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Werkbetrachtungen

Licht, Luft und Wasser

Strandbilder von Lovis Corinth, Anders Zorn und Joaquín Sorolla



Als Claude Monet (1840-1926) im Jahre 1872 mit dem Bild Impressionen die Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Europa revolutioniert, befinden sich der Deutsche Lovis Corinth, der Schwede Anders Zorn und der Spanier Joaquín Sorolla an ihren jeweiligen Wohnorten noch in Ausbildung. Alle drei leben mehr oder weniger in dem Zeitraum von 1860 bis Anfang der 1920er Jahre. Und alle drei befassen sich intensiv mit der Porträtmalerei und kümmern sich wenig um die Formauflösung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die meisten Künstler beschäftigt. In den nachfolgenden Werken geht es um Licht und dessen Effekt auf das Wasser in unterschiedlichen Breitengraden.

* * *

Der Ostpreuße Lovis Corinth (1858-1925) beginnt als konventioneller Genre- und Porträtmaler und kommt über den Münchner Realismus zur Sezession. Später gründet er eine Art Gegenbewegung und lernt Max Liebermann und den Impressionismus kennen. Corinth zählt heute zu den bekanntesten deutschen Impressionisten, hat sich allerdings in seinen letzten Lebensjahren dem Expressionisten zugewandt.

Paddel-Petermannchen war der Kosename von Charlotte Berend. Mit ihr ist Corinth Anfang des 20. Jahrhunderts an die pommersche Ostseeküste gereist. Charlotte war 1901 in Berlin seine erste Schülerin, avancierte schnell zu seinem Modell und später zu seiner Ehefrau. Das war auch die Zeit, in der Lovis Corinth in Berlin mit dem Theaterregisseur Max Reinhardt zusammen arbeitet, bevor er sich ein paar Jahre später in München dem Expressionismus zuwenden sollte.




Paddel-Petermannchen von Lovis Corinth | Bildquelle: Wikipedia


Auf dem Bild ist Charlotte (alias "Paddel-Petermannchen") zwar eher für einen Stadtspaziergang angezogen, passt aber farblich mit dunkler Bluse, grauem Rock und dunklem Hut zur spätsommerlich grau-grünen schäumenden Ostsee. Lebenslustig und glücklich steht sie bis zu den nackten Knöcheln im Wasser. Um ihr Kleid vor dem Salzwasser zu schützen, hebt sie es mit beiden Händen ein wenig an und lässt einen Blick auf das rote Unterfutter zu, welches in Verbindung mit Licht, Wasser und Sand eine unglaubliche Farbenpracht hervorbringt. Die Sonne fängt ihr strahlendes, auf den Maler blickendes Gesicht ein.


Das Bild entsteht 1902, misst 83 x 60 cm und hängt in Hannover im Niedersächsischen Landesmuseum.

Der Kosename "Paddel-Petermannchen" geht auf eine von Charlotte Berend selber erfundene Geschichte zurück, nach der sie eine Tochter aus dem berühmten Zigeunerin-Stamm der Petermann sei, das als Kind vertauscht worden war.

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Anders Zorn (1860-1920) ist der Sohn eines deutschstämmigen Bauern, den seine Mutter aber nicht geheiratet hat; und obwohl Zorn seinen Vater wohl gar nicht kannte, hat er trotzdem dessen Namen angenommen.

Nach einem Kunststudium in Stockholm macht Zorn sich als Porträtmaler schnell einen Ruf und kann mehr oder weniger von seiner Kunst leben. Er beginnt nach einem längeren Spanienaufenthalt, sich für Licht und dessen Auswirkungen auf das Wasser zu interessieren.

Sein Bild Sommarnöje (Sommervergnügen) entsteht 1886 in Dalarö nach seinen Flitterwochen, die Zorn teilweise im Krankenbett verbringen musste.

In diesem Gemälde zitiert er mit seiner nordischen Farbpalette die französischen Impressionisten und vor allem einen weiteren Vorreiter der Moderne, Manet.



Sommarnöje von Anders Zorn | Bildquelle: Wikipedia


Das Modell im weißen Kleid auf dem Bild ist Emma Zorn. Es ist eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss. Emma steht ein wenig nach vorne geneigt am hölzernen Pier und wartet, bis ihr Freund Dahlström mit dem Ruderboot anlegen wird. Leichter Wind kräuselt das Wasser auf, das sich vom milchig, bewölkten Himmel fast nicht unterscheidet und am Horizont nur von einer Landschaft links unterbrochen wird.


Zorn beweist mit diesem Aquarell, das wie ein Ölgemälde daher kommt, sein großes Talent. Sommarnöje misst 76 x 54 cm und hängt in einer Privatkollektion in Schweden. 2010 wurde es für 26 Millionen SEK verkauft und ist damit das teuerste Bild Schwedens überhaupt.

Anders Zorn hat seinen spanischen Malerkollegen Sorolla 1902 in Valencia besucht. Sorolla war begeistert von Zorns Umgang mit Licht und Wasser und hingerissen von seiner dezent-schimmernden Farbigkeit der Nordlicht-Wasseroberflächen sowie den anspruchslosen und echten Emotionen seier Naturdarstellungen. Die weißen Sommerkleider, die Sorolla ab 1900 bekannt gemacht haben, hat Zorn schon 1886 im Sommervergnügen gemalt. Nur fehlt bei Zorn die gnadenlose Mittelmeersonne.

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Der aus einfachen Verhältnissen stammende Spanier Joaquin Sorolla (1863-1923) wird von seiner Tante, die nach dem Cholera-Tod seiner Eltern für seine Erziehung sorgt, auf eine Handwerkerschule geschickt, um das Metier seines Onkels zu übernehmen. Der Direktor der Handwerkerschule erkennt aber Sorollas Talent und schickt ihn auf die Königliche Akademie der Schönen Künste in Valencia.

Das Bild Paseo a la orillas del mar (Strandspaziergang) misst 204 x 200 cm und ist somit fast quadratisch. Es entsteht 1909 nach einer sehr erfolgreichen Ausstellung von Sorollas Werken in der gerade neu eröffneten Hispanic Society of America in New York. Der Künstler tritt die Rückreise nach Spanien mit dem Geld von 200 verkauften Werken und 20 Porträtaufträgen an und kehrt als wohlhabender Mann heim.



Paseo a la orillas del mar von Joaquin Sorolla | Bildquelle: Wikipedia


Auf dem Bild sieht man Sorollas Frau Clothilde und seine Tochter Maria in Lebensgröße beim Strandspaziergang in Valencia, in der Nähe seines Geburtsortes. Die Frauen tragen weiße, eng anliegende, elegante Kleider mit transparenten Ärmeln. Beide haben mit dem Wind zu kämpfen. Clothilde verhindert mit ihrer rechten Hand das Wegfliegen ihres aufwendigen Hutes. Der zur Seite gekippte Sonnenschirm in ihrer linken Hand scheint dem Wind nicht standzuhalten. Das Gesicht der Mutter ist fast vom Schleier des Hutes verdeckt, während die Tochter auf den Künstler blickt. Im dunklen Schuh von Maria reflektiert sich das Licht. Sie hält einen gelben, mit Blumen geschmückten Strohhut in der rechten Hand. Der Schleier am Hut der Mutter und die Blumen an dem der Tochter nehmen das türkisgrün des Meeres auf und stehen im Kontrast zum ockerfarbigen Sand.


Mit eigenen Farbmischungen erzielt Sorolla dieses Sonnenuntergangslicht und den Schattenwirkungen. Dieses gleißende, blendende Weiß, das man nur in Europas Süden findet, interpretiert kein Anderer wie Joaquín Sorolla und macht den Spanier zum Meister für Licht, Sonne und Meer.

Strandspaziergang hängt in dem bezaubernden Museo Sorolla im Madrider Stadtteil Chamberi, in Sorollas Wohnhaus und Atelier, zwischen seinen Möbeln und sonstigen Kunstwerken. Den wunderbaren Garten, heute eine Oase im hektischen Madrider Zentrum, hat er selber entworfen.


Christa Blenk - 14. Juni 2021
ID 12973

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