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Werkbetrachtung

Selbstbildnis am Scheideweg

zwischen Musik und Kunst


von Angelika Kauffmann



Rom 1792: Angelika Kauffmann (1741-1807) lebt als angesehene Künstlerin wieder in der ewigen Stadt. Ihre Wohnung an der Spanischen Treppe ist Treffpunkt für Künstler, Musiker, Dichter und Wissenschaftler. Für Gottfried Herder ist sie die „kultivierteste Frau in Europa“, und Goethe bescheinigt ihr in seiner Italienischen Reise - wenn auch etwas chauvinistisch - , dass sie für ein Weib ein „wirklich ungeheures Talent“ habe.

Mit dem Bild Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Kunst initiiert Kauffmann eine Reise in die Vergangenheit und verarbeitet ihre Entscheidung, die sie als 16-jährige getroffen hatte und die sie da hinbrachte, wo sie 1792 steht. Es ist es auch ihr größtes Bild und zeigt den Moment der Entscheidung zwischen der Musik und Malerei. Während die Mutter ihr die Musik vermittelte, wurde Angelika durch ihren Vater, den Freskenmaler Joseph Johann Kauffmann, schon von klein auf mit Pinsel, Palette und Farben konfrontiert. Angelika konnte schon als kleines Mädchen wunderbar singen, spielte mehrere Instrumente und beeindruckte mit großartigen Zeichnungen die Welt der Erwachsenen. Nach dem Tod der Mutter folgte sie ihrem Vater nach Schwarzenberg im Bregenzerwald und half ihm bei der Ausmalung der abgebrannten Dorfkirche. Das dürfte der ausschlaggebende Moment gewesen sein, der die Musik zum Zeitvertreib hat werden lassen. Ihre Anerkennung als Malerin hat den damaligen Entschluss bestätigt, obwohl man natürlich nicht wissen kann, was aus ihr geworden wäre, hätte sie sich für die Musik entschieden.



Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Kunst von Angelika Kauffmann | Bildquelle: Wikimedia


Das Bild hängt im Moskauer Pushkin-Museum und ist schon deswegen bemerkenswert, weil die Künstlerin darin zwischen zwei Berufen wählen kann, während für andere Frauen im 18. Jahrhundert eine Berufswahl gar nicht zur Debatte stand.


Angelika steht im weißen, unschuldigen Kleid, jung und zart zwischen zwei antiken Schönheiten, ganz im Sinne des Klassizismus. Die Musikallegorie trägt ein rotes Kleid, auf ihrem Schoß liegen Notenblätter, und Lorbeer ziert ihr dunkles Haar. Milde und Verständnis sind in ihrem Gesicht zu lesen. Sie will keinen Druck ausüben und richtet ihren Blick in die Weite. Die Malerei hingegen scheint die Entscheidung für das Mädchen treffen zu wollen. Mit Palette und Pinsel in der Hand, im blauen Kleid mit rotem, energisch flatterndem Schal, blickt sie bestimmt und warnend auf die Musikallegorie um ihr zu sagen: „Sie gehört mir.“ Gleichzeitig weist die zielstrebige Blonde mit ausgestreckter, rechter Hand den Weg auf den Apoll im Hintergrund. Dass Angelika Kauffmann diese Wahl damals nicht leicht gefallen sein dürfte, ist offensichtlich. Sie greift zur Entscheidungsfindung auf Herakles zurück und bringt sich in seine Position. Auch der griechische Held war als junger Mann unschlüssig, welchen Lebensweg er einschlagen sollte. Er zog sich an einen stillen Ort zurück und entschied sich für den beschwerlichen Weg der Tugend und gegen den einer kurzen, glückseligen Lasterhaftigkeit.

Kauffmann macht ihren Entscheidungsprozess öffentlich, indem sie ihn 35 Jahre später in besagtem Bild festhält. Sie verwirrt den Betrachter aber erneut und tut nicht das, was sie malt. Während ihr Blick auf die Musik, die noch ihre rechte Hand hält, gerichtet ist, verrät sie mit ihrer Körperhaltung und einen um Verzeihung bittenden Blick, dass die Entscheidung gefallen ist, zieht ihre rechte Hand zurück und streckt gleichzeitig die offene linke Hand in Richtung Palette aus. Die Künstlerin hat hier auch eine Entscheidung zwischen Mutter und Vater getroffen.



„Sublim, obwohl von einer Frau gemalt“, waren die Kommentare dazu.

Christa Blenk - 27. August 2020
ID 12418
Angelika Kauffmanns Durchbruch begann schon während ihres ersten Rom-Aufenthaltes ab 1760. Das Portrait des Archäologen und Klassizismus-Begründers Johann Joachim Winckelmann schlug wie ein Blitz ein. Aufklärerisch, im Hausrock und mit der Feder in der Hand, sitzt er vor einem großen Buch und macht eine Schreibpause. Das Portrait des englischen Schauspielers David Garrick, ein Folgeauftrag, machte sie auch mit einem Schlag in England bekannt, und so kam es, dass sie mit ihrem Vater für ein paar Jahre nach London zog. Den Heiratsantrag ihres englischen Mentors Sir Joshua Reynolds hat sie abgelehnt und dafür heimlich einen schwedischen Grafen geheiratet, der sich als Heiratsschwindler herausstellte und mit ihrem Geld durchbrannte. Auf Wunsch ihres Vaters ging sie mit knapp 40 Jahren eine zweite Ehe mit dem etwas älteren venezianischen Maler Antonio Zucchi ein. In dieser Zeit entsteht ein interessantes Selbstportrait neben einer Büste der römischen Göttin der Poesie, Musik, Kunst und Weisheit, Minerva.

Neben Mary Moser war Angelika Kauffmann oder „Miss Angel“, wie die Briten sie nannten, die einzige Frau in der Royal Academy in London. Kauffmanns Werke wurden zu Kult, und sie selber wäre heute eine „Trendsetterin“. Als sie 1807 in Rom starb, organisierte der Bildhauer Antonio Canova eines der prunkvollsten Begräbnisse überhaupt. Im Pantheon steht eine Büste von ihr.


Wimimedia-Link zum Bind von Angelika Kauffmann


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