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Ausstellung

Die Milch

der frommen

Denkungsart

BIENNALE ARTE 2022



Immer wenn die Biennale in Venedig, die documenta in Kassel oder ein ähnlich renommiertes Großunternehmen eine neue Leitung erhält, jubeln die Journalisten nach, was ihnen die Presseabteilungen und Wikipedia vorjubeln. Wenn sie schon mit zuverlässiger Regelmäßigkeit das Gerücht verbreiten, die aktuelle Funktionsträgerin oder der aktuelle Funktionsträger übertreffe ihre oder seine Vorgänger um Längen, sollten sie wenigstens den Anstand haben, zuzugeben, dass sie bei ihren vorausgegangenen Hymnen geirrt haben und sich aus Opportunismus oder Uninformiertheit zu Erfüllungsgehilfen von Personalrochaden haben machen lassen, deren Profiteure, jedenfalls gemessen an den Helden des Tages, eher dürftige Flaschen waren.

Die neue Kaiserin von Venedig also heißt Cecilia Alemani, und die wegen Corona um ein Jahr verschobene Kunstbiennale trägt den einem Kinderlied entnommenen ebenso poetischen wie rätselhaften Titel DIE MILCH DER TRÄUME. Dieses Motto freilich kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die 59. Biennale von den Biennalen der Vorjahre weniger unterscheidet als der heurige Schnee vom Schnee des vergangenen Jahrs. Mit ihnen teilt sie eine weitreichende Beliebigkeit und die Botschaft, dass die Postmoderne, was immer man unter ihr verstehen mag, kein Ende findet. Zahllos sind die Referenzen auf die klassische Moderne und auf die künstlerische Prominenz der Entwicklungsländer: Internationalismus als Wiedergutmachung für die allmählich ins Bewusstsein gelangten Hegemonien des Kolonialismus.



Bildquelle: labiennale.org


*

Für die meisten Pavillons tragen die beschickenden Länder bzw. deren jeweilige Kuratoren wie stets die Verantwortung. Cecilia Alemani präsentiert ihre Visitenkarte in den ersten Räumen, der „Corderie“ des Arsenals und im größten, dem „zentralen“ Pavillon der Giardini. Und dazu kann man nur feststellen, dass die Schau weit hinter dem gegenwärtigen Standard zurückbleibt. Ausstellungsdidaktisch ist sie eine Katastrophe. Häufig werden Erklärungen und Belehrungen übertrieben. Hier aber fehlen wünschenswerte Informationen zu den Künstlern, ihrem Umfeld und ihrem Stellenwert auf der Biennale ganz oder sie werden nach unergründlichen Kriterien an die Wand gehängt, gerne in eine dunkle Ecke, wo man sie kaum findet und jedenfalls nicht lesen kann. Wenn Cecilia Alemani verkündet hätte, sie folge dem Prinzip „Wie es mir gefällt“, hätte diese Auswahl ebenso getaugt.

Wieder wird die großzügige Ausstellungsfläche für surreale und realistische Räume genützt, so im französischen Pavillon in den Giardini oder im italienischen Pavillon im Arsenale. Freie Theatergruppen sind dazu übergegangen, die Theaterhäuser zu verlassen und ihr Publikum für ihre Performances in Privatwohnungen einzuladen, zu Lasten der überflüssig gewordenen Bühnenbildner. Zugleich bauen bildende Künstler Räume im Maßstab eins zu eins nach. Gegenläufige Bewegungen, aber keine Entdeckung.

Dann erreicht man einen Saal, in dem die Rumänin Alexandra Pirici zu „public actions“ aufruft mit deprimierend läppischen Choreographien. Vor dieser Zumutung bleibt nur die Flucht zu den anachronistischen Puppen und Bildern der Portugiesin Paula Rego.

Zu den wenigen „roten Fäden“ gehören verstümmelte, geschundene Menschen, aber auch Gegenstände, denen man nur mit Mühe eine sinnfällige symbolische Bedeutung attestieren kann. Man könnte geneigt sein, die Häufung von verunstalteten Figuren mit dem Krieg gegen die Ukraine in Verbindung zu bringen. Das hieße aber vergessen, dass die Planungen längst vor dem 24. Februar abgeschlossen waren. Was also eine Reaktion auf die spezifische gegenwärtige Situation scheinen mag, zielt in Wahrheit auf eine allgemeine Befindlichkeit. Krieg ist hier kein Bestandteil der Wirklichkeit, sondern eine Metapher. Schwarze Milch der Frühe... We are such stuff as the milk of dreams is made on…

* *

Bleiben einzelne Exponate, die jenseits der Gesamtkonzeption, wenn es denn eine ist, Aufmerksamkeit verdienen.

Skuja Braden ist der gemeinsame Künstlername der Lettin Ingūna Skuja und der Amerikanerin Melissa D. Braden. Ihr Material ist Porzellan. Was in ihrer Installation Selling Water by the River auf den ersten Blick aussieht wie ein ausgedehnter chinesischer Flohmarkt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Sammelsurium von unappetitlichen Obszönitäten.

Verweisen Skuja und Braden auf eine geographisch entfernte Kultur, so beziehen sich der Italiener Arcangelo Sassolino und die Malteser Giuseppe Schembri Bonaci und Brian Schembri auf ein zeitlich entferntes Werk, Die Enthauptung Johannes des Täufers von Caravaggio. Dieser Zusammenhang lässt sich allerdings nur einem ausliegenden Prospekt entnehmen. Das Exponat Durchtriebene Diplomatie, dessen Geheimnis sich wohl auch dem fundiertesten Caravaggio-Kenner nicht von selbst erschließt, erweist sich, unabhängig davon, als einer der faszinierendsten Räume der Biennale. Aus dem Plafond tröpfeln kleine Flammen in Wasserbecken, in denen sie, von Brian Schembris Geräuschmusik begleitet, erlöschen.

Eine der zahlreichen Kollektivkreationen mit phantasievollen Titeln ist Hasta que los cantos broten (Until the Songs Spring) der Mexikaner Mariana Castillo Deball, Naomi Rincón Gallardo, Santiago Borja und Fernando Palma Rodriguez. Die automatisch bewegten und choreographierten Bestandteile, ohne die die Kunst im Zeitalter des Postkinos und des Postmobiles nicht auszukommen scheint, treten hier in Gestalt von hoch- und herabgezogenen Kleidern mit heiligenscheinähnlichen Deckeln auf.



Maria Eichhorn, Relocating a Structure. Deutscher Pavillon 2022, 59. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2022, Detail: Wandbeschriftungen; Durchgang von 1909 zum Hauptraum, 1912 zugemauert, 1928 geöffnet, 1938 zugemauert; Ausstellungsansicht © Maria Eichhorn / VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Jens Ziehe


Im deutschen Pavillon [s. Bild oben] begibt sich Maria Eichhorn auf die Suche nach der Vergangenheit, nur um zu entdecken, dass es nichts zu entdecken gibt. Dass der Pavillon in seiner heutigen Gestalt ein Erbstück des Nationalsozialismus ist, weiß jeder, der nur ein, zwei Artikel über die Biennale gelesen hat. Eichhorn kratzt am Putz und stößt auf Ziegel. Kunst als Bestätigung, ohne ästhetischen oder aufklärerischen Mehrwert. Und wo, meine Damen und Herren Kuratoren, bleibt die Provokation? Die angeblich ein Wesensmerkmal der Kunst ist. Was im deutschen Pavillon zum Vorschein kommt, ist so provokant wie das Forum Romanum. Mag ja interessant sein, aber die Socken zieht es einem nicht aus.

Thomas Rothschild – 24. April 2022
ID 13590
Weitere Infos siehe auch: https://www.labiennale.org


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