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Kunstmesse

Klasse statt

Masse



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Im Gegensatz zur BERLINER LISTE setzten die Art Berlin Contemporary, Hauptmesse der Berlin Art Week 2016, auf Klasse statt Masse. Die ABC hat die Teilnehmerzahl der ausstellenden Galerien von 105 im letzten Jahr auf 62 reduziert. In der Station-Berlin am Gleisdreieck bespielt man damit nur noch eine der bisher drei Hallen. Auch finanzielle Gründe sollen eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls sind die Preise für die sonst locker in den weiträumigen Hallen platzierten Stellwände immens gestiegen. Die Aussteller drängen sich in diesem Jahr etwas dichter in der vorderen Halle. Ticketverkauf und Merchandising sind in anderen Räume umgezogen. Den Besuchern der ABC bietet sich eine Art Kunstsalon in Kabinetten. Immer noch besser als die traditionelle Kojen-Anordnung. Man kann zwar weiterhin frei zwischen den einzelnen Ausstellern in der Halle flanieren, allerdings geht doch etwas das Gefühl der Weite verloren.

*

Gleich zu Beginn stolpert man schon über die erste Installation, eine Kunstgattung, die auch sonst auf der ABC vorherrschend ist. Es ist eine Anordnung von afrikanischen Masken, Figuren, Fellen und einem in Kolonial-Uniform gekleideten Jazz-Saxophonisten, die der schottische Künstler Andrew Gilbert für die Galerie Sperling aus München wie Ausstellungsstücke in einem Völkerkundemuseum angeordnet hat. Gilbert verarbeitet hier kritisch ironisierend Motive aus der britischen Kolonialzeit. Unweit davon bei der Galerie Guido W. Baudach aus Berlin hockt eine betende Figur auf einer Decke vor einem Ölfass, aus dem über eine Videoprojektion Rauch quillt. Die Multimedia-Installation Primitive Data ist vom Berliner Künstler Markus Selg, der gerade bei der Ruhrtriennale zusammen mit der Regisseurin Susanne Kennedy die Theaterinszenierung Medea.Matrix herausgebracht hat. Qualm dringt auch aus einem Plastik-Müllcontainer in der Raucherecke neben dem Eingangsbereich der Halle. Der Künstler Simon Mullin hat ihn dort für die Galerie Dittrich & Schlechtriem hingestellt. Wann der Müll auf der ABC abgeholt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.




Erwin Wurm, Curry Bus auf der Berliner ABC-Messe 2016 | Foto: Stefan Bock


Witz und Ironie sind in diesem Jahr ganz groß geschrieben. Im hinteren Teil der Halle steht der orangene, aufgeblasene Curry-Bus des Österreichers Erwin Wurm, der erst unlängst in der Berlinischen Galerie ausstellte und nun für die Galerie König auch noch einige seiner abstruct sculptures aus bronzenen Würstchen und Gurken mitgebracht hat. Auch ein Toilettenhäuschen mit wild-buntem Comic-Inneren und entsprechender Musikbeschallung von Kenny Scharf für die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ist zu sehn. Multimedial und begehbar ist auch eine Tapisserie-Installation der französischen Turner-Preis-Trägerin von 2013, Laure Prouvost, bei der Berliner Galerie Calier/Gebauer. Für die Wiener Galerie nächst St. Stephan hat der Berliner Daniel Knorr einen begehbaren Solo-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Halle gestellt, und für die Galerie Stereo aus Warschau lässt der polnische Künstler Roman Stańczak auf einem Holztisch einen Löffel um ein von einer Made zerfressenes Brot kreiseln.



Yitzhak Golombek, Skulpturen aus der Werkgruppe Drop auf der Berliner ABC-Messe 2016 | Foto: Stefan Bock


Die Berliner Galerie koal zeigt die Sperrholz-Skulpturen aus der Werkgruppe Drop des in Tel Aviv lebenden Künstlers Yitzhak Golombek. Die wie Tropfen oder Tränen geformten Gehäuse spielen mit den Gegensätzen zum Dargestellten in Material, Form, Größe und Gewicht. Auf den Tropfen stehen Zeichnungen mit Köpfen, die aus Obst und Gemüse zusammengesetzt sind und an den Renaissance-Künstler Arcimboldo erinnern. Die Buchmann Galerie aus Berlin stellt eine Gruppe mit Bronzeskulpturen des Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler aus.

Ansonsten gibt es einiges Interessantes an Malerei, Grafik und Mixed-Media-Arbeiten zu sehen. Da sind vor allem die neuen Bilder des Kölners Andreas Schulze, die die Berliner Galerie Sprüth Magers an vier hellblaue, gegenüberliegende Stellwände gehängt hat. Die Serie Vacanze zeigt abstrahierte Rumpfformen von Urlauberfamilien in Öl und buntem Badeoutfit. Ironisch lässt Schulze aus kleinen runden Öffnungen in den Kleidern Rauch entweichen. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt die seriellen vom Vokabular der sozialen Netzwerke inspirierten Pop-Art-Bilder der griechischen Künstlerin Despina Stokou, auf denen sie viele kleine Emojicons aneinanderreiht. Verrätselt sind die großformatigen, farbigen Papierarbeiten des Dresdner Künstlers Dirk Lange mit den Titeln Staff und Grenzgebiet. Sie sind bei der Berliner Galerie Michael Haas zu sehen. Neue anspruchsvolle Öl-Bilder des Malers Eberhard Havekost hat die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann im Angebot.



Pieter Schoolwerth, Fuck Me auf der Berliner ABC-Messe 2016 | Foto: Stefan Bock


Für die Galerie Luis Campana hat der in New York lebende deutsche Künstlers Dirk Skreber große Portraits mit 3D-Effekten aus geschnittenen Schaustoffstreifen geschaffen. Hier schlug sogar die Neue Nationalgalerie Berlin / Hamburger Bahnhof zu. Bei der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke sind große Bilder des New Yorker Zeichners Marcel Dzama zum Theater der Revolution sowie kleine Bühnenmodelle aus Holz im Stile des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer ausgestellt. Der New Yorker Künstler Pieter Schoolwerth übersetzt mit roter Lackfarbe beschichtete Holzreliefs in dreidimensional anmutende, farbige Ölmalereien mit Stinkefinger. Seine Werke Fuck Me und Modell for "Fuck Me" hängen bei der New Yorker Galerie Capitain Petzel.

Überstrichene, illegal geklebte Plakate hat der in Doberlug-Kirchhain geborene und in Düsseldorf arbeitende Künstler Juergen Staack in chinesischen Wohnhöfen (Hutongs genannt) fotografiert. Die Fotografien der Serie Wei (deframed), die hier direkt auf die grauen Wände des Kabinetts der Galerie Konrad Fischer geklebt wurden, sehen nun aus wie abstrakte Leerstellen ausgelöschter Kunst. Komplettiert wird das vielseitig ansprechende Angebot auf der ABC u.a. von feministischen schwarz-weißen Fotoarbeiten der dänischen Künstlerin Kirsten Justesen bei der Aviskari Galerie aus Kopenhagen sowie einer Multi-Media-Wand mit einer Auswahl von Fotos und Videos des Videofilmers und Theatermachers Christopher Roth beim Stand der Berliner Galerie Esther Shipper.


Stefan Bock - 21. September 2016
ID 9565
Weitere Infos siehe auch: http://www.artberlincontemporary.com


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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