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LAUSITZ FESTIVAL (1)

Kunst und

Strukturwandel

AUFRUHR.FRAGMENTE im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau


Bewertung:    



Bereits zum zweiten Mal findet vom 25. August bis zum 16. September das LAUSITZ FESTIVAL statt. Wer es nicht weiß, die Lausitz erstreckt sich vom südlichen Brandenburg, der Niederlausitz (mit dem Spreewald als Herzstück) bis ins nördliche Sachsen, der Oberlausitz, entlang der deutsch-polnischen Grenze. Bekannte Städte sind Cottbus, Senftenberg, Bautzen und Görlitz. Alle vier Orte besitzen bis heute subventionierte Theaterhäuser. Ansonsten sieht es mit der Kultur in der Region eher mau aus. Die Lausitz ist das Siedlungsgebiet der westslawischen Sorben, deren Brauchtum besonders im Gebiet des Spreewalds nach wie vor gepflegt wird. Die Lausitz gehörte in DDR-Zeiten aber auch zum sogenannten Energiebezirk Cottbus. Der Braunkohleabbau prägte hier seit den 1920er Jahren Land und Leute. Nicht nur zum Positiven, wenn man auf die Folgen der Zerstörung für die Natur blickt.

Nach der Wende begann im Lausitzer Braunkohlerevier einer der größten Strukturwandel in den neuen fünf Bundesländern. Bedingt durch die Schließung vieler Tagebaue und Kraftwerke kam es zu einer weitgehenden Deindustrialisierung der Region, in deren Folge es zu verstärkter Arbeitslosigkeit und einer enormen Bevölkerungsabwanderung besonders junger Menschen kam. Die Renaturierung alter Tagebaurestlöcher und Wiederaufforstung der Umgebung begann schon in der DDR mit dem Naherholungsgebiert um den neu entstandenen Senftenberger See und fand seine Fortsetzung nach der Wende mit weiteren Seen um Altdöbern, Cottbus, Lübbenau, Hoyerswerda und vielen anderen Orten.

In einigen von ihnen gastiert nun auch das LAUSITZ FESTIVAL mit seinem vielfältigen Kulturprogramm aus Ausstellungen, Gesprächsrunden, Konzerten und Theateraufführungen.



Der Auftakt erfolgte in diesem Jahr im ehemaligen Zentrum der Lausitzer Glasindustrie, der Stadt Weißwasser (sorbisch: Běła Woda). Sportliebhabern wird der Ort sicher auch als ehemalige Eishockey-Hochburg bekannt sein. In der aus zwei Klubs bestehenden Eishockey-Oberliga der DDR spielten die damalige SG Dynamo Weißwasser und der SC Dynamo Berlin (heute Eisbären Berlin) die jährliche Meisterschaft unter sich aus. Heute sind die Lausitzer Füchse allerdings nur noch zweitklassig.

Zweitklassig soll aber auf Dauer zumindest die Kultur in der Lausitz nicht mehr sein. Dafür gibt es jetzt Verstärkung aus der reichen Hansestadt Hamburg in Person des dortigen Symphoniker- und jetzigen LAUSITZ FESTIVAL-Intendanten Daniel Kühnel - auf der Festival-Website liest sich das wie folgt:


„Das von der Bundesregierung finanzierte und vom Freistaat Sachsen und dem Land Brandenburg ausgetragene performative Lausitz Festival will aus der geografischen Mitte Europas heraus einen kulturbasierten Europabegriff etablieren, indem es Strukturwandel durch Kunst als universales Menschheitsthema interpretiert und aufschlüsselt.“


Das mag als schönster Antragssprech zur Akquise von Subventionsgeldern in allen minderbemittelten durch Strukturwandel betroffenen Regionen Europas ganz gut funktionieren. In der Lausitz-Region selbst, um die es hier ja geht, versteht das aber vermutlich kein Mensch. Und nicht etwa weil der Homo Lausensis keinen Sinn für Kunst und Kultur hat, sondern weil ihn nicht erst seit heute ganz andere Sorgen plagen. Aber Kunst hat eine internationale Sprache und überregionale Wirkung, um die es dann vorrangig auch geht. Kunst vermag den Blick auf die Region zu lenken. Und wenn sie dann im besten Sinne auch noch etwas mit der Region zu tun hat, umso besser.

*

Wie das aussehen könnte, zeigt eine Aufruhr.Fragmente genannte Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, direkt an der polnischen Grenze gelegen. Fragment ist hier vor allem das im Inneren noch sanierungsbedürftige Kavalierhaus, Bestandteil der weitläufigen, 1815 bis 1845 vom illustren Fürst Hermann von Pückler-Muskau errichteten Schlossanlage. Die achtzehn Positionen der breiten Kooperation mit der Schenkung Sammlung Hoffmann, den Kunstsammlungen Dresden, dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst und der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau führen hier einen Dialog mit der auf Veränderung wartenden Bausubstanz.

Die Kunstwerke beschäftigen sich vorwiegend mit gesellschaftlichen Umbrüchen und dem Aufbegehren gegen Ursachen und Folgen. Das ist nicht immer schlüssig, kann aber - auf die geschichtliche Entwicklung der Lausitz übertragbar - zum Verständnis der eigenen Geschichte beitragen.

Beispielhaft dafür ist die Fotoinstallation von Braco Dimitrijević. This Could be a Place of Historical Interest zeigt Fotos zufällig ausgewählter Orte, denen der bosnische Künstler willkürlich eine historische Bedeutung zuschreibt. Was historisch wichtig oder interessant ist, bestimmen hier nicht Institutionen, Regierungen oder Geschichtsschreiber. Damit demokratisiert Dimitrijević die Wahrnehmung auf bedeutsame Orte der Geschichte, die für jeden ganz subjektiv anders sein kann.

Silvia Kolbowski lässt in ihren Videoprojektionen historische Frauen wie die Kommunistin Rosa Luxemburg oder die RAF-Terroristin Ulrike Meinhoff wieder auferstehen. Eingeblendete Texte sind ein Mischung aus Zitaten und eigenen Worten der in Argentinien geborenen US-amerikanischen Künstlerin. So erscheint es, als würden sich die beiden Ikonen des revolutionären Widerstands zu heutigen politischen Themen äußern. Geschichtliche Dokumente können unzureichend und trügerisch sein. Darauf mit den Mitteln der Kunst hinzuweisen, kann zum Akt der Selbstermächtigung werden.

Mit den Themen Selbstfragmentierung und Selbstermächtigung beschäftigen sich auch die verstörenden Fotoarbeiten des in Zwickau geborenen Fotografs Thomas Florschuetz und das Video Hausfrau Swinging der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini, in dem eine nackte Frau ein über ihren Kopf gestülptes Haus loswerden will. Der Ort der Zuflucht wird für sie zum Gefängnis. Marcel Noacks fotografische Archivarbeit Struga. na wšón gwałt dokumentiert die Transformation der Lausitzer Landschaft und das Verschwinden sorbischer Orte durch den Braunkohletagebau.

Den Begriff Heimat dekonstruiert der Dresdner Künstler Bruno Raetsch in seiner Werkgruppe mit der Kettensäge bearbeiteter Holzskulpturen, die Archetypen von Land und Leuten darstellen sollen. In der hier ausgestellten Skulptur Heimat 11 wird ein oberflächlich als Wanderer zu erkennender Mann mit Hund bei näherer Betrachtung zu einem gefährlichen Typen mit Keule auf dem Rücken und zähnefletschender Bulldogge. Das Kennenlernen von Land und Leuten kann natürlich auch den umgekehrten Effekt haben und dem Entstehen von Klischees und Vorurteilen vorbeugen.



Aufruhr.Fragmente im Kavallierhaus im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau - Ausstellungsansicht mit Bruno Raetsch, Heimat 11 | Foto: Stefan Bock

Stefan Bock - 28. August 2022
ID 13771
Weitere Infos siehe auch: https://www.lausitz-festival.eu/


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