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Werkbetrachtung

Goethe in der Campagna

von Johann Heinrich Wilhelm

Tischbein



Im September 1786 kommt Johann Wolfgang von Goethe in Rom an. Der junge Dichter steckt in einer Schaffenskrise, kommt nicht gut voran und hat einige Werke halb fertig in der Schublade liegen. Fast heimlich verlässt er Weimar, vielleicht spielte ja auch die komplizierte Beziehung zu Frau von Stein eine Rolle. Auf alle Fälle kann er es gar nicht erwarten in der Hauptstadt der Welt anzukommen. In seinen Rom-Aufzeichnungen beschreibt er später, wie er Tirol, Venedig, Verona und Bologna praktisch links liegen ließ; Florenz soll er ganze drei Stunden gewidmet haben. In Rom nennt er sich Filippo Müller und kommt bei dem Maler Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) am Corso unter. Und er, Tischbein, malt ein wenig später eines der Lieblingsbilder der Deutschen.

Goethe in der Campagna ist eine Ikone, die schon lange zum Markenzeichen geworden ist. Mit dem Maler Tischbein, der mit Hilfe eines Stipendiums, das ihm der Herzog Ernst von Gotha mit Hilfe von Goethe verschafft hat, in Rom lebt, verbindet ihn in Rom eine tiefe, aber nur kurzlebige Freundschaft.

Tischbeins Gemälde Goethe in der Campagna ist eine Liebeserklärung und manifestiert die Bewunderung des Malers für den Dichter.



Goethe in der Campagna von Heinrich Wilhelm Tischbein | Bildquelle: Wikipedia


Tischbein stellt Goethe in der Position einer Diva, eines Souveräns oder Halbgottes dar, schwebend-thronend auf einer erdfarbenen Bank aus Gesteinsquadern. Einer vorbereitenden Zeichnung zufolge handelt es sich um einen umgestürzten, ägyptischen Obelisken. Dahinter verdeckt ein Efeugewächs halb ein griechisches Marmorrelief. Unter den leicht verstaubten Pflanzen links und rechts unten im Bild ist auch ein Spitzwegerich. Goethe scheint den Boden nicht zu berühren. Im Verhältnis zu seiner Umgebung ist er außerdem viel zu groß geraten. Tischbein hat ihn kunstvoll in einen weißen, seidenen Reisemantel gehüllt und ihm beigefarbene, geschnürte Kniebundhosen über weißen Seidenstrümpfen angezogen. Aus dem runden Kragen blicken ein weißes Hemd und eine rotbraune Jacke hervor. Ein großer grau-blauer Hut umgibt seinen Kopf wie eine Aureole und setzt sich sehr markant vom Himmel dahinter ab. Das Gesicht im Viertelprofil ist idealisiert und kommt gut zur Geltung. Dann die Beine, hier stimmen die Proportionen gar nicht. Das rechte Bein ist fast ganz zu sehen, während das linke, komplett bedeckt vom eleganten Mantel, doppelt so dick und zu lange daher kommt. Mit den Füßen hat er es auch nicht allzu genau genommen. Goethe scheint hier zwei linke Füße zu haben. Der rechte Fuß sieht wie eine identische Kopie des Linken aus. Eine Theorie des Städel Museums sagt, dass Tischbein wohl nur den linken Fuß fertig gestellt hat, während der rechte sowie einige weitere Details von einem unbekannten Maler später ergänzt wurden. Im Hintergrund findet man all das, was man von einer Arkadienlandschaft im römischen Umland erwartet. Fragmente eines Aquädukts hinter einem einfachen Haus mit zwei Fenstern, eine eingestürzte Säule mit ihrem Kapitell, Bäume und Weite. Der runde Turm in der Mitte des Bildes ist eine Kopie des Grabmales der Caecilia Metella, das eigentlich auf der Via Appia steht. Die Berge im Hintergrund könnten die Sabiner oder die Albaner Berge sein. Der Himmel ist leicht bewölkt. Einen Hauptplatz im Bild nimmt das Relief ein. Es zeigt Iphigenie, die Priesterin, die später ihrer Bruder Orest töten wird. Dass sie ihn hier gerade erkennt, verrät ihre Handbewegung. Das ist nicht verwunderlich, denn während ihrer gemeinsamen Zeit in Rom hat Goethe das bereits in Weimar begonnene Stück Iphigenie auf Tauris fertig gestellt und dem faszinierten Tischbein im Verlauf des Fertigungsprozesses des Öfteren am Abend daraus vorgelesen.

Goethe selber scheint von all dem gar nichts mit zu bekommen. Sein Blick geht in die Ferne. Tischbeins Modell ist ein ernster, verträumter Philosoph, der Ruhe ausstrahlt und zu sich gefunden und der die Schwierigkeiten oder Sorgen aus der Heimat zurück gelassen hat. Goethe denkt vielleicht schon an die Finalisierung des Egmont oder von Torquato Tasso. Auch die Anspielungen in dem Bild auf Griechenland und die Antike gehen an ihm vorbei.



Drei Monate leben Goethe und Tischbein Tür an Tür in der Wohnung am Corso und reisen anschließend noch gemeinsam nach Neapel, wo sie sich allerdings trennen. Goethe will weiter nach Sizilien, während der finanziell nicht so unabhängige Tischbein eine Stelle in der Kunstakademie annehmen muss.

Christa Blenk - 29. Juni 2021
ID 13005
Das fertige Bild soll Goethe angeblich nie zu Gesicht bekommen haben, wusste aber natürlich von dessen Existenz. Heute hängt es im Frankfurter Städel Museum. Es zeigt mit 206 x 164 cm den Dichter in Lebensgröße und ist Tischbeins bedeutendstes und bekanntestes Werk.

Wikipedia-Link zum Goethe-Bild von Tischbein


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