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Werkbetrachtung

Der Raub der Sabinerinnen

von Nicolas Poussin



Einer römischen Legende nach haben die Zwillinge Romulus und Remus Rom im Jahre 753 v.Chr. gegründet. Angeblich waren sie Kinder des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia. Weil letztere gegen das strenge Keuschheitsgebot für Priesterinnen verstoßen hatte, kam sie in den Kerker und die Kinder in einem Weidenkorb auf den Tiber. Mamma Lupa (die Wölfin) hat sie aus dem Wasser gefischt und sie mit Hilfe eines Spechtes aufgezogen. Ob es ein Schweinehirt und seine Frau oder Hirten waren, die die beiden Kleinkinder später zu sich nahmen, ist nicht ganz klar. Nachdem Romulus seinen Bruder Remus getötet hatte, wurde er zum alleinigen Herrscher auf dem Palatin-Hügel. Er erließ Gesetze, sorgte für deren Umsetzung und brachte den Handel zum Blühen. Nur mit seiner Heiratspolitik bewies er keine glückliche Hand. Die alt-eingesessenen Nachbarstämme aus den Bergen, allen voran die Sabiner, verboten es ihren Jungfrauen, sich den zwielichtigen Gestalten, Gaunern und Soldaten zu nähern. Sie brachten den „Zugereisten“ am Palatin nur so viel Respekt entgegen, wie ihn Angst und Unsicherheit hervorbringen. Eine List musste her, um die Fortpflanzung in seinem jungen Reich zu sichern. Der pfiffige Romulus ließ verkünden, dass er unter der Erde den Altar eines Gottes gefunden hätte und ihm zu Ehren die umliegenden Bergbewohner zu einem opulenten Opferfest einladen wollte. Vor allem die neugierigen Sabiner sind seiner Einladung gefolgt. So steht es jedenfalls bei Plutarch. Die Gäste waren so von den bunten Buden, kostbaren Waren und der Gastfreundschaft angetan, dass sie gar nicht merkten, was passierte. Auf ein Zeichen von Romulus schnappten sich die Römer die jungen Frauen, und die Sabiner mussten ohne sie heimreisen. Angeführt von Titus Tatius kehrten sie aber nach Rom zurück, um die „Gefangenen“ zu befreien. Bei denen hatte aber schon das Stockholm-Syndrom eingesetzt, und die mutigen Frauen wollten weder ihre mittlerweile zu Ehemännern aufgestiegenen Entführer noch ihre Väter und Brüder verlieren. „Macht uns nicht zu Witwen und Waisen“,sollen sie gerufen haben, während sie sich beherzt zwischen die kriegerischen Parteien am Kapitolinischen Hügel stellten und so eine blutige Auseinandersetzung verhinderten. Man ließ die Waffen sinken und feierte Versöhnung. So wurden die jungen Sabinerinnen die Stammesmütter des römischen Volkes. Romulus und Titus Tatius schlossen Freundschaft und teilten sich für kurze Zeit die Macht um Rom. 37 Jahre soll Romulus dort regiert haben, bis ihn ein gewaltiger Orkan während einer Sonnenfinsternis auf dem Marsfeld mit sich riss. Mars, sein Vater, hatte ihn zu sich geholt!

*

Das blumige Romulus-Thema und der damit verbundene Raub der Sabinerinnen hat immer wieder Künstler, Musiker oder Filmemacher interessiert. Einer davon war der französische Maler Nicolas Poussin (1594-1665). Sein Gemälde Der Raub der Sabinerinnen entstand um 1637 in Rom, misst 159 x 206 cm und hängt im Pariser Louvre.



Der Raub der Sabinerinnen von Nicolas Poussin | Bildquelle: Wikipedia


Das Bild könnte auch als Kinoplakat eines Sandalenfilmes durchgehen. Es herrscht aufgeregtes Chaos, das Poussin mit strenger, antiker und Hochrenaissance-Architektur im Hintergrund zu ordnen versucht. Romulus war ein harter Bursche, aber Poussin macht ihn hier zum "Apoll von Belvedere". Elegant, graziös und mit Krone steht der Schönling erhöht auf einem Monument und gibt das Startzeichen zum Raub, in dem er seinen purpurnen Umhang entfaltet. So affektiert, wie er den Mantel durch die Lüfte schwingt, seine Hüfte leicht tänzelnd nach vorne schiebt und mit dem rechten Bein und Arm Anlauf nimmt, ist diese Szene eher eine Einladung zum Ball und keine kriegerische Geste. Poussin lässt den barocken, diagonalen Raub auf einer Bühne vor einem Dekor aus Palladio-Bauten passieren. Die kämpfenden Männer und Frauen bilden ein Farbenchaos, das zwischendurch von punktuell gesetzten weißen Punkten, wie die beiden Schimmel, erhellt wird. Unsichtbare Linien halten die Szene im Gleichgewicht. Die Senatoren hinter Romulus haben eine Beobachterrolle. Überhaupt sind in dem Bild immer wieder kleine Zuschauergruppen auf Balkonen zu sehen. Die Männer in der Säulenvorhalle des noch nicht fertig gestellten Tempels hinter Romulus hingegen scheinen das Geschehen zu diskutieren. Der Säulenpalast Mitte rechts gibt dem Bild eine perspektivische Tiefe und leitet unseren Blick bis ganz nach hinten zu ein paar Bäumen unter einem stürmischen Himmel. Die Frau mit dem blauen Kleid links im Bild gleicht einer Statue. Der Helm, den sie ihrem Peiniger gerade vom Kopf gerissen hat, liegt auf dem Boden. Mit der rechten Hand zieht sie zart an seinen Haaren, während die linke in klassischer Pose untätig in der Luft hängt. Die jungen Frauen gleichen sich in ihrer Haltung, aber auch die blonden Haare und die klassische Frisur weisen auf einen Kanon hin. Die Männer sehen teilweise gehetzt aus, und bei ihnen und den älteren Frauen hat Poussin ebenfalls auf eine Individualisierung verzichtet. Die Figuren wirken wie verkleidete Statisten auf einer Theaterbühne.


Wachsfiguren, die Poussin mit Stoffen drapierte und in Szene setzte, waren oft der erste Schritt für seine Gemälde; das wusste jedenfalls der deutsche Maler und Kunsthistoriker von Sandrart zu berichten.

Christa Blenk - 21. März 2021
ID 00000012824
Als sich Nicolas Poussin Anfang des 17. Jahrhunderts als knapp 30-jähriger endlich mit Hilfe des Dichters Marino eine Rom-Reise leisten konnte, landete er in einem Gewusel von Künstlern, Adeligen, Gesandten und Religionsvertretern. Ein Empfehlungsschreiben öffnete ihm die Tür zum Papstneffen Francesco Barberini, und durch diesen lernte er Kunstliebhaber und Mäzene kennen, deren Sammlungen er studieren und betrachten durfte. Die Lateinkenntnisse, die sich der humanistisch gebildete Franzose in einer Jesuitenschule angeeignet hatte, halfen ihm beim Studium der Antike. Das beschwingte und barocke Rom, das der Papstliebling Gian Lorenzo Bernini gerade dabei war zu erschaffen und das Unsummen an Kirchensteuern verschlang, hat Poussin eher nicht interessiert. Ein General aus dem Umfeld von Papst Urban VIII. hat später Poussins Der Raub der Sabinerinnen erworben, musste es aber wieder verkaufen, und so gelangte das Werk 1685 in die Hände von König Ludwig XIV. nach Paris. Eine Art Vorversion aus dem Jahre 1633 hängt in New York.

16 Jahre blieb Poussin in Rom, bis ihn der französische König Ludwig XIII. an seinen Hof holte, wo er einen Tross von Hilfsmalern beschäftigen und überwachen sollte. Beides behagte ihm nicht, und Poussin ging nach nur zwei Jahren am französischen Hof in die Ewige Stadt zurück, wo er bescheiden und der Kunst verpflichtet lebte und nie – wie Rubens oder Velazquez – eine Zugehörigkeit zur Oberschicht anstrebte. In Rom ist der Wegbereiter des französischen Klassizismus Nicolas Poussin, den seine Kollegen auch den „französischen Raffael“ nannten, 1665 verstorben.


Wikimedia-Link zum Bild Der Raub der Sabinerinnen


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