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Werkbetrachtung

Apollo und Daphne

von Bernini



Rom überschritt in der Antike um das Jahr 300 weit die Ein-Millionen-Einwohner-Grenze, um nur knapp 250 Jahre später aufgrund von Misswirtschaft, Korruption, Kulturverlust, Bürgerkriegen, Raubzügen, Stadtflucht und sonstigen Katastrophen auf 100.000 Einwohner zu schrumpfen. Erst Jahrhunderte später begann vorsichtig mit der Renaissance eine neue Blütezeit, die zwar beim Sacco di Roma, den Plünderungen der Söldnertruppen von Karl V. im Jahre 1527, kurz unterbrochen aber nicht mehr aufgehalten werden konnte. Das alte Rom war wieder auferstanden. Im Drei-Päpste-Jahr 1605 ließ sich Camillo Borghese unter dem Namen Paul V. als dritten Papst wählen und blieb fast 16 Jahre auf dem Posten. Unter ihm, seinem korrupten und kunstverliebten Neffen Scipione Borghese, seinen Nachfolgern und dem immer präsenten, intriganten, brillanten, ehrgeizigen und skrupellosen Baumeister und Bildhauer Gianlorenzo Bernini (1598-1680) wurde Rom zu einer Hochburg des Barock. Bernini sah sich selber gern in der Rolle des Erfinders des barocken Roms und hatte keine Hemmungen, Konkurrenten - wenn es sein musste auch mit Intrigen oder Gewalt - auszuschalten. Vor allem sein Zeitgenosse Francesco Borromini konnte davon ein Lied singen. Mit allen Mitteln darauf bedacht, ja nicht die Gunst des jeweiligen Papstes zu verlieren, stellte er sich geschickt, diplomatisch und schlagfertig auf die unterschiedlichen Papstfamilien ein. Jeder Papstclan war umgeben von gierigen Neffen und unmoralischen Verwandten, die allesamt ein Stück vom päpstlichen Kuchen abhaben wollten. Man musste schnell handeln, denn jeden Moment konnte der Melkschemel zu einer anderen Familie pilgern. Der Begriff "Nepotismus" entstand in dieser Zeit, und der Volksmund resignierte und sprach: „Nach den Carafa, den Medici, Farnese – bereichert sich von nun das Haus Borghese.“



Apollo und Daphne in der Galeria Borghese, Rom | Bildquelle: Wikipedia


Apollo und Daphne (entstanden zwischen 1622 und 1625) ist die letzte von vier Skulpturengruppen des jungen Bernini unter Paul V. und zählt zu seinen Meisterwerken. Choreographie, Energie, Licht-Schatten-Effekte und Theatralik lassen sie vollkommen dastehen. Das Thema hat sich der Meister bei Ovids Metamorphosen ausgeliehen. „Wer als Liebender den Freuden flüchtiger Form nachjagt, der füllt seine Hand mit Laub und erntet bittere Beeren“, steht auf dem Sockel, auf den Daphne geflüchtet ist. Eine ironische und zweideutige Aussage, die in eklatantem Kontrast zu dieser erotischen Skulptur steht, die auf das Ephemere von körperlicher Anmut, Schönheit und Makellosigkeit anspielt. Der weiße und harte Marmor verstärkt die Doppelsinnigkeit. Ovid schildert die Geschichte der schönen Nymphe Daphne, die vom Gott Apoll begehrt wird, sich ihm aber jungfräulich entziehen kann, indem sie im Moment der Gefangennahme zu Laubwerk wird. Bernini hält genau diesen Moment in diesem Metamorphosenkreisel fest. Daphnes Gesicht drückt Überraschung, Schrecken oder vielleicht ein „Oh wie schön“ aus. Erwischen und Entkommen passieren synchron. Daphnes Haare werden im Nu zu Blättern, die Füße zu Wurzeln, die Beine zu Rinde. Ihr angespannter Körper ist gebogen und will abheben. Apolls Hand auf ihrem Bauch hinterlässt Fingerabdrücke im Marmorfleisch. Der rechte, nach hinten gestreckte Arm von Apoll bildet mit dem rechten nach oben flüchtenden Arm von Daphne die perfekte Diagonale. Die Blätter ranken sich Apolls Hüfttuch entgegen. Sein linker Fuß ist im Laufschritt leicht erhoben. Der Lorbeerkranz auf seinem Kopf verrät uns schon sein Scheitern, bevor er es kapiert hat. Noch lächelt er verlegen und will nicht glauben, was gerade passiert und wie sich sein soeben erlangtes Glück verflüchtigt oder besser gesagt verwandelt. Feuer, Leidenschaft, Weichheit und Dynamik hat Bernini hier aus dem kalten Marmor geholt.
Christa Blenk - 6. Mai 2020
ID 12217
Bernini war einer der bedeutendsten italienischen Bildhauer im Barock. Der Künstler schuf die vier Skulpturengruppen Äneas und Anchises, Raub der Proserpina, David und Apollo und Daphne für den Kardinalnepoten Scipione Borghese zwischen 1618 und 1625 – noch keine 30 Jahre alt.

Der Kunstpapst Urban VIII. war zwischen 1623 und 1644 Berninis größter Mäzene. Er übertrug ihm u.a. den Bau der Kolonnaden am Petersdom. Ein weiteres Hauptwerk, Die Verzückung der Heiligen Theresa (1646-1652), steht in der Kirche Sant Andrea al Quirinale. Papst Innozenz X., sein letzter Papst, beauftragte ihn mit dem spektakulären Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona. Diese Allegorie auf vier Kontinente mit Donau, Rio de la Plata, Nil und Ganges mündet direkt in einen Obelisken als Symbol der päpstlichen Macht. Dieses Alterswerk von Bernini – es wurde 1651 enthüllt - war bautechnisch eine große Herausforderung und hat vor allem ein Vermögen gekostet! Brot war überteuert, und auf dem Höhepunkt der Hungerkatastrophe 1648 rebellierte das Volk und rief „Wir wollen keine Obelisken und Brunnen, Brot wollen wir, Brot Brot!" Heute sind die Römer natürlich trotzdem sehr stolz auf ihre schönen Bauwerke, die überall großzügig herumstehen, als ob sie nichts kosten würden. Bernini arbeitete für nicht weniger als acht Päpste, und überall in Rom, auf Plätzen, in Museen oder in Kirchen, stößt man auf seine Spuren. Nach seinem Tod geriet er allerdings sehr schnell in Vergessenheit.


Link zur Villa Borghese in Rom


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