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Ausstellung

Klärende

Aufarbeitung



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Emil Nolde (1867-1956), berühmter deutscher Expressionist und ab 1937 von den Nazis als „entarteter Künstler“ eingestuft, war gleichzeitig auch Mitglied der NSDAP. Einerseits Opfer der nationalsozialistischen Kunstsäuberung und andererseits strammer Antisemit und überzeugter Mitläufer des NS-Regimes - wie geht das zusammen? Noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Nolde in der alten Bundesrepublik fleißig an seiner Opferlegende weiter stricken. Zweifel an seiner Darstellung als verfolgter Künstler gab es immer. An Aufarbeitung aber war in Kunstkreisen wohl niemand wirklich interessiert. Seit einigen Jahren hat es zumindest in einigen der zahlreichen Nolde-Ausstellungen immer wieder Hinweise auf die NS-Vergangenheit des immer noch sehr beliebten Künstlers gegeben. In der z.Z. im Hamburger Bahnhof in Berlin eröffneten Übersichtsschau Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus werden nun nicht nur seine Bilder jener Zeit gezeigt, sondern auch eine Auswahl von Dokumenten und zahlreichen Briefen, in denen sich Nolde und seine Frau Ada als überzeugte Anhänger des Nationalsozialismus präsentierten und gegen Juden im Kunstbetrieb polemisierten.

Grundlage der Ausstellung sind Ergebnisse eines langjährigen Forschungsprojektes, bei dem erstmals die umfangreichen Bestände des Nolde-Nachlasses in Seebüll ausgewertet werden konnten und dabei viele Erkenntnisse zu Tage förderten, die den anhaltenden Nolde-Mythos nachhaltig zerstören dürften. Hier zeigt sich aber auch das Dilemma, dass sich die Kunst nicht so einfach vom Künstler trennen lässt. Man kennt das von Richard Wagner genauso wie von anderen berühmten Kunstschaffenden oder auch Philosophen, die sich neben ihrem zweifelsfrei bedeutendem Werk auch aktiv an bestimmten politischen Strömungen beteiligten oder (wie v.a. Wagner oder Heidegger) einige antisemitische Schriften verfassten. Die Andienung an diktatorische Regime fällt heute so manchem in der Kunstszene auf die Füße - und das gilt nicht nur für bekannte Fälle wie den Kunstsammler Hildebrand Gurlitt, der aktiv beim Verkauf von Kunstwerken aus jüdischem Besitz im Auftrag des Dritten Reichs war.

Was sich im relativ unpolitischen Werk Noldes nicht widerspiegelt, hat der Maler - bekannt durch seine religiösen Bilder, bunten Blumenaquarelle oder eindrucksvollen See- und Wolkengemälde - aber dezidiert schriftlich festgehalten. So klagte Nolde oft über die ihn nicht beachtende Kunstkritik, obwohl ihn nachweislich einige Kritiker 1927 zur großen Retrospektive zum 60. Geburtstag des Künstlers ganz bewusst hochlobten. Auszüge der teils recht nationalistisch gefärbten Lobeshymnen sind hier an den Wänden des ersten Ausstellungsraums zu lesen. Der Streit um Noldes künstlerische Anerkennung reicht aber bereits bis in die Zeit der Berliner Secession, deren Vorsitzender Max Liebermann Noldes expressionistischen Stil ablehnte und ihn 1910 aus der Secession ausschloss. Das scheint bereits früh antisemitische Ressentiments im Verschmähten geschürt zu haben. 1911 bezeichnet er die angebliche Beziehung von „Malerjuden“, Kunstkritik und Kunsthandel als „Schwammwucherung“. Im düsteren Gemälde Sechs Herren (1921) rechnet Nolde mit den unliebsamen Kritikern ab. In der Ausstellung zeugen Anfang der 1930er Jahre von Nolde geschriebene Briefe von seiner Haltung gegenüber den Künstlern des deutschen Impressionismus, den er als „Zwitterkunst“ beschreibt. Sie enthalten aber ebenso Auslassungen zu einem „Sowjetsystem jüdischen Ursprungs“. An seinen Förderer Max Sauerlandt schreibt Nolde 1933: „Ich möchte gern, daß eine reinliche Scheidung erfolgt, zwischen jüdischer u. deutscher Kunst.“

In der 1931 von Nolde selbstverfassten Biografie Das eigene Leben stilisierte sich der Künstler als verkanntes Genie. Dabei richtete im 1928, ein Jahr nach der großen Retrospektive in Hamburg, der Direktor der Berliner Nationalgalerie, Ludwig Justi, zwei eigene Ausstellungssäle im Kronprinzenpalais ein. Fotos davon hängen hier an der Wand. Das Gemälde Die Sünderin hielt Justi für ein Hauptwerk Noldes. Natürlich gab es auch Anfeindungen aus der rechtsnationalen Ecke. Noldes 1921 entstandenes Gemälde Verlorenes Paradies (ein expressionistisches Bildnis von Adam und Eva) galt nicht erst den Nazis als Sinnbild für „entartete Kunst“. Immer wieder wurde es als Beispiel in völkischen Artikeln anfgeführt. Obwohl ihn Hitler als „Nolde, das Schwein!“ schmäht, tritt Nolde 1934 in die NSDAP ein. Noch können die Nachfolger des 1933 von den Nazis entlassenen Justi die Bilder Noldes im Kronprinzenpalais halten. Sie werden aber größtenteils gegen weniger expressive Blumengemälde wie Reife Sonnenblumen und Landschaften wie Junge Pferde ausgetauscht.



Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand, 106,5 × 157 cm, Nolde Stiftung Seebüll | © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin


Emil Nolde, Die Sünderin, 1926 Öl auf Leinwand, 86 × 106 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben 1999 mit Unterstützung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie und des Landes Berlin | © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders


Emil Nolde, Reife Sonnenblumen, 1932, Öl auf Leinwand, 73,5 × 89 cm, Detroit Institute of Arts, Gift of Robert H. Tannahill | © Nolde Stiftung Seebüll


Trotzdem steht Nolde 1937 mit 1052 beschlagnahmten Werken auf der Liste für die von den Nazis initiierte große Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Darunter allerdings 455 Grafiken, die das Essener Folkwang-Museum erst 1935 erwarb. Eine kleine Auswahl dieser Grafiken wie Prophet oder Die heiligen drei Könige sind hier zu sehen. Die Galerien machten damals weiter gute Geschäfte mit Noldes Bildern, was ihn zum reichsten verfemten Künstler werden ließ. Der einst von Zwitterkunst Schreibende wird nun selbst zum Zwitterwesen zwischen seinem unangepassten, von den Nazis verhassten Malstil und seiner anbiedernden Haltung gegenüber dem System des Nationalsozialismus. Vehement forderte er die in seinem Besitz befindlichen Leihgaben aus der Ausstellung zurück. Nach einem Brief an Propagandaminister Heinrich Goebbels wurde ihm das auch gewährt. Nolde erreichte sogar, dass sein Name aus der dritten Auflage der Ausstellungsbroschüre getilgt wurde.

Noldes künstlerische Reaktion auf die Ablehnung der Nazis war die Hinwendung zu einer nordischen Kunst. Er malte nun Motive aus nordischen Sagen wie flammende Burgen, blonde Burgfräuleins und viele Wikingerbilder. Auch hier ist eine Auswahl von Grafiken zur Veranschaulichung ausgehängt. Höhepunkt der Ausstellung im Hamburger Bahnhof ist die Rekonstruktion des sogenannten „Bilderraums“ in Noldes Atelierhaus in Seebüll aus den Jahren 1941/42. Es überwiegen hier deutlich die Werke mit den nordischen Motiven wie Das heilige Feuer oder Heiliges Opfer. Dazu passend Auszüge aus Briefen Noldes und seiner Frau Ada, die von Durchhaltparolen zeugen wie etwa: „Der Bolschewismus muss gebrochen werden“ oder von einem Besuch des Propaganda Films Jud Süß berichten: „Das ganze Tun der Juden wurde einem furchtbar und lebendig.“

Ein weiterer Teil der Ausstellung ist der Nolde-Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Breiten Raum nehmen hier die von Nolde in der Zeit nach seinem Ausschlusses aus der Reichskulturkammer 1941 geschaffenen und später von ihm als „ungemalten Bilder“ bezeichneten Grafiken, die er nach 1945 mit Anmerkungen zum eigenen Künstlertum in einem Band zusammenstellte. Gegen seine hier behauptete Dissidentenschaft sprechen allerdings zahlreiche Tagebuchnotizen mit antisemitischen Äußerungen, die er nach dem Krieg zu vernichten versuchte. Einige blieben, da sie Briefen an seine Frau beigegeben waren, erhalten. Nach 1945 änderte sich der Ton in Richtung Kritik an den Nazis und in eine Stilisierung als Verfemter. Nolde wurde wieder ausgestellt und geehrt. Die Kunstkritik lobte und trug somit zur Legendenbildung Noldes bei.

Die politische korrekte Distanzierung gegenüber Noldes Werk erreichte kurz vor der Eröffnung der Ausstellung ihren Höhepunkt, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die als Leihgabe in ihrem Büro hängenden Gemälde Blumengarten (Thersens Haus) und Brecher (hier zu sehen) entfernen ließ. Jetzt könnte man vielleicht auch ganz provokativ behaupten, die Ausstellungsmacher würden mit ihrer Werkauswahl Nolde - wie 1937 die Nazis - nun ein weiteres Mal an den Kunstpranger stellen, was sicher nicht deren Absicht ist, da diese Schau nicht annähernd propagandistisch konzipiert ist. Noldes Ruf als herausragenden Vertreter der Kunst der klassischen Moderne wird das auch sicher keinen Abbruch tun. Die Ausstellung kann aber einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für eine weitere Aufarbeitung des nationalen Kunsterbes und Kunstschaffens zur Zeit des Nationalsozialismus leisten.

Stefan Bock - 9. Juni 2019
ID 11485
Weitere Infos siehe auch: https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html


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