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Female

Nudes



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Sommerzeit, Ferienzeit, aber auch Zeit sich mal wieder ein paar interessante Kunstausstellungen anzusehen. Angebote dazu gibt es in Berlin und der näheren Umgebung zuhauf. Vor allem Gruppenausstellungen zu speziellen und aktuellen Themen versuchen ihr Publikum zu locken. Dabei sind nun nicht ganz unerwartet zwei Veranstalter ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Die Kunst sollte ja, wenn möglich, für sich selbst sprechen und nicht durch allzu viele übergestülpte Konzepte und Erklärungen tot kuratiert werden. Aber rein die Rahmenbedingungen der beiden Schauen erregen hier schon den Anstoß bei KritikerInnen und Kunst-AktivistInnen.

Wie kommt [bei Milchstraßenverkehrsordnung (space is the place) im Berliner Kunsthaus Bethanien] ein Kurator dazu, bei 22 ausgestellten Positionen nur 3 Künstlerinnen und einen nicht-weißer Künstler aus Singapur einzuladen? Oder, wie kann eine Ausstellung über den weiblichen Blick auf die eigene Nacktheit von einem Mann kuratiert werden? Letztere Frage muss sich besonders die Ausstellung Nude. Female Bodies by Female Artists in der Potsdamer Villa Schöningen gefallen lassen. Hier hat Springer-Vorstandschef und Mitinhaber des Privatmuseums Matthias Döpfner aus seiner Privatsammlung weibliche Aktbilder sowie Fotos, Videos und Installationen zum Thema vom Barock bis in die Gegenwart geschaffen von Künstlerinnen zu einer Gruppenschau zusammengestellt.

Da hagelt es u.a. von Silke Hohmann in ihrem Artikel „Das nackte Grauen“ im Kunstmagazin Monopol so schöne Sätze wie: „Die Ausstellung wirkt in Teilen wie eine Google-Bildrecherche, Suchbegriff ‚Vulva‘.“ Der Ort, der vielen Männern nicht nur in der Bildenden Kunst mythenumflort als Der Ursprung der Welt gilt, war als Kunstereignis noch nie besonders populär. Skandal hieß es schon 1866, als der französische Maler Gustav Courbet sein bekanntes Gemälde einer gesichtslosen Frau mit entblößtem Geschlecht schuf. Seitdem arbeiten sich immer wieder Künstler und vor allem auch Künstlerinnen an diesem Werk ab. Erst kürzlich lud die Theatermacherin Mateja Meded das Bild unter dem Titel „Der Ursprung des Theaters ist die Möse“ auf das Instagram-Profil des Internet-Theaterportals nachtkritik.de. Der feministische Protest gegen die mangelnde Präsenz von Frauen im Theater ist derzeit großes Debattenthema nicht nur in der Darstellenden Kunst. Zuvor hatte bereits die Performancegruppe Monster Truck Courbets Gemälde in ihrem Theaterstück Phädra mit einer im Rollstuhl sitzenden Performerin nachgestellt. Thema: sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt.

Echtes Schockpotential hat das aber kaum noch. Es geht nicht mehr um das Nackte an sich, sondern darum, wer wen nackt macht. Sprich: Wer bestimmt, wer und was gezeigt wird? Die Vulva kann da heute als Aufreger nur noch bedingt herhalten. Aber schön, wenn Mann nochmal darauf aufmerksam macht. Matthias Döpfner tut das in einem Raum, der mehrere von Künstlerinnen verschiedener Genres geschaffene Repliken von Courbets Werk zeigt. Daneben hängt ein Zeitungsartikel Döpfners zum „Skandal aller Skandale“, der selbst heutzutage in einer Pariser Courbet-Retrospektive wegen des Jugendschutzes in einer verhüllten Kabine gezeigt wurde. Auch in Deutschland werden explizit sexuelle Kunstwerke oder solche, die religiöse Gefühle verletzen könnten, immer wieder mal verhüllt. Aber was erregt hier die Gemüter, wo Rosemarie Trockels Arbeit Replace Me, um eine Vogelspinne über dem Geschlecht ergänzt, einmütig offen neben der Fotografie Origin of one possible Orgasm der lesbischen Künstlerin Anna-Stina Treumund, die Courbets Motiv mit einer eindringenden Faust zeigt, oder einer eher harmlosen Strasssteinchen-Kopie von Debora Sengl hängt?

Man wirft Döpfner und seiner Kokuratorin Ina Grätz ja nicht Geschmacklosigkeit vor. Sondern eher die Beschränkung auf das Thema Akt und seine willkürliche Zusammenstellung, ohne genauer das eigentliche Werk und die Künstlerin dahinter zu betrachten. So geht es dann auch weiter in der Wahl der Positionen, die immer wieder neu den nackten weiblichen Körper in Werken von u.a. so prominenten Künstlerinnen wie Marina Abramovic, Vanessa Beecroft, Dorothy Iannone, Anne Imhof, Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker oder Cindy Sherman präsentiert. Alle verdiente Künstlerinnen mit zumeist feministischem Hintergrund, die das Thema Körper und vor allem den eigenen Körper aus den verschiedensten Gründen, die hier leider nicht immer ersichtlich sind, immer wieder zum Thema ihrer Kunst machten, oder es immer noch tun.

Weitere interessante Werke stammen etwa von der Transgender-Künstlerin Ashley Hans Scheirl, die in ihrem Gemälde Goldfinger eine geschlechtlich nicht eindeutige Person neben besagtem Finger vor Uhr und blutigem Vorhang zeigt. Das Video Sanctus der Queer-Künstlerin Barbara Hammer enthüllt durch Röntgenstrahlung das Unsichtbare unter der nackten Haut. Im Loop läuft das Video Oh Mickey! der schwarzen Künstlerin Mickalene Thomas, in dem sie nackt den Cheerleader-Song Mickey von Toni Basil singt. Liquid Lust heißt eine Arbeit zwischen Malerei und Videokunst, die die US-amerikanische Künstlerin Signe Pierce als ständig verschwimmende Projektion einer Blondine zeigt. Auf die kapitalistische Ökonomie hinter dem Geschlecht verweist die Installation Coin Cunts von Suzanna Scott, die das Futter umgestülpter Geldbörsen zu Vulven verarbeitet hat. Da hat die Ausstellung neben der bloßen Präsentation durchaus auch eigenes kritisches Potential.



Blick in die Ausstellung Nude. Female Bodies by Female Artists in der Villa Schöningen | Foto: Stefan Bock

Stefan Bock - 14. August 2019
ID 11616
Weitere Infos siehe auch: https://www.villa-schoeningen.org/


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