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Werkbetrachtung

Alexander Sacharoff

von Alexej von Jawlensky



1903 unternimmt Alexej von Jawlensky (1865-1941) eine Reise nach Paris und in die Normandie. Zwei Jahre später, in der Bretagne, gelingt es ihm nach eigenen Worten die "Natur in Farbe zu übertragen". Jawlensky malt nicht mehr was er sieht, sondern was er fühlt. Er wird zum Farbenzauberer und misst seinen Glückspegel an der Intensität der Leuchtkraft seiner Bilder. Die Arbeiten aus dieser Zeit sind Vorboten einer ausdrucksstarken Explosion, die ab 1910 seine definitive Hinwendung zur Farbe nach sich zieht. Dieser Wandel passiert mit einem ganz persönlichen, mutigen Pinselstrich, mit vehementer Heftigkeit, manchmal mit Dramatik, aber nie mit Willkür. Die einschlägigen Schranken seines Kunststudiums sind gefallen und machen Platz für eine neue, aufsehenerregendere Sprache, die allein auf dem hochexpressiven Gebrauch von Farbe und Formen basiert und voller Wucht daherkommt. Die kräftigen, dunklen Konturen, die seine farbigen Formen oder Gestalten begrenzen, hat er sich von Hokusais Farbholzschnitten ausgeliehen, und sie werden zu spannungsgeladenen Oberflächen, eben weil sie von den groben Linien eingesperrt sind.

Paris ist wichtig für ihn, aber München essentiell. Hier lebt und arbeitet Jawlensky mit anderen Künstlern wie Kandinsky, Marc, Münter, Werefkin und dem großen Tänzer, Choreografen und Maler Alexander Sacharoff. In München entsteht der "Der Blaue Reiter", und in München revolutionieren russische und deutsche Künstler gemeinsam die moderne Kunst.



Alexander Sacharoff von Alexej von Jawlensky | Bildquelle: Wikipedia


Das Portrait Alexander Sacharoff ist ein sehr persönliches, ein Capriccio, eine ironisch-scharfsinnige Laune. Der Tänzer ist schon für seinen Auftritt im Münchner Odeon Theater gekleidet, als er kurz vorher noch im Atelier des Künstlers vorbei schaut. Alexander Sacharoff (1886–1963), der in München klassisches Ballett und Akrobatik studiert und später den modernen Tanz reformieren wird, die abstrakte Pantomime der Choreografie an die Seite stellt und mit Kandinsky und dem Komponisten Thomas de Hartmann an synästhetischen Bühnenkunstwerken arbeitet, ist sein Freund und sitzt ihm oft Modell. Das gespaltene Publikum feiert den zwittrigen Tänzer auf der einen Seite und kann auf der anderen nichts mit seinen durchkomponierten und gellenden Kabuki-Schreitänzen anfangen.


Mit dem knallroten Kleid, den schwarzen, welligen Haaren, den tiefroten, sinnlichen, mondförmigen Lippen, dem Maskengesicht, dem frontalen, provozierend-lockenden, undurchsichtigen Blick, den weit aufgerissenen, schwarz geschminkten, stechend-gelblichen Theater-Augen kommt Sacharoff sehr androgyn daher. Er zieht den Betrachter in seinen Bann, man will mehr über ihn wissen, man will ihn kennen lernen und ihn tanzen sehen. Die Gesichtsfarbe und der grün-türkise Hintergrund, den er offensichtlich zum Schluss gemalt hat, da er stellenweise die schwarze Umrandung frisst, sind eine Hommage an den Japonismus und bilden einen dramatischen Kontrast zum roten Kleid. Die etwas dunklere, rote Rose auf dem Herzen sowie Kopf und Schnabel eines schwarz-blauen Vogels hat er noch schnell hin gekleckst, bevor Sacharoff sein Bild noch feucht mitnehmen wird. Sacharoff hat das japanische Theater geliebt und sieht hier selber wie ein moderner Kabuki-Tänzer aus.

*

Jawlenskys spektakulärer Blickwinkel wird zum glühenden Spaziergang durch die gesamte Malerei ab Ende des 19. Jahrhunderts. Über Van Gogh, den Pointilismus, den Fauvismus und den analytischen und synthetischen Kubismus, den er später in gewisser Weise durch seinen Konstruktivismus behandelt, gelangt er zu einer individuellen Meditation aus den Zutaten Reduktion, Farbe, Japonismus, den russischen Ikonen und den byzantinischen Mosaiken. Seine leuchtende Geometrie, die sich frottierenden Farbkontraste und die extreme Drosselung auf die reinen Farben machen ihn zum Schöpfer der modernen Ikonen mit großem Einfluss auf die zeitgenössische Kunst. Aber die Wirkung, die er erzielt, ist nicht dekorativ oder beschreibend, sondern feinsinnig, durchdringend und passiert auf einer anderen Ebene. Er macht die Farbe zu seinem Ausdrucksinstrument, und während Kandinsky eine Revolution der Formen anstrebt und nach einer neuen, abstrakten Bildersprache sucht, führt Jawlensky seine Forschungen innerhalb einer unerbittlichen, chromatischen Begrenzung durch und gelangt zur abstrakten Verwendung von Farbe.
Christa Blenk - 10. Oktober 2021
ID 13199
Alexej von Jawlensky war ein Vollblutkünstler und ein Vollblutmensch, ein Casanova, der sich immer auf die Frauen in seinem Leben verlassen hat. Marianne von Werefkin stellt ihre Karriere für ihn in den Hintergrund. Mit der extrem jungen Helene hat er ein Kind, und sie wird 1922 schließlich seine Ehefrau. Als sich ab 1930 seine Polyarthritis ankündigt, tritt Lisa Kümmel in sein Leben und wird seine Sekretärin, seine Pflegerin, seine Reisebegleiterin und seine Freundin, während sich die Kunsthändlerin Emmy (Galka) Scheyer vor allem um den Vertrieb seiner Bilder kümmert.

In den letzten Jahren seines Lebens, bevor er gar nicht mehr malen kann, reduziert er auch die Formate seiner Bilder. Es entstehen die beunruhigenden, gequälten Meditationen, sie sind ein letztes Aufbäumen und eine Fortsetzung seiner großartigen Doppelkreuz-Gesichter, denen er sich schon ab 1920 widmet. Am Ende bleiben nur noch dicke, einsame Pinselstriche. 1937 muss er aus finanziellen Gründen eine Kur abbrechen. 72 seiner Arbeiten werden konfisziert, einige davon in München auf der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt. 1941 stirbt Alexej von Jawlensky in Wiesbaden.

Das Portrait Alexander Sacharoff entsteht 1909. Es hängt im Münchner Lenbachhaus und misst 69.5 × 66.5 cm.


Wikipedia-Link zu Alexander Sacharoff von Alexej von Jawlensky


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