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nachDRUCK # 4

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Ausstellung

Nach

Bayreuth!



Bewertung:    



Richard Wagner und das deutsche Gefühl ist und bleibt ein leidiges Thema - sowieso: Wer anders sollte sich für den Besuch einer (unter dem gleichlautenden Titel) derart postulierten Ausstellung groß interessieren, geschweige denn begeistern, wenn nicht der von der Musik des Dichterkomponisten prinzipiell Befühlte, sprich: der Wagner-Fan an sich?!

Karfreitagnachmittag begegneten mir jedenfalls im Pei-Bau, falls mich mein Gefühl nicht auf das Unglaublichste täuschte, Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, die dann "irgendwas" mit Wagner anzufangen wussten; in den drei Filmvorführkammern, wo das DHM diverse Ausschnitte aus Bayreuther und andern Wagner-Inszenierungen in Endlosschleife zeigte, konnte ich sie von der Seite her beobachten, ja und nicht wenige von ihnen, insbesondere die etwas älteren Besucherinnen und Besucher, schienen irgendwie dahinzuschmelzen voll rührseligster Ergriffenheit, da sie sich an gelegentliche Live-Erlebnisse vor Ort erinnerten, als sie dann ab den 1980ern so bahnbrechenden Aufführungen wie Patrice Chereaus Jahrhundert-Ring oder dem Fliegenden Holländer von Harry Kupfer oder halt dem legendären Tristan Heiner Müllers auf dem so genannten Grünen Hügel beiwohnten.



Modell des Bayreuther Festspielhauses; Berlin, 2022, Deutsches Historisches Museum
Foto: KE


Apropos Heiner Müller.

Selbiger hatte, als er 1993 Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen inszenierte, ein Gedicht (für Daniel Barenboim, der ihn zu der Regietat überredete) verfasst und es mit Seife in Bayreuth übertitelt:


"Als Kind hörte ich die Erwachsenen sagen:
In den Konzentrationslagern wird aus den Juden
Seife gemacht. Seitdem konnte ich mich mit Seife
Nicht mehr anfreunden und verabscheute Seifengeruch.
Jetzt wohne ich, weil ich den TRISTAN inszeniere
In einer Neubauwohnung in der Stadt Bayreuth.
Die Wohnung ist sauber wie ich noch keine gesehen habe
Alles ist am Platz: Die Messer Die Löffel Die Gabeln
Die Töpfe Die Pfannen Die Teller Die Tassen Das Doppelbett.
Die Dusche, MADE IN GERMANY, kann Tote aufwecken.
An den Wänden Blumen- und Alpenkitsch.
Hier ist Ordnung, auch das Grün hinter dem Haus
In Ordnung, die Straße still, gegenüber die HYPOBANK.
Als ich das Fenster aufmache zum erstenmal: Seifengeruch.
Das Haus der Garten die Stadt Bayreuth riechen nach Seife.
Jetzt weiß ich, sage ich gegen die Stille
Was es heißt in der Hölle zu wohnen und
Nicht tot zu sein oder ein Mörder. Hier
Wurde AUSCHWITZ geboren im Seifengeruch."



Und eigentlich sagt das schon alles über "Richard Wagner und das deutsche Gefühl". In diesen 19 Verszeilen [s.o.] ist genau dann das, was eigentlich so unmöglich zu sagen wäre, auf das Essenziellste zusammengepresst; ja und was sollte und was wollte man da groß noch weiter sagen?

Tristan, die womöglich unverdächtigste der Wagneropern, wenn die Festlegung des nachweislichen Antisemitismus ihres Schöpfers zur Debatte stehen müsste, macht in Wahrheit nur besoffen, lenkt von seiner übersichtlichen und schlichten Handlung, wo es allenthalben lediglich um Liebeslust & Liebesleid und Liebestode als wie Eifersüchte geht, gigantisch ab; seine Musik tut seine Handlung übergießen und ertränkt sie auf das Triumphalste bis zum Schluss, es ist das Beste, was einem Musikdrama passieren kann.

*

Ich will es kurz machen:

Die Macher der von mir besuchten Ausstellung scheiterten an der Größe und v.a. an der allzu großen Unverbindlichkeit ihres am Ende viel zu allgemeinen, um nicht gar zu sagen allgemeinplatzigen Vorhabens. Allein ihr Titel wirkt auf mich nicht mehr als anmaßend und daher über alle Maßen kläglich.

Vier in weißen Leuchtbuchstaben irgendwo dann oberhalb der mitdenkenden Stirn gesetzte Teil-Motti bestimmen meine Gangart in die Richtungen von Wagners "Zugehörigkeit", Wagners "Eros", Wagners "Entfremdung" und Wagners "Ekel" (letzteres vielleicht auch als der Inbgriff seiner in etwa so verstand'nen Judenfeindlichkeit). Die ausgestellten und meist kleinteiligen Objekte werden durch kopierte Originaldokumente und/ oder zeitgenössische Erklärtexte und -tafeln ergänzt. Aber auch Größeres gilt es an ausgewählten Stellen zu besichtigen, darunter einige Gemälde und ein paar Musikinstrumente. Alles aber irgendwie von hässlichen Vorhängen voneinander abgetrennt und/ oder unterschieden - und als optisches Ganzes wahrlich nicht das Gelbe vom Ei.

Zwei Exponate überzeugten mich mehr oder weniger; zum einen das von KOB-Intendant Barrie Kosky konzipierte "Schwarzalbenreich" in einer Dunkelkammer, wo eine fünfminütige Ton-Collage insbesondere mit Mime- und Beckmesser-Zitaten uralter Schellackplattenaufnahmen, kombiniert mit auf Jiddisch gesprochenen Das Judentum in der Musik-Zitaten, auf den derart eingeschloss'nen Hörer wirr und unverständlich einprasselt - zum andern die didaktisch wirklich gut gemachte Medienstation zu Wagners o.g. Hetzschrift; was ich auch vorher nicht wusste, dass er sein Pamphlet zuerst in der von Robert Schumann gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik unter dem Pseudonym "K. Freigedank" veröffentlichte, um es später, auf der Höhe seines Künstlertums, in die Gesamtausgabe seiner (außerkompositorischen) Werke unbedingt und unter Nennung seines vollständigen Namens bewusster denn je noch einmal aufzunehmen. Wagner, der ewige Antisemit.



Eingangstür zum "Schwarzalbenreich",
konzipiert von Barrie Kosky - in der Ausstellung
Richard Wagner und das deutsche Gefühl
im DHM Berlin | Foto: KE


Medienstation zu Richard Wagners Das Judentum in der Musik, konzipiert von Kai Hinrich Müller und Ulrich Wyrwar; Berlin 2022, Deutsches Historisches Museum | Foto: KE


Völlig nichtssagend und daher fast schon überflüssig die in den Filmvorführkammern "ausliegenden" Video-Interviews mit Stefan Herheim sowie Waltraud Meier. Nein, nichts gegen diese zwei in ihrem jeweiligen Fach eine gewisse Autorität oder bekundete Berühmtheit bezeugenden Persönlichkeiten - doch ich hätte mir gewünscht, Fundamentaleres, was meinen Geist und meinen Geistesanspruch hätte beflügeln und bereichern können, angeboten zu bekommen, also von "richtigen" Autoritäten und Berühmtheiten statt einem quirligen Theaterregisseur oder einer einst unvergleichlich gut gesungen habenden Ex-Diva.


Andre Sokolowski - 19. April 2022
ID 13581
Weitere Infos siehe auch: https://www.dhm.de/


https://www.andre-sokolowski.de

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