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Ausstellung

Impressionismus

in der Skulptur



Bewertung:    



Nur en passant, also ganz im Vorbeigehen, wird man die wegen des Coronastopps im Frühjahr verlängerte Ausstellung zum Impressionismus in der Skulptur im Frankfurter Städel Museum nicht genießen können. Dazu ist die über zwei Geschosse verteilte Schau doch sehr umfangreich geraten. Wobei die Macher sie neben den vielen Skulpturen auch mit etlichen Papierarbeiten und Gemälden des Impressionismus aufgefüllt haben. Die Auswahl der Künstler scheint auf den ersten Blick nach den großen Namen zu schielen. August Rodin und Rembrandt Bugatti sind zweifellos berühmte Bildhauer. Medardo Rosso und Paolo Troubetzkoy gilt es für viele sicher erst noch zu entdecken.

Als gesichertes Bindeglied zur Freiluftmalerei des französischen Impressionismus macht die Schau aber mit dem Maler und Bildhauer Edgar Degas auf. Seine Kleine 14-jährige Tänzerin (1878/81) ist der absolute Eyecatcher und das Beispiel für eine impressionistische Skulptur schlechthin. Wobei sich sicher einige fragen werden, woran sich das Impressionistische an einer Skulptur überhaupt festmachen lässt. Nur in Ausnahmen haben sich Künstler mit einem Klumpen Lehm in die Natur gestellt und dabei ihren Impressionen freien Lauf gelassen, wie bei den luftigen, leuchtenden Gemälden, die zum Beispiel gerade wieder in der Impressionistenschau der Sammlung Plattner im Museum Barberini in Potsdam zu sehen sind. Aber diese nur einen Meter große Wachsfigur der jungen Tänzerin aus der Pariser Oper sorgte schon bei ihrem ersten Auftritt für großes Aufsehen. Das Publikum war entsetzt ob der als hässlich empfundenen Gewöhnlichkeit von Wachs gepaart mit Spitzen-Tutu, Ballettschuhen und echtem Pferdehaar. Das wird es dann wohl auch gewesen sein - das Natürliche, die echte, unverstellte Pose, die Impression eines flüchtigen Augenblicks.

Im STÄDEL MUSEUM FRANKFURT steht zwar nur ein späterer Metallguss aus einer europäischen Privatsammlung, der die Ausstrahlung des Originals aus dem Pariser Musée d’Orsay aber durchaus erahnen lässt. Nach den Anfeindungen zu seiner ersten Skulptur stellte Degas zu Lebzeiten keine Plastiken mehr aus. Erst nach seinem Tod wurden sie in seinem Atelier entdeckt. In der Ausstellung sind diese Kleinplastiken zumeist von Tänzerinnen in verschiedenen Posen in Bronzeabgüssen zu sehen. Gerahmt werden sie von Skizzen und Gemälden Degas sowie weiteren Papierarbeiten und Gemälden von Künstlern der ersten Pariser Impressionistenausstellungen zwischen 1874 und 1886 wie August Renoir, Grafiken der US-amerikanischen impressionistischen Malerin Mary Cassatt, einer Keramikarbeit von Paul Gaugin oder Gemälden von Pierre Bonnard, einem Vertreter der postimpressionistischen Nabis-Gruppe.

Fast etwas schroff scheint da der Übergang zum italienischen Autodidakten Rembrandt Bugatti, einem Mitglied der berühmten Automobil-Dynastie und Neffen des symbolistischen Malers Giovanni Segantini, der wohl vor allem deshalb auch Eingang in diese Ausstellung gefunden hat. Was den wesentlich jüngeren Bugatti mit Degas verbindet ist die Umsetzung von Bewegung in die starre Form der Skulptur. Wobei Bugatti bevorzugt Tiere statt Tänzerinnen modellierte, vergleichbar vielleicht noch mit dem deutschen Tierbildhauer August Gaul, einem Gründungsmitglied der Berliner Secession. Bugatti suchte seine Modelle vorwiegend in den Zoos von Paris und Antwerpen. Seine Löwen, Strauße, Kühe und Ziegen modellierte er tatsächlich oft vor Ort und hat somit wohl seinen Eingang in den Kanon der impressionistischen Bildhauerei gefunden. Wegen ihres dekorativen Charakters erfreuen sich seine Skulpturen bei Kunst-Auktionen nach wie vor eines großen Zuspruchs. Als Wegbereiter des Art déco hat Bugatti allerdings eher weniger mit dem Impressionismus zu tun.

Das schon eher Bugattis Landsmann Medardo Rosso, der vielleicht am besten die Vorzüge der Malerei auf die dreidimensionale Bildhauerei übertrug. Rosso überzog seine Gipsabgüsse zusätzlich mit Wachs und erzeugte so eine gewisse Unschärfe. Damit kommt er in seinen Portraitbüsten dem Ausstellungstitel EN PASSANT als verwischte Momentaufnahme im Vorbeigehen, gleich einem Foto einer sich bewegenden Person am nächsten. Ein wahrhafter Kosmopolit unter den impressionistischen Bildhauern war der in Italien geborene Paolo Troubetzskoy, Sohn eines adligen russischen Diplomaten und einer amerikanischen Operndiva. Auch er debütierte in Paris zunächst mit Tierplastiken, entwickelte sich später aber zu einem renommierten Porträtisten von Gesellschafts- und Künstlergrößen wie Leo Tolstoi oder Giovanni Segantini, deren Büsten hier zu sehen sind.

Beeinflusst war Troubetzkoy sichtlich von Auguste Rodin, dem König der französischen Bildhauerei vor der Jahrhundertwende, dem im zweiten Teil der Ausstellung ein ganzer Saal gewidmet ist. Hier wird nochmal geklotzt mit einigen von Rodins wichtigsten Werken wie der Bronzeskulptur Johannes der Täufer als Schreitender, der bekannten Balzac-Skulptur, der Eva, oder einer kleinformatigen Figurengruppe seiner Bürger von Calais. Allesamt Beispiele für Rodins Meisterschaft in lebendiger Bewegung und Oberflächengestaltung. Ergänzt werden die Skulpturen von Fotografien, etlichen Portraitbüsten Rodins und auch einigen Bronzen der bekannten Rodin-Schülerin und -Geliebten Camille Claudel. Ein lohnender Ausflug in die Pariser Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts, für den man sich bis zum Ende der Ausstellung am 25. Oktober noch sputen sollte.



Ausstellungsansicht EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur| Foto: Städel Museum - Norbert Miguletz

Stefan Bock - 18. Oktober 2020
ID 12536
Weitere Infos siehe auch: https://www.staedelmuseum.de


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