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Museum im Check

Die neue

Dauerausstellung

im Jüdischen

Museum

Berlin



Die Titanzink-Fassade des Libeskind-Baus lässt von außen keine Geschossgliederung erkennen | (C) Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe



Vor drei Jahren war ich anlässlich der Ausstellung Welcome to Jerusalem! das letzte Mal im JÜDISCHEN MUSEUM BERLIN; ich schwelgte in Erinnerungen an die erste Israel-Reise, mein jüdischer Freund und ich besuchten seinerzeit natürlich auch die Heilige Stadt, an deren Laute und Geräusche, die der Eingangsraum zu der besagten Ausstellung so wundervoll vermitteln konnte, ich mich schlagartig zurück besann und Gänsehaut bekam...


"Ein Nichtjude kam zu Schammai und sagte: Ich möchte Jude werden - unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Bein stehe. Schammai stieß ihn mit dem Stock weg, den er in der Hand hielt. Da ging der Nichtjude zu Hillel. Hillel konvertierte ihn und sagte zu ihm: Was dir verhasst ist, das tu auch deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Tora, der Rest ist Auslegung. Nun geh' und lerne!" (aus dem Babylonischen Talmud)


Das [s.o.] lesen die Besucher an der Wand, nachdem sie Daniel Libeskinds spektakulären Zickzack-Bau aus Titanzink zunächst hinab und dann wieder hinauf gestiegen sind; es soll vielleicht auch darauf hin verweisen, dass es nicht die schlechteste Idee sein könnte, wenn die Zahl der nichtjüdischen Gäste die der jüdischen weit überträfe... Seit August ist nun die neue Dauerausstellung - nachdem das JMB zwei Jahre lang geschlossen hatte - zu besichtigen. Derzeit kann das wegen der anhaltenden Pandemie zwar nur durch Online-Buchung eines Zeitfensters erfolgen, was dann wiederum den Vorteil hat, genügend Platz für eigene Erkundungen zu haben und sodurch natürlich nicht von übermäßig vielen Mitmenschen beim ruhigen Setzenlassen all der Eindrücke "belästigt" zu sein.



Blick auf den Willkommenspunkt und den Themenraum "Tora" | (C) Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März


Jüdische Geschichte und Gegenwart ist das Thema dieser Schau, welche die Kuratorin Cilly Kugelmann im Team mit 19 weiteren Kollegen konzipierte. Es gibt an die tausend Objekte, die auf 3.500 Quadratmeter verteilt sind. Fünf Epochen (vom Mittelalter über die frühe Neuzeit, die Weimarer Republik und die "Katastrophe" bis "Nach 1945") sind durchgehbar, mit acht sog. thematischen Inseln passiert man autovisuelle Apparaturen, die man nach Belieben antippen kann, per Film und Bild sowie gesprochenem und nachlesbarem Wort lassen sich derart die geschichtlichen Zusammenhänge so erfassen, wie man sie womöglich vorher nie erfuhr. Gelegentlich ist man sogar versucht, dieses Moderngefälligmachende als allzu leicht oder gar unangemessen (Holocaust-Thematik) zu empfinden; Kuratorin Kugelmann meinte hinsichtlich dieses spielerischen Umgangs, dass halt den Besuchern nicht ein "einziges, vermeintlich maßgebliches Narrativ" vorgesetzt werden sollte, sondern eine Vielfalt der Stimmen und Meinungen, die dem Publikum vermittelten, was für ein "schweres Thema" Antijudaismus wäre: "Mit billigen Urteilen sollte man sich nicht begnügen."

Gezeigt werden auch 12 zeitgenössische Kunstwerke - eines der spektakulärsten von ihnen ist die Installation Schewirat ha-Kelim (dt.: Bruch der Gefäße) von Anselm Kiefer; er veranschaulicht mit ihr die Erschaffung der Welt, nach den Vorstellungen der Kabbala, als Zerstörung kosmischer Sphären durch übermäßiges Licht...




Anselm Kiefers Kunstwerk Schewirat ha-Kelim
(Bruch der Gefäße) in der neuen Dauerausstellung
des Jüdischen Museums Berlin
Foto: Andre Sokolowski


Bis zur vorübergehenden Schließung des Museums in 2017 verzeichnete die alte Dauerausstellung über 11 Millionen Besucher.


"Das Jüdische Museum Berlin öffnete im Jahr 2001. Noch in der Zeit vor dem Mauerfall 1989 kamen im Westteil Berlins Überlegungen auf, ein Jüdisches Museum zu gründen. Der Weg von dieser Idee bis zur Konzeption seiner Dauerausstellung war lang und von Kontroversen geprägt.

[...]

Im September 2014 gab Direktor W. Michael Blumenthal, der die Entstehung und Weiter­entwicklung unseres Museums seit 1997 maßgeblich geprägt hatte, sein Amt auf. 2015 verlieh das Museum seinem Gründungs­direktor den Preis für Verständigung und Toleranz und benannte im Januar 2016 die Akademie zu seinen Ehren in W. Michael Blumenthal Akademie um.

Von 2014 bis 2019 war der international angesehene Judaist Peter Schäfer Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Die langjährige Programm­direktorin und Stell­vertreterin des Direktors, Cilly Kugelmann, wurde 2017 von Léontine Meijer-van Mensch abgelöst, die diese Funktion bis 2019 bekleidete.

Seit 1. April 2020 leitet die Kuratorin und Museums-Managerin Hetty Berg das Museum."


(Quelle: jmberlin.de)


Aschkenas, erfahren wir, ist das "Gebiet" nördlich der Alpen, und die mittel-, nord- und osteuropäischen Juden, die Aschkenasim, machten 1939 noch 94 Prozent aller Juden aus. "In Deutschland leben [gegenwärtig] etwa 200.000 aschkenasische Juden. Das heutige Judentum besteht (lt. Wikipedia) zu etwa 80 Prozent und entsprechend 10 Millionen Menschen aus Aschkenasim."

Andree Volkmann hat in seiner Installation Hall of Fame gewiss nur einen kleinen Teil ihrer bekanntesten oder berühmtesten Vertreter - von Sigmund Freud über Karl Marx bis Amy Winehouse - grafisch vorgeführt.

In der Weimarer Republik blühte und gedeihte das geistige, das künstlerische, das jüdische Leben an sich wie in keiner Zeitepoche je zuvor - ein räumlich inszenierter neusachlicher Kino-Raum lädt die Besucher ein, das Leichte, Ausgelassene und Freie dieser unglaublichen Ära in einem etwa 20minütigen Film auf sich wirken zu lassen; es war auch (so leicht, ausgelassen und frei diese Bilder ausstrahlen mögen) die Zeit des aufkommenden Faschismus mit seinem programmatischen Judenhass...

*

Die Wagner-Ecke [s. Richard Wagners Pamphlet Das Judentum in der Musik] weist auf vier Kurzportäts berühmter jüdischer Zeitgenossen des Komponisten, darunter Theodor Herzl - auf der Tafel ist zu lesen: "Der Antisemitismus veranlasste Herzl zu seiner Schrift Der Judenstaat. Während er daran schrieb, hörte er abends Wagners Opern. Sie beflügelten ihn bei der Formulierung seiner Ideen zur Schaffung eines jüdischen Nationalstaats."

Absurd und wahr zugleich.




Blick in den Epochenraum "Aschkenas" | (C) Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März



Die Architekten um Detlef Weitz und Hella Rolfes bemühten sich den als Kunstwerk für sich stehenden Libeskindbau mit ihren innenarchitektonischen "Ergänzungen" und "Kommentaren" keineswegs infrage zu stellen.


Andre Sokolowski - 11. September 2020
ID 12455
Jüdisches Museum Berlin (Libeskind-Bau)
Lindenstr. 9–14
10969 Berlin


Öffnungszeiten:
tägl. 10 - 19 h
Schließtage: 19., 20., 28.09. / 24.12.

Eintrittspreise:
8 EUR (erm. 3 EUR)


Weitere Infos siehe auch: https://www.jmberlin.de/


http://www.andre-sokolowski.de

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