgefragt, wo es um Fakten geht. Jeder kann ja eine Meinung haben. Sich über Fakten zu informieren, ist manchmal aufwendig. Nur: ein Stein fällt, wenn man ihn loslässt, zur Erde, auch wenn eine Mehrheit der Meinung ist, er müsste nach oben fallen. Und die Zahl der Arbeitslosen wird nicht kleiner oder größer, wenn die bei einer Meinungsumfrage ermittelte Zahl von jener abweicht, die sich durch mehr oder weniger zuverlässige Statistiken nachweisen lässt. Auch die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus unterliegen nicht Meinungen, sondern überprüfbaren Tatsachen, die allenfalls noch nicht hinreichend erforscht sind. Man kann eine Meinung darüber haben, wie eine bevorstehende Wahl ausgehen wird. In dem Augenblick aber, in dem die Stimmen ausgezählt sind, ist solch eine Meinung irrelevant. Sie ist ebenso belanglos wie die Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei, und die Erfahrung lehrt uns, dass jene Institutionen, die mit viel Geld und viel Aufwand Meinungen zu erforschen vorgeben, häufig schon zuvor schief lagen. Wer meint, dass der Evolution ein intelligentes Design zugrunde läge, mag sich darauf berufen, dass das Gegenteil nicht beweisbar sei. Sie ist genauso wenig widerlegbar wie die Meinung, dass auf jedem Schreibtisch ein unsichtbares Männchen sitze, das einem über die Schulter schaue. Bis zum Ausgang einer Wahl ist auch die Meinung nicht beweisbar, dass eine bestimmte Partei die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten werde. Dass sie falsch ist und immer falsch war, beweist erst das Wahlergebnis.

Man sollte also aufhorchen, wenn jemand mit Nachdruck und erhobenen Hauptes erklärt, er habe zu einer Sache eine Meinung. Geht es tatsächlich um etwas, das unterschiedliche Meinungen zulässt, oder camoufliert die vorgetragene Äußerung lediglich einen Mangel an Wissen?

Eine neuere Entwicklung ist übrigens, dass jeder, der eine Meinung in den Medien äußern darf oder gar eine Stelle an einer Fachhochschule besetzt, Philosoph genannt wird. Mit Odo Marquard, Jean-Paul Sartre, Karl Popper oder gar Immanuel Kant haben sie zwar weniger gemeinsam als mit jedem beliebigen Zeitungskolumnisten, aber ihr Geschwätz wird durch die Berufsbezeichnung geadelt. Als hielte man den Buchhalter von der Kleinfirma um die Ecke für einen Mathematiker. Bringt uns das weiter?

Ich meine ja nur...

Thomas Rothschild - 27. April 2020
2675

Corona bringt es an den Tag

Man traut seinen Ohren nicht. Die FDP, ausgerechnet, hat Keynes für sich entdeckt. Der liberale Politiker Michael Theurer verlangt eine staatliche Entschädigungen für diejenigen, die unter den Folgen der aktuellen Beschränkungen leiden: „Die Solidargemeinschaft braucht das Herunterfahren, die Solidargemeinschaft sollte auch gemeinsam die Kosten tragen." Er sagt „Solidargemeinschaft“ und meint, sofern er die Kosten im Auge hat, den Staat, dessen Einmischung sich die FDP in besseren Zeiten, in Zeiten also, da Profite gescheffelt wurden, mit Nachdruck verbeten hat. An eine einmalige Vermögensabgabe von besonders wohlhabenden Bürgern, wie sie die Linkspartei und die SPD fordern, dürften Theurer und seine FDP beim Begriff „Solidargemeinschaft“ jedenfalls nicht gedacht haben. Schon vor elf Jahren wunderte sich die konservative Zeitung Welt anlässlich einer Äußerung des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Rainer Brüderle: „Dass sich gerade die FDP auf Keynes beruft, ist originell. Schließlich standen die Liberalen bislang dem Ansatz dieses Ökonomen, der für eine starke Rolle des Staates im Kampf gegen Rezession und Arbeitslosigkeit plädiert hatte, überaus kritisch gegenüber.“

Mit großer Aufgeregtheit berichten die Medien jetzt, wie hoch die Verluste der deutschen Wirtschaft seien, die auf das Konto des Coronavirus gehen. Die Zahlen sind aufschlussreich. Sie verraten die Höhe der Gewinne, die vor dem Ausbruch des Virus Monat für Monat gemacht wurden, abzüglich der Gewinne, die auch jetzt noch gemacht werden. Es herrscht ja kein totaler Produktionsstillstand. Meldungen wie die folgenden gehen in den lautstarken Jeremiaden unter: „Eine starke Nachfrage nach Waren des täglichen Bedarfs hat den deutschen Einzelhändlern zu Beginn der Corona-Krise einen Umsatzsprung beschert. Ihre Einnahmen wuchsen im Februar um nominal 7,7 Prozent zum Vorjahresmonat und damit so kräftig wie seit knapp anderthalb Jahren nicht mehr.“ Und der Spiegel jubelt mitten in die Untergangsstimmung hinein: „Doch offensichtlich verkaufen sich derzeit nicht nur Notebooks, WLAN-Repeater und Laserdrucker besonders gut. ‚Auch Gefrierschränke und Kühlschränke werden überdurchschnittlich oft gekauft und auch Staubsauger sind derzeit sehr beliebt‘, heißt es von Mediamarkt/Saturn. Außerdem brumme es im Bereich Gaming.“ Wie viel von den Einnahmen der Vorkrisen- und auch noch der Krisengewinnler ist bei jenen angekommen, die sie mit den von ihnen geschaffenen Werten einfahren, bei den Arbeitern in den Betrieben, den Angestellten in den Büros und den Geschäften? Die Coronakrise bringt es an den Tag. Sie macht ein wenig transparent, was ansonsten eher geheim gehalten wird. Und sie verschweigt, was die Konzerne sehr genau vorhersehen: das Himmlische Jerusalem hinter der Apokalypse.

Was die Wirtschaft plagt, wiederholt sich in kleinerem Maßstab bei freischaffenden Autorinnen und Autoren. Es ergibt sich das Paradox, dass jene die größten Verluste durch die Coronakrise erleiden, die die höchsten Gewinne gemacht haben. Bekanntlich können die wenigsten Autoren von den Honoraren für ihre Bücher leben. Ins Gewicht fallen Lesungen, die sie mit etwas Glück absolvieren. Wer sich einen Agenten leisten kann, der für Starautoren erkleckliche Lesungshonorare aushandelt, wer nach dem Erscheinen eines Buchs von Ort zu Ort fährt und dabei recht gut verdient, hat jetzt, da die Lesungen wegen der Ansteckungsgefahr ausfallen, herbe Einbußen zu ertragen. Man redet nicht darüber, aber es sei hier verraten, dass es Autoren, auch Fernsehjournalisten gibt, die für eine Lesung – etwa vor Industriellen – mehrere Tausend Euro erhalten. Wer aber ohnedies wenig oder nichts zu erwarten hat, bleibt verschont. Ich gehöre einer Autorenvereinigung an, deren Mitglieder in ihrer großen Mehrheit an der Armutsgrenze leben. So sie in Kleinverlagen veröffentlichen, müssen sie schon zufrieden sein, wenn sie zwei, drei Lesungen im Jahr haben, die oft mit weit unter den von den Schriftstellerverbänden empfohlenen Honoraren entgolten werden. Ihr Coronatribut fällt kaum ins Gewicht. Sie haben schon zuvor wenig verdient. Das künstlerische Prekariat bleibt mit und ohne Virus Prekariat. Das gilt auch für nicht fest angestellte Schauspieler, Musiker, Performer. Anders als Deichmann und H&M können sie sich nicht einfach weigern, ihre Miete zu bezahlen. Angesichts dieses Zustands hält sich das Mitleid mit Großunternehmen, die staatliche Unterstützung fordern, in Grenzen.

Thomas Rothschild - 7. April 2020
2671

Fast alles wie zuvor

Zu den dämlichsten Phrasen, derer sich Journalisten bedienen, die zur Sprache ein eher gestörtes als intimes Verhältnis haben, gehört das Mantra, es werde „nichts mehr so sein wie vorher“. Sie bringt fünf Kernelemente des schlechten Journalismus zusammen: das Pathos, die Übertreibung, die Vereinfachung, die Pauschalisierung, die vorgetäuschte Gewissheit. Und sie ist schlicht unzutreffend. Sie kursierte epidemieartig, als zwei Flugzeuge die New Yorker Twin Towers zum Einsturz brachten. Sie tauchte bei jeder kleineren Katastrophe wieder auf. Und sie feiert nun, anlässlich des Coronavirus, eine geradezu bombastische Renaissance.

Der Satz ist so offensichtlich falsch, dass man sich nur darüber wundern kann, wie hirnlos er in den Medien dahergeplaudert wird. Fast alles ist nach 9/11 so geblieben, wie es war, und fast alles wird nach Überwindung der Corona-Krise so bleiben wie zuvor: Die Naturgesetze sowieso – Wasser wird nach wie vor von oben nach unten und nicht von unten nach oben fließen, ein Körper wird im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung verharren, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, diesen Zustand zu verändern – und die sozialen Zustände auch. Die Menschen in den reichen Ländern werden weiterhin untätig zusehen oder vielmehr wegschauen, wenn täglich Kinder in der Dritten Welt massenweise verhungern, einige Wenige werden immer größere Reichtümer anhäufen, während sehr viel mehr mit einem Existenzminimum ihr Auslangen finden müssen, die Obdachlosen werden wie zuvor die überteuerten Mieten für eine Wohnung nicht bezahlen können, und der Staat wird wie zuvor weniger zögern, eine insolvente Bank zu unterstützen als ein insolventes Theater. Die Regale werden wieder gefüllt sein mit hinreichenden Mengen von Klopapier, das, wer sich mittlerweile das Sparen angewöhnt hat, auch beidseitig verwenden kann. Der Erfolg liegt auf der Hand. Der CO2-Ausstoß wird so hoch sein wie vorher, und die Gletscher werden weiter abschmelzen. Man wird weiterhin die gleichen unfähigen Politiker wählen und undemokratische Maßnahmen mit einem Schulterzucken hinnehmen oder sogar befürworten. George W. Bush hat einen auch für seine Heimat unheilvollen Krieg gegen den Irak begonnen. Er wurde trotzdem ein zweites Mal zum Präsidenten der USA gewählt. Alles wie vorher. Viktor Orbán hat seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Jahr 2010 systematisch die Demokratie in Ungarn demontiert. Trotzdem wurde er 2014 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Alles wie vorher. Journalisten, die gebetsmühlenartig versichert hatten, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, versicherten weiterhin, dass nichts mehr so sein werde wie vorher, und widerlegten mit ihrer eigenen Persistenz ihre These. Sie waren wie vorher.

Ebenso unbestreitbar freilich wie das Faktum, dass nach dem New Yorker Attentat fast alles so geblieben ist wie vorher und dass das auch nach dem Datum „Corona“ so sein wird, ist die Tatsache, die in der Antike auf gut Altgriechisch auf „panta rhei“ verkürzt wurde: „alles fließt“. Mit anderen Worten: Veränderung findet ständig statt. Bertolt Brecht hat diese Gleichzeitigkeit von Veränderung und Beharrung so in Verse gebracht: „Von den Großen dieser Erde / melden uns die Heldenlieder: / Steigend auf so wie Gestirne / gehn sie wie Gestirne nieder. / Das klingt tröstlich, und man muss es wissen. / Nur: für uns, die sie ernähren müssen / ist das leider immer ziemlich gleich gewesen. / Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?“

Das Einzige, was spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder eine Epidemie vom üblichen Ablauf der Geschichte unterscheidet, ist die Geschwindigkeit und damit die Sichtbarkeit von – kurzfristigen oder anhaltenden – Veränderungen. Die Industrialisierung etwa oder die Erfindung des Computers haben weitaus mehr verändert als islamistische Terroristen und das Coronavirus zusammen. Nach Henry Ford oder Bill Gates war sehr viel mehr „nicht mehr wie vorher“ als nach den Katastrophen unseres Jahrhunderts. Nur zeigte sich das nicht schlagartig, sondern erst allmählich. Kein Thema also für Zeitungsüberschriften. Die Leben vom Tag. Über einen größeren Zeitraum blicken sie oder vielmehr ihre Verfasser nicht hinaus. Das wird bis auf weiteres so bleiben. Wie zuvor.

Dass übrigens selbst die Quarantäne in punkto Vereinsamung heute nicht ist wie die Quarantäne zur Zeit der Spanischen Grippe, ist nicht eine Folge der Pandemie vor gut einem Jahrhundert, sondern der Erfindung von Fernsehen und Versandbuchhandel. Die Welt ist längst in die Wohnzimmer gedrungen. Allmählich. Und ganz ohne Katastrophe. Schon vor dem Coronavirus saß die Familie vor dem Bildschirm und schwieg. Das Familienleben fand in der Lindenstraße statt. Das wird auch nach der aktuellen Krise so sein. Auch wenn die Lindenstraße dann einen anderen Namen trägt.

Thomas Rothschild - 1. April 2020
2670

Das vernehmliche Schweigen des PEN

Die Präsidentin des PEN Zentrums Deutschland Regula Venske hat ein Problem. Das Coronavirus hat es ihr eingebrockt. Sie stellt klar: „‚Soziale Distanz‘ klingt wie ein Begriff aus dem Wörterbuch des Neoliberalismus. Wir alle aber wissen, dass jetzt soziale Nähe gefragt ist: Kooperation, Verantwortung füreinander. Man mag sagen, dass es derzeit dringlichere Probleme gibt, als Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten. Im Englischen bedeutet social heute vor allem ‚gesellig‘ und erst in zweiter Linie das, was wir im Deutschen unter sozial verstehen. Social distancing mag also angehen. Im Deutschen steht das Wort sozial allerdings vor allem für gesellschaftliche Werte wie Gemeinsinn und Solidarität. Jetzt sind physische Distanz bzw. körperlicher Abstand geboten, ‚soziale Distanz‘ hingegen, das macht die Corona-Krise deutlich, gerade nicht!“

Das kommt, wenn man sich in seinem sprachkritisch-moralistischen Eifer auf Wörterbücher verlässt. Das englische „social“ wird heute, im englischen wie im deutschen Sprachraum, vor allem in einem Zusammenhang verwendet, nämlich in der Kombination „Social Media“. Damit sind bekanntlich digitale Medien wie Facebook oder Twitter gemeint, und das Attribut bedeutet weder „gesellig“, noch „sozial“ im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten wie Gemeinsinn und Solidarität. Wenn man den missverständlichen Ausdruck „soziale Distanz“ oder „soziale Distanzierung“ ablehnt, so bietet sich im Deutschen das Beiwort „räumlich“ an. Der Vorschlag „körperlicher Abstand“ allerdings beweist nur, dass die PEN-Präsidentin ein innigeres Verhältnis zu Verboten als zur deutschen Sprache hat. Der Abstand zwischen Körpern ist ebenso wenig körperlich wie das Verhältnis des Denkens zur Sprache sprachlich ist.

Bedenklicher als solche Unschärfen der Sprache, des Denkens und des Verhaltens jedoch ist, dass der deutsche PEN vor lauter Aufgeregtheit über das Adjektiv „sozial“ seine Kernaufgaben vergisst. Sie stehen in der PEN-Charta. Da heißt es unter anderem: „Der PEN steht für den Grundsatz eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der PEN erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur.“

Übermorgen erscheinen im Rowohlt Verlag die Memoiren von Woody Allen. Wie seit zweieinhalb Wochen bekannt, haben eine Reihe von Autorinnen und Autoren des Verlags gegen die Veröffentlichung dieses Buchs protestiert. Der deutsche PEN hat vernehmlich zu diesem Ansinnen geschwiegen. Er hat nichts dagegen vorzubringen, dass ein intellektueller Lynch-Mob das freie Wort verhindern möchte und Zensur fordert. Der Hinweis, Woody Allen könne ja anderswo publizieren, kann nur als zynisch bewertet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die gegen Woody Allen vorgebrachten Vorwürfe weder bewiesen, noch gar von einem Gericht, das im Gegensatz zu Rowohlt-Autoren für Verstöße gegen Gesetze zuständig wäre, bestätigt wurden. Selbst wenn das nämlich der Fall wäre, hätte die PEN-Charta Gültigkeit. Darin steht nichts davon, dass sie durch Vergehen welcher Art auch immer außer Kraft gesetzt würde. Auch ein Jean Genet steht unter ihrem Schutz.

Das Schweigen des deutschen PEN zur Zensurforderung von Kolleginnen und Kollegen Woody Allens, die von ihm vor allem unterscheidet, dass sie nicht so gut schreiben wie er, macht die Forderung von Gemeinsinn und Solidarität unglaubwürdig. Sie kommt, wie sich erweist, von Sittenwächtern, die in ihrer Polizei- und Zuchtmeistermentalität selbst dort Vergehen ahnden, wo kein Vergehen erwiesen ist. Dafür eignet sich weder das Beiwort „sozial“, noch „physisch“, noch „körperlich“. Vielleicht käme „niederträchtig“ in Frage.

Thomas Rothschild – 26. März 2020
2668

Die Zwickmühle

Angesichts der immer bedrohlicheren Vorstöße der Rechten, angesichts ihres immer dreisteren Hohns über demokratische und emanzipatorische Werte, möchte man jenen, die ihnen in der Gesellschaft im allgemeinen und in der Kultur im besonderen Widerstand leisten, die Sympathie und die Unterstützung nicht versagen. Um keinen Preis will man ihnen in den Rücken fallen. Das Geschäft der Kritik freilich gerät dabei in eine Zwickmühle. Nicht alles, was von einer ehrenwerten Gesinnung zeugt, ist auch künstlerisch lobenswert. Manchmal steht gerade die förderungswürdige Absicht der künstlerischen Umsetzung im Wege. Der verschiedenen Autoren zugeschriebene Satz, dass das Gegenteil von gut gut gemeint sei, hat, wenn man ihn von seiner Apodiktik befreit, seine Gültigkeit bewahrt.

Wenn im doppelten Wortsinn anständige Kritiker jedoch das gut Gemeinte preisen, weil sie, wie erwähnt, deren Urheber nicht in den Rücken fallen wollen, haben die Rechten schon gesiegt. Denn sie haben jenen, die sie bekämpfen – und in diesem Relativsatz ist das Pronomen „sie“ sowohl als Subjekt, wie auch als Objekt zu verstehen –, ihre Maßstäbe aufgezwungen, sie an der Wahrheit gehindert.

Die Attacken von rechts haben, so scheint es, die Ideologisierung der Kulturdebatten forciert. Nicht zu ihrem Vorteil. Kürzlich wurde, vom Deutschlandfunk übertragen, über Margaret Mitchells Vom Winde verweht in einer Neuübersetzung diskutiert. Dabei ging es unter anderem darum, ob dieser Roman bislang unterschätzt worden sei. Für oder gegen seine Qualität brachten die Gesprächspartner vor, dass er das Wort „Neger“ verwendet oder ein kritisches Bild vom Krieg zeichnet. Das sind Beobachtungen, die unter literatursoziologischem oder ideengeschichtlichem Aspekt von Interesse sein können. Über die literarische Qualität sagen sie nichts aus.

Die Verteidigung aber von künstlerischem Anspruch, von artistischer Souveränität ist nicht weniger eine aufklärerische Position als die Abwehr von Angriffen auf die menschliche Würde. Wer sich auf die Indienstnahme der Künste, für welche Ideale auch immer, einlässt, hat bereits die Bedingungen der Rechten akzeptiert. Das mag nicht immer so gewesen sein. In Zeiten der zugespitzten politischen Gegensätze haben es auch linke Dichter*innen, Maler*innen, Komponist*innen, Theatermacher*innen für richtig gehalten, sich im Kampf für die angestrebten Ziele künstlerischer Mittel zu bedienen, und es waren nicht die schlechtesten. Heute aber sind es unübersehbar die Rechten außerhalb und zunehmend in den Parlamenten, die eine Funktionalisierung der Kultur für ihre Zwecke voranzutreiben bestrebt sind. Wollen wir uns darauf einlassen? Wollen wir nach den Regeln der AfD und ihrer Anhänger spielen? Oder wollen wir ihnen die Meinungsdominanz verweigern und auf einer Kunst bestehen, die diesen Namen verdient? Wir werden uns entscheiden müssen.

Thomas Rothschild - 8. März 2020
2662

Manipulierte Wahrheit

Als Hermann Gremliza kürzlich starb, bescheinigten ihm Nachrufschreiber, die ihn zu Lebzeiten geflissentlich übersehen hatten – welche Talkshow, die jeden Trottel für intellektuell satisfaktionsfähig hält, hat ihn zuletzt eingeladen? –, dass er als einer der brillantesten Stilisten im deutschen Journalismus zu gelten habe. Für seine Argumente fiel ihnen nicht viel mehr ein, als dass er ein „Vereinfacher“ gewesen sei. Belege blieben sie schuldig. Auf Inhalte wollten sie sich gar nicht erst einlassen.

Die gleiche Doppelstrategie leistete auch ihre Dienste, als Peter Handke der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Selbst die Verteidiger des Schriftstellers zogen sich auf den Standpunkt zurück, dass Handke als Literat ausgezeichnet werde und seine politischen Äußerungen nichts damit zu tun hätten. Dass diese verwerflich seien, galt als ausgemacht. Die verordnete Einheitsmeinung zur Zerschlagung Jugoslawiens durfte nicht hinterfragt werden.

Jetzt hat es Daniela Dahn gewagt, sich diesem Konformismus entgegen zu stellen, und es lässt sich ahnen, dass sie dafür Prügel beziehen wird. Eins aber darf man verlangen: dass niemand, der als halbwegs redlich gelten will, Handke künftighin moralisch attackieren darf, der die von Daniela Dahn aufgelisteten Fakten nicht widerlegen kann. Sie sind auf ossietzky.net nachlesbar. Für Unkenntnis gibt es ab sofort keine Entschuldigung.

Thomas Rothschild - 9. Januar 2020
2654

Gattungsbewusstsein

Ein paar lautstarke Expertendarsteller, die zur Literatur ein ähnliches Verhältnis haben wie der Metzger zur Sau, rufen unentwegt nach dem Roman, der die bedeutsamen historischen Daten des vergangenen Jahrhunderts, den Holocaust etwa oder die deutsche Wiedervereinigung, zum Thema wählt. Sie beweisen damit nur, dass sie nicht begriffen haben, was der Roman zu leisten vermag und vom Don Quixote bis zum Proceß, vom Tristram Shandy bis zum Ulysses, von Anna Karenina bis zu Hundert Jahre Einsamkeit geleistet hat, und wo der Gattung Grenzen gesetzt sind. Für die künstlerische Verarbeitung von Geschichte eignet sich keine andere Gattung so vorzüglich wie der Dokumentarfilm, und vom Roman zu verlangen, was dieser weitaus überzeugender zu erbringen vermag, gleicht dem Ansinnen, von einer Sonate ein Bild der Mona Lisa zu fordern.

Den Künstlern und ihren Kritikern ist das Bewusstsein von den Spezifika der Gattungen und Genres, von ihren Möglichkeiten und Grenzen abhanden gekommen. Sie denken nur mehr in Inhalten, nicht in künstlerischen Formen. Sie wollen, egal mit welchen Mitteln, aussprechen, was gerade „gefragt“, was gerade „angesagt“ ist oder was sie aus ihrer engen Erfahrung kennen, und das ist vor allem das Fernsehen und die Popmusik. Und so gleichen sich die Orte der verschiedenen Sparten immer mehr einander an. Die Großveranstaltungen der Bildenden Kunst, des Films, des Theaters bieten die gleichen Installationen, Performances und Events an. Jeder Roman, jeder Film steht für eine Bühnenbearbeitung zur Disposition, und kein Theaterstück ist immun gegen die Hits der siebziger Jahre.

Wie aus einer anderen Welt müssen heute ein Tschechow oder ein Schnitzler erscheinen, die wussten, welcher Stoff sich für eine Kurzgeschichte und welcher sich für ein Drama eignet. Exotisch wirkt in diesem Umfeld ein Alexander Kluge, der sehr genau unterscheiden kann, wann er einen Film dreht, wann er für das Fernsehen produziert, wann er ein Buch schreibt.

E.T.A. Hoffmann war ein beachtlicher Komponist. Dass er aus den Lebens-Ansichten des Katers Murr einen Roman gemacht hat und nicht eine Oper, muss wohl seine Gründe haben.

Thomas Rothschild - 11. September 2019
2639

Schamlosigkeit

Wer eine Rezension liest, geht davon aus, dass der Rezensent zwar seine eigenen Maßstäbe hat und sich auch irren kann, dass er aber in seinem Urteil frei ist von Rücksichtnahmen, dass ihn also keine persönlichen Verflechtungen an den Autor und sein Werk binden. Das war auch lange so. Ein Redakteur, der seinen guten Ruf bewahren wollte, hätte nicht zugelassen, dass jemand ein Buch oder auch eine Theateraufführung, ein Kunstwerk von jemandem bespricht, zu dem er in einem Abhängigkeitsverhältnis welcher Art auch immer steht.

Das hat sich geändert. Ohne Bedenken loben und preisen Rezensenten – es können auch Rezensentinnen sein – die Bücher von Autoren – es können auch Autorinnen sein –, mit denen sie zuvor eng zusammengearbeitet hatten. In der Wissenschaftspublizistik lassen sich Huldigungen von Rezensenten für Autoren nennen, die zuvor ihre Dissertation oder Habilitation betreut und ihre Karriere befördert hatten. Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen. Früher, als die heute in Mode gekommene Formel „Das geht aber gar nicht“ (mit Betonung auf „gar“) noch nicht gebräuchlich war, hätte man gesagt: „Das ist unanständig. Das gehört sich nicht. Das tut man nicht. Das ist, wie wenn man in Gesellschaft rülpst oder wie wenn man Kinder schlägt.“

Der rezensorische Sittenverfall greift um sich. Statt von „Gefälligkeitsjournalismus“ spricht man von „Netzwerk“, und das rechtfertigt für jene, die dazu gehören, jeden Freundschaftsdienst. Die Schweinerei ist eine zweifache: einmal von Seiten der Person, die sich derart für empfangene Protektion bedankt, und dann vor Seiten der Person, die diesen Dank zulässt, vielleicht sogar erbeten hat. Diese Praxis nach dem Prinzip des „do ut des“ ist Betrug von der gleichen Qualität wie das Plagiat. Der Gelackmeierte ist der Leser. Er sollte sich bei Besprechungen nach dem Rezensenten und dem Rezensierten erkundigen. Das brächte so mancherlei ans Licht. Ein Indikator für die Redlichkeit von Rezensionen ist die Anzahl von unabhängigen Rezensenten, die ein Buch für besprechenswert halten und zum gleichen begeisterten Ergebnis kommen wie die Rezensenten aus dem Umfeld des Rezensierten. Wenn sie ausbleiben, darf man vermuten: da ist Kungelei im Spiel.


Thomas Rothschild - 16. Juli 2019
2630

Morgen Augsburg

Armin Petras ist als Theaterleiter in Stuttgart gescheitert. Nicht, weil er schlechtes Theater macht, sondern weil sein Theater nicht zu Stuttgart passt. Kay Voges wäre gern an die Volksbühne nach Berlin gegangen. Hat nicht geklappt. Jetzt geht er ans Volkstheater nach Wien. Die beiden Bühnen haben nicht mehr als die Silbe „Volks“ gemeinsam. Hat Voges für Wien ein anderes Konzept als er für Berlin gehabt hätte? Das Volkstheater hat er nach eigener Aussage ein einziges Mal besucht. Ist er bei Nestroy und Werner Schwab genau so daheim wie bei Kleist und Heiner Müller? Wenn nicht – was lässt sich daraus schließen? Karlheinz Braun in einem Gespräch mit nachtkritik.de: „Ich würde mir wünschen, dass die Theater wieder mit festen Hausregisseuren, festen Ensembles eine eigenständige, originale Leistung erbringen und nicht verwechselbar werden mit ihren Spielplänen und Produktionen. Dass man wieder sagen kann: Das ist eine sehr spezifische Theaterarbeit, die man nur in Bremen, Frankfurt oder Ulm sehen kann.“


Thomas Rothschild - 10. Juni 2019 (2)
2625

Märchenstunde

So, liebe Kinderchen, jetzt erzählt euch Großmutter Thomas ein Märchen. In grauer Vorzeit gab es ein Theater, da liefen Römer in einer wallenden weißen Toga herum, wenn Julius Cäsar gespielt wurde, und Hamlet trug einen kurzen Rock und enge Beinkleider. Man nannte das Kostümtheater, und die Aufführungen verstaubten allmählich. Inzwischen verstauben die Kostüme im Fundus, und ihr, meine lieben Kinderchen, habt kaum noch eine Vorstellung davon, was Kostümtheater war. Denn heute flanieren die Römer in Blue Jeans über den Broadway und Hamlet begibt sich in die Direktion der Deutschen Bahn, wo etwas, wie es im Text heißt, faul ist. Das Theater ist in einer Zeit angekommen, deren gelegentliche Ähnlichkeit mit der Gegenwart darüber hinwegtäuscht, dass sie nirgends angesiedelt ist. Denn wenn man die Zeit, in der ein Stück entstanden ist und in der es spielt, wegretuschiert, dann entsorgt man die Geschichte. Hinter diesem allgegenwärtigen Geschichtsverlust, der das eigentliche Ärgernis im heutigen Theater darstellt, steckt die reaktionäre Ideologie, dass immer alles gleich bleibt. Wer sie akzeptiert, muss gegen einen schlechten Status quo nicht rebellieren. Es kommt eh nichts Besseres nach. Es war immer schon so und wird immer so bleiben.


Thomas Rothschild - 7. Juni 2019
2624

 



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