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Ausstellung

Superlative!



Bildquelle: deichtorhallen.de

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Nennen wir es ruhig Superlative, was Ihnen, werter Besucher, hier bevorsteht.

Es ist die bisher größte Präsentation des südafrikanischen Künstlers, Filmemachers, Theater- und Opernregisseurs WILLIAM KENTRIDGE (geb. 1955 in Johannesburg), seines über 40 Jahren künstlerischen Schaffens. Eine gut durchkonzipierte Ausstellung, die Spuren hinterlässt - mit Installationen und Kunstwerken aller Größen, schwarz, mit Kohle gemalt, als Tapisserie, Skulptur oder filmisch inszeniert, wirken sie eindringlich, bewegen Kopf und Herz gleichermaßen.

Sein Atelier in Johannesburg ist eine wahre Denkmaschine, dort werden Dinge zusammengeführt, getrieben von einer nimmer endenden Vorstellungskraft.

So dürfen Bilder, Gedanken und Assoziationen gleichzeitig sein, finden Ausdruck in Film und Performance, sind im Moment oft absurd, provozieren aber auf Dauer eine sentimentale Stimmung, machen traurig, wütend und kraftvoll zugleich.



Photo: Norbert Miguletz. Courtesy William Kentridge Studio


Bevor Sie sich also verlieren, die große DEICHTORHALLE (Halle für aktuelle Kunst) bietet einen Parkour der einzelnen Themen; es sind spezielle Räume, die geschaffen wurden, um die Menge an Kunstwerken zu präsentieren, alle in Schwarz-Weiß, teilweise mit brauner Wandgestaltung und Orient-Teppichen hier und da, auch eine Art Bibliothek gehört dazu. Wir sehen Drucke, Zeichnungen, Objekte wie das Megaphon mit Nähmaschine, zusammen mit Animation, Film, und mit Musik bilden sie ein gigantisches Oeuvre.

Der Blick oder die eigene Seele werden garantiert irgendwo hängen bleiben.

Es gibt z.B. einen fast unscheinbar wirkenden Hotelraum um den Revolutionsführer Leon Trotzki. Bei näherem Betrachten lässt es einen dann nicht mehr los. Was allein hängt alles an dieser Person, wo ihm filmisch das Wasser bis zum Halse reicht, bis er schließlich völlig untergeht, dennoch aber weiter redet, mit einer nimmer endenden Kraft den Utopismus ausruft?! Dabei wirkt er wie der Panther im Käfig hinter Gitterstäben:

„Wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht.“ [Die Zeilen stammen aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, das Kentridge sehr am Herzen liegt, seit er das Werk 1984 entdeckte, und von ihm ein Exemplar besitzt.]

Voller Willenskraft spielt Kentridge die Szene Trotzki’s nach, mit aufgeklebtem Bart schwingt er ebensolche Reden, im Herzrhythmus der Megafon-Nähmaschine. So sehen wir ihn persönlich in einem der vielen Videoinstallationen, das Absurde im Politischen darstellend.

Es ist wie ein projizierter Traum, Gedanken und Gefühle im Widerspruch und dennoch mit einer gewissen Illusion von Vernunft. Darin steckt viel Unwissenheit; Dinge, die wir gewohnt sind zu verdrängen.

Sein Humanismus beschäftigt sich aber mit den Menschen, die ihrer Kraft beraubt sind, durch Ausbeutung, Unterdrückung, Rassismus und Apartheid, mit Folter und den Gefahren wie das Ebola-Fieber 2014, vergleichbar mit der jetzigen Pandemie!



Photography: Studio Hans Wilschut. Courtesy William Kentridge Studio


Eine elitäre weiße Oberschicht ist zwar privilegiert, aber dennoch unfrei, egal welcher politischen Linie sie folgt, es herrscht Dogmatismus und Dummheit, ja der reinste Anpassungsterror. Auch wir Europäer übersehen, wie tief das Kolonialsystem in unserer Geschichte verwurzelt ist, und wie sehr Bedeutung konstruiert wird anstatt Verantwortung zu tragen. Kentridge empfindet sich nicht als politischen Künstler, allenfalls als gesellschaftskritisch, doch er trägt sein Wissen in die Welt wie „ein Trotzki“ trotzt er dennoch den bestehenden Verhältnissen.

Kentridge spielt es durch, ist das Theater doch Teil seiner Ausbildung. In der Filmszene um Trotzki schwingt er diese leeren Reden, steckt in einer Rolle von Denkschablonen, fernab jedweder Bewusstheit, getrieben von seinen Emotionen. Wie können wir unser Leben gestalten in Verbindung von Herz und Verstand?

Beim Theater und beim Tanz spürt er die Welt als Prozess, ebenso beim geführten Zeichnen - denn das steckt in dem Titel.

Why should I hesitate: putting drawings to work.

Der Satzanfang ist der Ausspruch eines afrikanischen Soldaten, der von seiner Einberufung im Ersten Weltkrieg erfährt, und der nicht zögert, sich dem möglichen Tod auszuliefern. Genauso wenig zögert Kentridge mit seinen Zeichnungen, und Kohle ist ein schnelles Medium, es kann verwischt und übermalt werden, von hell bis schwarz drückt es hier in gewisser Weise die Last, die Trauer oder auch Schuld aus. Sehr eindringlich wird das in seinen Schatten-Prozessionen übersetzt, es sind schwarze Silhouetten, eine endlose Aufeinanderfolge von Menschen, Projektion der Menschheit schlechthin, denn es wird weder deutlich, woher sie kommen, noch, wohin sie gehen.

„More Sweetly Play The Dance.“

Die Deichtorhallen haben eigens eine ca. 40 Meter große Mehrkanal-Videoprojektion geschaffen, so kann sich jede/r in voller Größe darin wieder finden. Bezüge zum Nachdenken und Innehalten gibt es zur Genüge.



Filmstill aus der WILLIAM KENTRIDGE-Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg (Foto: Liane Kampeter)


Gelangen wir zum Kern der Sache, es gibt kein Ankommen, das Paradies ist ein Mythos. Und doch ist die menschliche Vorstellungskraft prägend, und Kunst hat die Möglichkeit, nach der Wahrheit zu suchen und irrationale Welten zu schaffen.

William Kentridge ist seit Jahrzehnten dabei, ein eigenes Universum zu kreieren, unverwechselbar persönlich und wiedererkennbar.


Liane Kampeter - 24. Oktober 2020
ID 12554
Weitere Infos siehe auch: https://www.deichtorhallen.de/


Post an Liane Kampeter

https://www.liane-kampeter.de

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