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Ausstellung

Bacon

und die

Literatur



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Immer und immer wieder hat Francis Bacon den spanischen Papst Innozenz X. nach Diego Velázquez gemalt. Die erste und sicher faszinierendste Version stammt aus dem Jahre 1953. Unverkennbar die Position der Velazquez-Vorlage und unverkennbar der Stil von Bacon. Der Papst schreit animalisch, würdelos und ganz unpäpstlich auf den Betrachter, auf die Welt. Der schwarze Schlund führt direkt in die Hölle. Ein käfigartiges, geometrisches Gestänge hält ihn gefangen. Lila-weiß-schwarz-gelb sind die Hauptfarben. Diese Bacon-Wut manifestiert sich immer wieder in seinen Bildern. Übrigens hat auch der große spanische Maler dem Papst im 17. Jahrhundert mit seinem strengen, realistischen Portrait nicht schmeicheln wollen. „Troppo vero“ (allzu wahr) soll der Heilige Vater bei Betrachtung seines Konterfeis gesagt haben.

*

Die Ausstellung im Pariser beginnt mit Study of Red Pope (1962) aus Bacons Innozenz X-Serie. Die unterschiedlichen Interpretationen, warum Bacon immer wieder das Papstportrait aufnehmen wird, gehen von Rache an seinem Vater (im italienischen heißt der Papst „Papa“) bis hin zu Bacons Vorliebe für Spitzen und schöne Stoffe oder Travestie-Kleidung. Bacon widerspricht keiner der Theorien. Exzessiver Katholizismus dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein.

In den folgenden Räumen gerät der Betrachter immer weiter in Bacons Triptychon-Welt. Wutentbrannte, rachsüchtige Erinnyen jammern und klagen sich durch die Antike, bis sie dank Athene zu wohlgesinnten, aber schuldigen Eumeniden mutieren. Gewalt und Rache wird beendet, die Gerechtigkeit triumphiert, und Chaos verwandelt sich in Ordnung. Derwische sausen zwischen den geometrischen Konstruktionen im Bild umher, oder sind es vielleicht Kreaturen aus der Zukunft, aus dem All, aus der Meerestiefe? Die griechische Tragödie hat es Bacon angetan, und Aischylos gehört definitiv zu seinen Lieblingsdichtern. Er lernt ihn über T.S. Eliot schon in den 1930er Jahren kennen.

Und natürlich immer wieder George Dyer, sein Lieblingsmodell und Partner zwischen 1963 und 1971. Angeblich haben sie sich kennen gelernt, als Dyer bei ihm einbrechen wollte. Die stürmische und unsichere Beziehung der Beiden hält doch fast acht Jahre. George Dyer wird sich am Vorabend der großen Bacon-Retrospektive im Pariser Grand Palais das Leben nehmen. Das Triptychon In Memory of George Dyer entsteht kurz nach seinem Tod. Die Tragik manifestiert sich in großer Symbolik. Der Hintergrund ist lila, und Bacon hat auf jedem Bild eine in sich stockende Bewegung dargestellt. Ein gebogener Balken links und rechts im Bild soll eine Kontinuität vermitteln. Auf ihm liegt einmal eine deformierte Figur, die sich über den Balken Richtung Mitte des Bildes schleifen muss. Im mittleren Teil bewegt sich ein Mann ohne Gesicht auf eine Treppe zu, die an eine Wand führt. Für den Fußboden nimmt er lila und kardinalviolette Farben. Unter einem Fuß liegt ein beschriebenes Blatt Papier. Die Figur wird von einem nackten Arm halb umschlungen. Im rechten Bild liegt ein Halbkörper auf dem Balken und ist mit dem Ebenbild darunter verbunden, unzertrennlich zusammengewachsen. Keiner schafft es so wie Bacon, den Betrachter zu erschüttern.



Francis Bacon, Portrait of George Dyer in a Mirror, 1968 CR68-05; Huile sur toile, 198 x 147 cm; Collection Agnelli, Londres | © The Estate of Francis Bacon /All rights reserved / Adagp, Paris and DACS, London 2019; © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved. DACS/ Artimage 2019. Photo: Hugo Maertens


Bacon en toutes lettres titelt die Schau im Pariser Centre Pompidou. Sie widmet sich Bacons Spätwerk ab 1971 bis zu seinem Tod 1992 und verbindet Texte von Bacons Lieblingsdichtern mit Malerei. Aufgearbeitet hat er hier auch die Tragödie von Dyers Selbstmord. Textauszüge von Aischylos, Joseph Conrad, T.S. Eliot, Nietzsche, Michel Leiris und Georges Bataille werden in abgetrennten Räumen zwischen den Exponaten in englischer und französischer Sprache gelesen. Jetzt darf man Bacon aber nicht auf die Schiene eines Illustrators stellen, das ist er ganz und gar nicht, es ist eher so, dass die Gedanken, die bei der Lektüre entstehen, blutrote Gewitter, herzzerreißende Schreie, rohe Gewalt und großes Unwohlsein mit der Welt und mit sich selber auslösen. Und ja: gut fühlt man sich bei Bacons Malerei nicht immer. „Er wollte immer das Lächeln malen.“ Nach dem Besuch der Ausstellung weiß man, dass ihm das nicht gelungen ist. Schutzschirme und Schleier will der Künstler zerreißen oder überwinden. Das passiert auf sehr subtile Weise, und die transparenten Gefängnisse scheinen dies herzugeben, jedenfalls ist meist ein Fuß oder ein anderes Köperteil schon „ausgebrochen“ und wurde vielleicht durch diesen Akt so grausam zugerichtet. Die Worte der Dichter und Literaten stimulierten ihn zu seinen deformierten, obszönen, zerfleischten und malträtierten Körpern oder Körperteilen und öffnen ihm hypothetische Tore zu Ekstase, Depression und Hochstimmung. Nietzsches Geburt der Tragödie soll, laut dem Kurator Didier Ottinger, den Schlüssel zum Verständnis bringen. Eine Fusion von apollinischen und dionysischen Gedanken. Bacon bewegt sich ständig im Kampf zwischen Eros und Thanatos.

Der Schriftsteller und Ethnologe Michel Leiris, der zwei Jahre vor Bacon stirbt, nimmt noch mal einen anderen Stellenwert in seinem Leben ein. Er wird Bacons Freund und ein wertvoller Gesprächspartner. Sein Buch Spiegel der Tauromachie inspiriert Bacon zu den Stierkampfbildern. Matador und Poet stehen sich abschätzend gegenüber. Das letzte Bild in der Ausstellung ist das grandiose Meisterwerk Study of a bull (1991) aus der Londoner Agnelli Sammlung. Das Gemälde entsteht kurz vor seinem Tod. Kein Tropfen Blut ist sonderbarerweise darauf zu sehen. Der Stier wirkt fast müde, lethargisch, steht in der oberen linken Ecke vor einem unifarbenen beigen Hintergrund und will – wie es scheint - aus der geometrischen Figur desertieren. Die beiden Vorderfüße und ein Horn haben es geschafft. Sie befinden sich bereits auf einem anderen Niveau in dem Bild.



Saalansicht | © Centre Pompidou , Philippe Megeat


Der Ausstellungsbesucher wird allerdings mit den gewaltigen Bildern recht allein gelassen. Es gibt nicht viele Erklärungstexte in den Sälen. Allerdings wollen die Exponate gar nicht erklärt werden. Die gesprochenen Literatur-Texte – wenn auch manchmal sehr französisch-theatralisch – sollte man allerdings nicht verpassen. Es ist auch nicht so, dass ein Text einem Triptychon zuzuordnen ist, manchmal beziehen sich unterschiedliche Texte auf ein Gemälde oder umgekehrt.

Bacons Triptychons, aber vor allem seine Autoportraits, bringen den Kubismus in Bewegung, haben die gefühlte und kreisende Schnelligkeit des Futurismus, die kräftigen Farben der Expressionisten, Velazquez, Rembrandt, Chaim Soutine und Van Gogh eingeatmet und brauchen die Konstruktivisten, um überleben zu können. Die griechische Tragödie, Kriegserlebnisse, Gewalt, persönliche Niederlagen und diese unglückliche Hand bei seinen Liebesbeziehungen sind die Inhalte der meist großformatigen Gemälde. Sie haben genau das Format, das sein Atelier zulässt (knapp 200 cm x knapp 150 cm). Abgesehen von Literatur und den Klassikern, ist auch seine Bewunderung für den Fotografen Edward Muybridge und für den Cineasten Serge Eisenstein offensichtlich. Die Bewegungsabläufe von Muybridge oder die der "laufenden" Bilder können in seinen Arbeiten wieder gefunden werden.

1909 kommt Francis Bacon als Sohn englischer Eltern in Dublin zur Welt. Sein Vater, ehemals in militärischen Diensten, autoritärer und unsensibler Zureiter von Rennpferden, wirft den 16-jährigen Sohn aus dem Haus, entsetzt und empört von dessen Homosexualität (Bacon hatte Unterwäsche seiner Mutter angezogen). Der eloquente und gebildete Autodidakt kommt nach London und von dort nach Berlin, wo ihn ein exzessives Nachtleben erwartet. Bacon ist auf der Suche. Immer mehr gibt er sich der Spielsucht und einem exzessiven Alkoholgenuss hin. 1992 stirbt Francis Bacon in Madrid.

Bacons umfangreiche Bibliothek ist heute in seiner Geburtsstadt Dublin untergebracht.

Die Ausstellung im 6. Stock des Pariser Centre Pompidou lässt den Bildern viel Raum, um sich auszubreiten und ist noch bis 20. Januar 2020 zu sehen und setzt die monografische Reihe von Marcel Duchamp, René Magritte, André Derain und Henri Matisse fort.

Christa Blenk - 9. November 2019
ID 11797
Weitere Infos siehe auch: https://www.centrepompidou.fr/


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