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Werkbetrachtung

Anbetung der Hirten

von Gerrit van Honthorst



Ein wenig Stroh, ein Esel und ein Ochs, eleusinisches Licht, ein gewickeltes Kind, Maria und Josef, Hirten, Schafe, Engel und eine Flöte und schon ist die Krippe fertig. Der Stall von Bethlehem hat im Verlauf der letzten Jahrhunderte immer wieder Künstler inspiriert. Die Anbetung der Hirten geht zurück auf die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium und gehörte ab dem Mittelalter zum Repertoire der christlichen Kunst. Anders als im Matthäus-Evangelium, in dem die Protagonisten prunkvoll wie ihre Geschenke sind, besetzen bei Lukas die einfachen Leute die besten Plätze um das Jesuskind. Es sind die Hirten, die unter freiem Himmel von der frohen Botschaft der Geburt des Retters gehört und sich neugierig auf den Weg gemacht haben. Das gleichnamige Bild ist ein Paradebeispiel für die Nachtstücke von Gerrit van Honthorst (1592-1656). Es sind Bilder wie dieses, die ihm den Beinamen „Gherado delle Notti“ (Gerard der Nächte) eingebracht haben.



Anbetung der Hirten von Gerrit van Honthorst | Bildquelle: Wikipedia


Ganz im Sinne von Caravaggios Hell-Dunkel-Malerei gibt es eine Lichtquelle im Bild. Diese hier ist das Kind selber. Van Honthorst bringt das Neugeborene von innen heraus zum Strahlen und hüllt seine Umgebung in sanftes Licht. Marias Gestalt ist komplett ausgeleuchtet. Josef, manieristisch im Halbprofil, mit tiefen, harten Furchen im Gesicht, wird nur noch bis zur Hälfte angestrahlt. Sein dunkler, abgetragener Mantel verliert sich links in der Dunkelheit. Das Licht fängt die beiden Hirten hinter ihm ein und zieht weiter zu dem rechten Mann, der mit seinen beiden Händen ein Horn des Ochsen umklammert und mild auf das Kind herab lächelt. Ansonsten herrscht finstere Nacht, nicht einmal ein Stern ist zu sehen. Farblich ist das Bild sehr ausgewogen. Der Schäfer links mit dem roten Umhang hält eine braune Sackpfeife vor seiner Brust. Neben ihm steht ein unbeschwert lachender Schäfer-Lehrling mit Hirtenstab, der seinen braunen Hut noch auf dem Kopf hat. Er deutet begeistert mit dem Finger auf das Kind in der Futterkrippe, richtet seinen Blick aber auf den älteren Schäferkollegen. In der Mitte strahlt Marias blauer Mantel, während der Hirte rechts in einen hellbraunen Umhang gehüllt ist. Das Rosarot von Marias Kleid wiederholt sich auf ihren glatten, glühenden Wangen. Ihre Hände sind gerade mit den weißen Windeln beschäftigt. Sie hat einen Strick um die Taille gebunden und trägt einen hellen, transparenten Schleier auf dem Kopf. Honthorst malt die Körper in Nahansicht. Die Männer - außer dem Jüngling - tragen einen Bart. Die Personen grenzen das Bild ein und sind alle irgendwo abgeschnitten. Füße sieht man nicht. Die geheimnisvolle Szene ist eine ausgesprochen ruhige im Vergleich zu anderen Hirtenanbetungen. Die sechs Personen im Bild sind gleichberechtigt. Niemand scheint hier eine zweite Geige zu spielen. Van Honthorst zaubert in dieses Gemälde alle Wärme und feierliche Vorfreude der Welt. Nur das ovale Metallstück rechts unten, auf dem ein Kreuz mit einer Weltkugel zu sehen ist, bringt den Betrachter ins beginnende 17. Jahrhundert. Die Skizzen zum Bild Anbetung der Hirten dürften teilweise schon in Rom entstanden sein.


Van Honthorst hat dieses Thema öfters gemalt. Diese hier, die Kölner Version, die vor ein paar Jahren ausführlich restauriert wurde, entsteht 1622, misst 164 x 190 cm und hängt im Wallraf–Richartz Museum. Die Postkarte des Bildes soll zu den am meist verkauften im Museum gehören.

*

In Rom wohnt van Honthorst zeitweise im Palazzo Giustiniani und sieht jeden Tag die Bilder von Caravaggio. Dieser Künstler, der Prostituierte mit schmutzigen Füßen und zerlumpte Gauner von der Straße holt und sie in seinen Bildern zu Märtyrern macht, beeindruckt ihn sehr. Caravaggio selber ist zu diesem Zeitpunkt gerade wieder mal auf der Flucht, und die beiden haben sich wohl persönlich nie getroffen. Obwohl der Niederländer den Chiaroscuro-Stil aufnimmt, ist seine Interpretation doch eine andere. Während die kontrastreichen Licht-Schatten-Stimmungen des groben und leicht erregbaren Caravaggio beunruhigen, setzt Honthorst mit ausdrucksvollen Spitzlichtern und Schlagschatten seine nahsichtigen Halbfiguren in eine gesellige und friedvolle Umgebung. Ob es verdeckte Moral oder Spott ist, was beim zweiten Hinsehen aus seinen Genre Bildern spricht, ist nicht immer ganz klar.

1620, knapp 28-jährig kehrt der niederländische Maler Gerrit von Honthorst in seine Heimat zurück und wird schnell in die Utrechter Malergilde aufgenommen und zu einem der Hauptvertreter der nordischen Caravaggisten. In Rom hat er sich mit Altarbildern, Hirtenanbetungen oder Portraits des römischen Adels einen Namen gemacht, der ihn auch in der Heimat schnell Fuß fassen lässt. Zeitweise übertrifft sein Ruhm sogar den von Rubens. Die Niederlande befinden sich im Kampf gegen die spanischen Besatzer und gegen den Katholizismus. Aber auch wenn die Protestanten oder Calvinisten nach außen Bescheidenheit an den Tag legen und sich mit mehr sozialer Gerechtigkeit als die der Katholiken brüsten, liebt es das wohlhabende Bürgertum, sich mit Luxus zu umgeben. Das sieht man in Genre-Bildern wie „Fröhliche Gesellschaft“ von 1622. Edles Leinen, Silbergeschirr und wunderbar geschliffene Weingläser sind das Dekor einer recht undurchsichtigen Szene. Ein großes Salzfass auf dem Tisch verstärkt den Eindruck, dass es hier an nichts mangelt.

Dass van Honthorst auf Vermeer oder Rembrandt einen bedeutenden Einfluss gehabt hat, ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn er schon kurz nach seinem Tode in Vergessenheit geraten ist.
Christa Blenk - 23. Dezember 2021
ID 13378
Wikipedia-Link zum Bild Anbetung der Hirten


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