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Ausstellung

Beuys 100

im HAMBURGER BAHNHOF


Cover des Katalogs der Berliner Ausstellung zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys | (C) Hatje Cantz Verlag

Bewertung:    



Schweigen ist Gold, mag sich wohl Joseph Beuys 1965 bei einer seiner denkwürdigsten Aktion in der Düsseldorfer Galerie Schmela gedacht haben, als er dort lautlos und mit Blattgold überzogenem Kopf einem toten Hasen die Bilder erklärte. Das Publikum war ausgesperrt und konnte nur von außen durch die Schaufensterscheiben dem Treiben folgen. Dennoch beanspruchte Beuys 1985 in seiner Rede zur Reihe „Reden über das eigene Land: Deutschland“ für sich, dass er seine Werke „von der Sprache aus“ entwickle. Vom Schweigen bis zu Sprache sind es in der so betitelten Ausstellung, die der HAMBURGER BAHNHOF dem großen Bildhauer, Aktions- und Objekt-Künstler zum 100. Geburtstag ausrichtet, nur ein paar Themenblöcke, die sich über mehrere Räume mit Lauten, Begriffen, der Schrift, dem Geheimnis und der Legende in und um Beuys‘ Schaffen beschäftigen.

Die plastische Kraft der Sprache, durch individuelles Denken in die Welt gebracht - darum geht es in den meisten der hier ausgestellten Skulpturen, Zeichnungen, Installationen, Filme, Plakate und Dokumente. Dabei schöpft die Ausstellung aus den Beständen der Nationalgalerie, der Sammlung Marx im HAMBURGER BAHNHOF, des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek. Am Anfang steht hier also nicht das Wort selbst, sondern das Schweigen, dass sich in Beuys‘ Kunst als Einheit von Körper und Geist darstellt und hinter dem ja selbst auch immer ein bestimmter Gedanke ruhen mag.

Das Schweigen im Sinne von Verschweigen hat aber auch eine zerstörende Kraft, wie im Film Das Schweigen von Ingmar Bergman, dessen Filmrollen Beuys als starres Multiple verzinken ließ. Den Lehren Rudolf Steiners folgend setzte Beuys auch die anthroposophische Bewegungskunst der Eurythmie ein und äußerte sich in der sogenannten Handaktion nur durch die Bewegung der Hände.

Das über seine Vergangenheit schweigende Nachkriegsdeutschland machte Beuys zum Thema der anfangs erwähnten Rede in den Münchner Kammerspielen. Inwieweit er das Sprechen über Deutschland mit dem Bild einer Wunde in seiner Kunst darzustellen versuchte, kann in der Ausstellung verfolgt werden, u.a. auch in den großen Installationen Das Ende des 20. Jahrhunderts, für die Beuys 1982 21. Basaltstelen mit durch Filz und Tonerde verschlossenen Bohrungen als Monument eines Jahrhunderts, in dem sich die Menschheit an den Rand ihrer Existenz gebracht hat, in die Kunsthalle Düsseldorf stellte. Sein Versuch selbst politisch einzugreifen und für die Grünen im gleichen Jahr in den Bundestag einzuziehen, schlug leider fehl. Zeugnis davon ist der im Stil der Neuen Deutschen Welle produzierte Wahlkampfsong Sonne statt Reagan, dessen TV-Aufzeichnung mit der Band Die Deserteure kann hier bewundern und belächeln werden.

Beuys Stärken lagen doch deutlich in der plastischen Kunst. So auch in der 1967 auf der 37. Kunstbiennale in Venedig gezeigten Installation Die Straßenbahnhaltestelle. Ein in Eisen gegossener Kopf mit stummem Schrei, den Beuys auf eine Feldschlangen-Kanone pflanzte. Einen weiteren Themenblock bilden die „Laute“, zu dem hier vor allem einige Aktionsvideos zu sehen sind. Zum Hören werden den BesucherInnen Kopfhören zum Einstöpseln in die Monitore mitgegeben. Für alle akustisch wahrnehmbar ist das berühmte im Wechsel ausgesprochene Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee. Aber auch die Bildung von öö-Lauten kommt bei Beuys‘ Aktionen immer wieder zur Anwendung. Ein Anschaulich-Machen des energetischen Potentials von Sprache.

Beuys arbeitete auch mit neu geschaffenen Begriffen wie „Soziale Skulptur“ oder „erweiterter Kunstbegriff“. Neue oder ungewöhnliche Wortschöpfungen verwendete er für die Titel seiner Kunstwerke wie bei der Talg-Installation Unschlitt/Tallow (1977). Mit der aus beschriebenen Schultafeln bestehenden Installation Richtkräfte einer neuen Gesellschaft (1974-1979) kommt die Schrift ins Werk von Joseph Beuys. Entstanden in der Diskussion mit dem Publikum der Ausstellung im Institute of Contemporary Arts in London entstand so ein sozialer Organismus als Kunstwerk. Auf einer weiteren Tafel definierte Beuys die Revolution in zwei Schritten, bei der erst die alten Begriffe wild durch die Gegend geschleudert und im Anschluss erweitert und verlebendigt werden.

Ergänzt wird die Schau durch viele erklärende Schaukästen, in denen sich Fotos, Ausstellungsflyer und Postkarteneditionen befinden. Mit der Person Beuys selbst als Kunstwerk beschäftigt sich der letzte Teil der Ausstellung. Der Mythos um den Künstler und seine Biografie in der er Fakten mit Fiktion vermischte, vor allem was seine Teilnahme am Zweiten Weltkrieg als Angehöriger der deutschen Luftwaffe und seine Rettung durch Tataren nach einem Abschuss auf der Krim betrifft. Aber das Konvolut von 456 Zeichnungen betitelt als Secret Block for a secret Person in Ireland, das im Obergeschoss des Westflügels an den Wänden aufgeblättert ist, birgt wohl das größte Geheimnis des jungen Künstlers Beuys von 1945 bis in die 70er Jahre hinein, an dessen Entschlüsselung der mit vielen Fragezeichen versehenen Titel sich die BetrachterInnen nun selbst beteiligen können.



Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981 | © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona / Winfried Göllner

Stefan Bock - 28. Juni 2021
ID 13004
Weitere Infos siehe auch: https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/hamburger-bahnhof/


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