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Werkbetrachtung

Die Reisegefährtinnen

von Augustus Egg



1862, ein Jahr vor seinem Tod, malt der englische Maler Augustus Leopold Egg (1816-1863) sein wahrscheinlich bekanntestes Bild. Er nennt es Die Reisegefährtinnen. England steckt mitten im „Railway age-Fieber“ und der industriellen Revolution. 1825 - da war Egg neun Jahre alt – wurde die erste Eisenbahnstrecke eröffnet. Schon 1830 konnte man von Liverpool nach Manchester mit dem Zug fahren. Eines der bekanntesten und genialsten Gemälde der Kunstgeschichte zu diesem Thema, hat Turner gemalt: Rain, Steam and Speed - The Great Western Railway entsteht 1844. Auch wenn Eggs Bild nicht dem Rausch nach Geschwindigkeit nachkommt wie dies Turners Werk tut, geht es bei dem Bild Die Reisegefährtinnen trotzdem um Modernität, Bewegung, Zeit, Veränderung.

Finden Sie die zehn Unterschiede: Die beiden jungen Ladies gleichen sich, sind aber unterschiedlich, sie sind eben nur fast ein Spiegelbild, und der geschulte Blick des Betrachters findet die Verschiedenheiten sehr schnell:



Die Reisegefährtinnen von Augustus Egg | Bildquelle: Wikipedia


Die Damen sind edel gekleidet und sitzen sich gegenüber. Der Zug, von dem man nur ein Abteil sieht, könnte auch eine altmodische Berline sein, fährt von links nach rechts. Sicher ist es ein Wagen der Ersten Klasse, denn sie sind ganz alleine im Abteil. Ob sie Schwestern oder Freundinnen sind, weiß man nicht. Aber sie sind, was Erziehung und Familie angeht, gleichberechtigt. Es handelt sich nicht um eine höhere Tochter mit ihrer Gouvernante. Sie tragen sehr aufwendige Reisemäntel aus grauer Seide, und beide haben einen Hut auf ihrem Schoß liegen. Das Abteilfenster teilt die vorbeiziehende Welt in ein Triptychon: Links sieht man nur blaues Mittelmeer durch das nach unten abgerundete Fenster, das Bild in der Mitte zeigt im Rechteck die ganze Schönheit der südfranzösischen Landschaft: Meer, bergiges Hinterland, blauer Himmel, einen Ort in einer Bucht, grüne Pflanzen im Vordergrund. Die grelle Sommersonne lässt die Berge ein wenig farblos erscheinen. Das rechte Abteilfenster endet nicht abgerundet, sondern wird von dem Vorhang abgeschnitten. Hier gibt es nur Berge und bräunliche Vegetation. Der Zug verlässt gerade wieder die französische Riviera, und die beiden Reisegefährtinnen dürften auf dem Heimweg sein, denn sie scheinen die idyllische Landschaft ja schon zu kennen, so uninteressiert wie sie sie an sich vorbeiziehen lassen. Vielleicht machen die jungen Mädchen diese Reise aber auch nicht zum ersten Mal. Nur wir, das Publikum, betrachten die liebliche Landschaft durch das Fenstertriptychon. Fast synchronisiert sitzen sich die beiden also gegenüber. Einige Unterschiede stechen uns sofort ins Auge, wie die schlafende links oder lesende Frau rechts. Die flammend-roten Federn auf beiden Hüten sind leicht unterschiedlich, das ist schon schwerer zu finden. Der Kopf der Schlafenden fällt leicht nach links Richtung Fenster. Die Lesende ist komplett im Profil zu sehen. Neben Ihr liegen bunte Blumen, das könnte darauf hindeuten, dass die beiden von einer Feier kommen. Rechts neben der Schlafenden steht ein geflochtener Obstkorb mit einer weißen Serviette, die mit dem weißen Blusenbündchen an ihrer rechten, handschuhlosen Hand, farblich in Kontakt steht. Befremdlich ist es trotzdem, dass sie so ganz alleine reisen. Interessant sind die jeweiligen Arrangements und Faltenwürfe ihrer Reisemäntel. Die Schlafende hat den Stoff wie einen ruhigen See um sich drapiert, während die Lesende von viel mehr Unruhe umgeben ist. Ihr grauer Mantel fällt eckiger, kantiger und formt ein scharfes Dreieck. Diese Rastlosigkeit zieht sich hoch bis zum Vorhang des rechten Fensters, wo sich darunter ein Teil ihres Mantels wie ein Gebirge aufbauscht. Die Kleider füllen praktisch das Abteil komplett aus. Koffer sieht man nicht, es wäre aber auch kein Platz dafür. Auch die Haare sind unterschiedlich frisiert, außerdem scheinen die der Lesenden heller zu sein. Ihre rechte grau-blau behandschuhte Hand blättert gerade um.


Eggs Malstil ist anachronistisch. Er muss als Künstler erst noch umblättern, um so zu malen wie Turner oder die gerade aufkommenden französischen Impressionisten, die ihm vormachen, wie Modernität geht. Seine Abteil-Szene glänzt ganz im altbewährten, konservativ-klassischen Stil, deshalb sieht sein Zug auch wie eine Kutsche aus. Die nervöse Hektik der Industrialisierung lässt er einfach weg, und wäre da nicht die Kordel im mittleren Fensterteil, die nach links weht, würde man nichts von einer Bewegung wahrnehmen. Die Kordel macht das Bild zu einer Momentaufnahme, denn eine Sekunde später wird sich das blaue Meer ins mittlere Fenster vorgearbeitet haben. So ist es der Betrachter, der von Egg auf eine Reise geschickt wird. Die Reisegefährtinnen nehmen keinen Kontakt zum Zuschauer auf, er ist ihnen gleichgültig, denn sie ziehen weiter durch diese Schäfchenwolkenlandschaft mit dem Ziel, in ihrer Zukunft anzukommen.

*

Das Bild The Travelling Compagnions (Die Reisegefährtinnen) entsteht 1862, hängt im Birmingham Museum und misst 65,3 × 78,7 cm.

Christa Blenk - 28. Oktober 2021
ID 13249
Der Engländer Augustus Egg gehörte zu einer Künstlergruppe, die sich „The Clique“ nannte. Heute kennen wir so gut wie keinen Maler aus der Gruppe, auch Egg selber ist auf dem Kontinent ziemlich unbekannt. Seine Familie war relativ wohlhabend, und er gehörte zum Freundeskreis von Charles Dickens. Ein weiteres, bekanntes Bild von ihm heißt Past and Present, ein Triptychon, das den Bruch der viktorianischen Mittelschicht im 19. Jahrhundert in England beschreibt.

Aufgrund seiner nicht sehr stabilen Gesundheit hat der Künstler seine letzten Jahre in Südfrankreich verbracht. Verstorben ist Augustus Egg 1843 in Algier.

Ein halbes Jahr nach Eggs Tod und ein Jahr nach seinem hier beschriebenen Bild erscheint in der französischen Zeitung Le Figaro der lange Aufsatz. Der Maler des modernen Lebens von Charles Baudelaire, seines Zeichens Dichter und Dandy mit lebenslangen Geldsorgen. Mit diesem Aufsatz plädiert er auf 12 Kapiteln (erschienen an drei Tagen Ende November/Anfang Dezember 1863) für einen neuen, anderen Umgang mit Schönheit und Modernität. Wirklich abgeschlossen mit dem herkömmlichen Konzept Schönheit, sie für vogelfrei erklärt und sie der Verpflichtung der Tradition enthoben hat allerdings erst das 1909 erschienene Manifest des Futurismus von Marinetti.


Wikipedia-Link zu Augustus Eggs Reisegefärtinnen


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