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OSTRALE 2021 | 1. 7. - 3. 10.

Nachhaltige

„Atemwende“ in

Gesellschaft,

Umwelt und

Kunst




Die leerstehende Robotron-Kantine im Dresdner Stadtzentrum ist in diesem Jahr der Hauptort der 13. OSTRALE, die zum dritten Mal als Biennale stattfindet. Der eingeschossige Pavillon des einstigen VEB Kombinat Robotron harrt seit der Auflösung des größten Computerherstellers der DDR im Jahr 1990 einer dauerhaften Nachnutzung. Architekturbegeisterte würden den komplett entkernten Bau gerne erhalten. Und wie fast immer kommen die kreativsten Ideen aus der Kunstszene, die die Robotron-Kantine für Ausstellungszwecke nutzen will. Für die nach wie vor nach Örtlichkeiten suchende OSTRALE ein Glücksfall. Man rückt vom Rand in die Mitte Dresdens und damit auch ins Blickfeld eines größeren Publikums, das bisher mehr die barocke Pracht der Elbmetropole bevorzugte.

Als Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste ist die OSTRALE mittlerweile gut vernetzt und in diesem Jahr Teil des mit Mitteln der EU co-finanzierten Projekts „Flowing Connections“. Es geht dabei vor allem auch um Fragen unserer Beziehungen zu Flüssen, Wasser, Nachhaltigkeit und den weiteren Zusammenhängen zwischen Gesellschaft, Umwelt und Kunst. Ein Schaufenster vor allem nach Osteuropa, für das die OSTRALE mit 140 KünstlerInnen aus 34 Ländern und Partnerstädten wie Budapest (Ungarn), Rijeka/Split/Zagreb (Kroatien) und der europäischen Kulturhauptstadt Kaunas (Litauen) im Jahr 2022 relativ breit aufgestellt ist.

Ein ambitioniertes Unterfangen, was vor allem in den Räumen des Erdgeschosses und Kellers der Robotron-Kantine organisatorisch fast schon ein wenig zum Problem wird. Birgt doch der Hauptstandort die Mehrzahl aller künstlerischen Positionen, was an einem Besuchstag fast nicht zu schaffen ist. Die Prämisse einer Biennale liegt aber für gewöhnlich im Wiederkommen auch an den anderen OSTRALE-Standorten wie der erneut teilnehmenden Stasi-Gedenkstätte in der Bautzner Straße, der Stadtentwässerung / Kläranlage Kaditz und der OSTRALE.Basis in Dresden-Übigau.

Unter dem großen Ausstellungs-Thema „Atemwende“ geht es inhaltlich vor allem um das Verhältnis Mensch, Natur und die Ausbeutung von Ressourcen, die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums, die Fragen der Nachhaltigkeit und des Lebens am Wasser, der mittlerweile wohl wichtigsten, für viele Landstriche auch teuersten oder im momentanen Katastrophenfall bedrohlichsten Natur-Ressource. Die Pandemie hat uns vielerorts nicht nur wirtschaftlich zum Atemholen entschleunigt. Dass es eine Wende in der Energie- und Umweltpolitik geben könnte, was das Wort „Atemwende“ vielleicht auch implizieren will, dafür steht die moderne globalisierte Gesellschaft nunmehr in der Verantwortung.

Anderseits ist das der Beginn eines Gedichts von Paul Celan aus dessen Atemwende betitelten Gedichtband von 1967, den man sich als Motto vorangestellt hat. „In den Flüssen nördlich der Zukunft/ werf ich das Netz aus“, heißt es darin. Wie wirft nun die Kunst utopische Netze aus, um „Arbeit und Vergnügen, Kunst und Industrie, Politik und Poetik neu atmen und denken“ zu können, wie es einleitende Sätze zur OSTRALE O21 fordern? Vom Perspektivwechsel ist da die Rede, vom Erweitern des Blickfelds auf die Außenseiter, die Unterdrückten, die Unbekannten, aber auch auf Biosphären, Bauwerke und soziale Räume, die sich ja nicht erst seit der Pandemie stetig verändern. Also alles Themen, die momentan den breiten gesellschaftlichen Diskurs beherrschen.

* * *


OSTRALE 2021: Christoph und Sebastian Mügge, Hope for the best but expect the worst (Auschnitt) | Foto: Stefan Bock


Das Highlight und der Hingucker schlechthin zu Beginn ist sicher das Werk Hope for the best but expect the worst [s. Foto oben] der schwedischen Künstler-Brüder Christoph & Sebastian Mügge. Ihre 38 mal 3 Meter messende Wandzeichnung an der Außenhülle der Robotron-Kantine könnte ein Fazit der überbordenden Gruppenausstellung sein. Eine Art Bildanleitung für eine „Krisenbox“. Ausgehend von den Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges mit Atombunkern, Zivilverteidigung und Überlebens-Kits kommen die Künstler zur sogenannten „Prepper“-Bewegung. Menschen, die für alle möglichen Notfälle gewappnet sein wollen. Auch die obligatorische Klopapierrolle darf da nicht fehlen. Die Menschheit am Rande der Zivilisation. Wie sie sich dahin manövriert hat, ist im Inneren zu sehen.

Künstlerisch am auffälligsten ist sicher die Installation Desert des ungarischen Bildhauers István Csákány. Eine schlichte Holz-Box mit aus Holz geschnitzten Einrichtungsgegenständen wie Möbeln, Pflanzen und einem Video mit einem Schattenspiel einer Skulptur der Arbeit. Der Mensch als ewiger Bastler und Bildner seiner Umwelt, ein dreidimensionaler Holzschnitt, die Schaffung toter Realität.



OSTRALE 21: Andrea Palašti, I Walk Through the Zoo | Foto: Stefan Bock


Viele KünstlerInnen beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Mensch und Natur, Flora wie Fauna. Ins Auge fällt da vor allem die Installation I Walk Through the Zoo [s. Foto oben] der serbischen Künstlerin Andrea Palašti, die auf 12 Fototafeln Bilder von Primaten zeigt und die Geschichte der Zoo-Legende Emil, eines depressiven Orang-Utans aus dem Wiener Zoo Schönbrunn, erzählt. Eine Arbeit über Stress bei in Gefangenschaft lebenden Tieren, dessen Ursachen sich auch auf den Menschen in der modernen Konsumgesellschaft übertragen lässt. Mutierte Insekten zeigen die Druckgrafiken des tschechischen Künstlers Jan Sebesta. Kleine exterminati mechanica, die sich der durch den Menschen mechanisierten Umgebung anpassen. Und auch die Kohle-Zeichnungen von Fantasie-Tieren des Ungarn Zsolt Ferenczy spielen mit der Veränderbarkeit der Natur.



OSTRALE 21: studio ASYNCHROME, Autopropaganda - or Capital is a bad Mediator | Foto: Stefan Bock


Das gesellschaftliche Phänomen der Verbreitung von Fake News behandelt die Installation Autopropaganda - or Capital is a bad Mediator [s. Foto oben] des Grazer Künstlerduos studio ASYNCHROME. Die transparenten Bildtafeln überlagern je nach Blickwinkel unterschiedliche historische Ereignisse und spiegeln so die mediale Flut der Bilder. Ein Mahnmal für Flüchtlinge aus Syrien, die es nicht in einen sogenannten Humanitarian Corridor geschafft haben, ist die leicht und durchlässig wirkende Installation aus Schnürsenkeln und Schuhen der türkischen Künstlerin Seçkin Aydin. Bedrückend auch die Videoarbeit Afrika des Künstlers Abdoul-Ganiou Dermani aus Togo. Mit dem wiederholten Satz „Afrika ist reich“ ist er darin zu vernehmen. Selbstredend nur im Sinne von natürlichen Ressourcen, an deren Ausbeutung die Bewohner des Kontinents kaum wirklich beteiligt sind. Surreale Wimmelbilder aus Exquisite Corpse hat der ungarische Künstler László Győrffy aquarelliert. Höllenbilder wie bei Hieronymus Bosch aus der Welt der Kinderspiele.

Das Wechselspiel des Menschen mit seiner Umgebung, der Landschaft bzw. Architektur von Städten und Plätzen oder ihrer Verschandelung durch Zivilisationsmüll steht auch im Zentrum der zweiten Ausstellungshalle im Erdgeschoss. Doch bei all der gesellschaftspolitischen Konzeptarbeit vermisst man doch zuweilen etwas den Spaß an der Kunst. Als ironischen Sidekick zur herrschenden Pandemie hat hier der deutsche Künstler Thomas Neumaier ein mobil home office in den Raum gestellt. Ein faulender Apfel im Schrank von Anuschka Kilian-Buck spielt nach Öffnen eine schöne Melodie. Eine ganze Robotron - Tech Opera hat Nadja Buddendorf in Alleingang eingespielt und gefilmt.

Dass sich Konzept und Spaß nicht ausschließen, zeigt die Arbeit von Nika Rukavina. Ihr witziger Comic Handbuch für Hausreparaturen für Frauen ist eine bebilderte Arbeitsanleitung nach dem Motto „Selbst ist die Frau“. Die kroatische Künstlerin hat ihr Werk als bild- und symbolgewaltiges Mural an die andere Hauswand der Robotron-Kantine gezeichnet. Wer dann noch Zeit hat, kann sich im Untergeschoss noch einige interessante Video- und Fotoarbeit ansehen, bevor er von der beruhigenden Klang-Installation Neither Aleph, Nor Lam der iranischen Künstlerin Sarvenaz Mostofey wieder in die Realität des Dresdner Umgebung verabschiedet wird, in der sich junge Skater in der Nachbarschaft zur alten Ost-Moderne das Territorium zurückerobern.


Stefan Bock - 29. Juli 2021
ID 13055
OSTRALE Biennale O21, "Atemwende"
Robotron-Kantine
Zinzendorfstraße 5
01069 Dresden


Öffnungszeiten:
Mi - Fr | 10 - 18 h (- 19 h mit Feierabendticket)
Sa, So | 11 - 19 h (- 20 h mit Kurzticket)

Eintrittspreise:
15 EUR (ermäßigt: 10 EUR)


Weitere Infos siehe auch: https://www.ostrale.de/


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