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Werkbetrachtung

Wer profitiert vom Tod?

DIE GEISSELUNG von Piero della Francesca



Dieses Bild will sein Geheimnis einfach nicht preisgeben! Die Geißelung ist eines der bekanntesten Frührenaissance-Gemälde und hängt heute im italienischen Urbino im Palazzo Ducale. Piero della Francesca hat die Flagellazione um 1470 gemalt. Das genaue Datum kennen wir nicht. Unbekannt ist auch der Name des Auftragsgebers, und deshalb gibt es nur Vermutungen, wer die Protagonisten auf dem Bild sind oder wie die unterschiedlichen Szenen miteinander in Verbindung stehen. Genauso wenig kennt man weder Geburtstag noch Sterbetag des Künstlers. Begraben wurde Piero della Francesca angeblich am Tag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, am 12. Oktober 1492.

Die Legenda aurea aus dem Jahre 1270 war im 15. Jahrhundert so etwas wie ein Bestseller und scheint eine der Inspirationsquellen für die Ikonographie des Bildes gewesen zu sein. So viele Geheimnisse rufen unweigerlich abweichende und sich widersprechende Theorien hervor. Über diese knapp 60 x 80 cm große Tafel gibt es ungefähr 45. Kunsthistoriker, Schriftsteller, Historiker und sogar Polizisten haben lange Zeit an einer Aufklärung gearbeitet. Aber: der Mord, wenn es denn einen gab, ist immer noch ein offener Fall.

Das Bild besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen.

Der feine Zwirn, in den die drei Männer rechts im Vordergrund gehüllt sind, zeugt von einer höheren Geburt. Der blonde Jüngling mit der roten Tunika in der Mitte blickt durch uns hindurch und in die Ferne. Warum ist er barfüßig? Will der Maler uns damit sagen, dass es sich um einen Toten handelt? Oder ist er gar ein Engel? Links von ihm steht ein Mann, dessen Bart und Hut byzantinisch aussehen. Ein Magier, ein Prophet oder ein Abgeordneter aus dem Osten? Rechts vom Jüngling ein älterer Mann im blau-goldenen Brokatmantel, der um seinen Hals einen sehr langen roten Schal trägt und - wie der Jüngling - keine Kopfbedeckung hat. Die Sonne steht hoch. Hinter ihnen bekommt man einen Blick auf elegante Renaissance-Gebäude und einen Garten unter blauem Sommerhimmel. Die Männer blicken ernst, ja besorgt. Der Mann mit Hut erhebt im Gespräch seine Hände. Besprechen die Drei etwas oder posieren sie einfach nur für dieses Renaissance-„Foto“? Man weiß, dass Oddantonio da Montefeltro, der Herzog von Urbino, durch eine Verschwörung 1444 ums Leben kam. Hatte der Maler Geheimwissen und erzählt hier die Planung eines Mordes durch Oddantonios Halbbruder und Nachfolger Federico? Dann wäre der Jüngere sein Sohn Guidobaldo. Oder sehen wir ein Treffen von Wissenschaftlern? Piero della Francesca war ein ebenso bekannter Mathematiker. Für den Kunsthistoriker Gombrich handelt es sich bei dem Bärtigen um Judas, der gerade seine 30 Silberlinge kassiert hat; zu sehen sind diese im Bild allerdings nicht (mehr). Es könnte aber auch sein, dass der Künstler einfach nur eine perfekte Zentralperspektive malen wollte. Sie ist ihm übrigens auf das Vortrefflichste gelungen. Wieder eine andere Theorie geht von einer Art Initiationsritus für einen neuplatonischen Geheimbund aus. Die Polizei von Ancona hat sogar drei Jahre in diese Richtung ermittelt und den blonden Jüngling altern lassen. Er soll angeblich in späteren Jahren dem Neuplatoniker Marcilio Ficino ähnlich gesehen haben. Aber auch diese Theorie steht auf schwachen Beinen.

Vielleicht kommentieren die Männer aber auch die Geißelung, die zeitgleich im anderen Teil des Bildes links zurückgesetzt und im Innenbereich vor den Augen des römischen Statthalters Pontius Pilatus stattfindet. Dieser sitzt neben einer Treppe auf einem Klappstuhl, wie man ihn in der Antike bei Gerichtsverhandlungen einsetzte. Seine Amtstracht ist blau-rot und ein Skiadion, eine Art Schildkappe, schützt ihn vor der Mittagssonne. Schwierig einzuordnendes grelles Licht fällt über einen Schacht von oben genau auf das Gesicht Christi, und dieser müsste eigentlich blinzeln. Er ist in dieser Szene der einzige, der direkt zum Betrachter blickt, alle anderen sind im Profil oder von hinten zu sehen, wie der Scherge im grünen kurzen Umhang mit der Peitsche. Der zweite Folterknecht steht neben dem Gefangenen und hält wohl seine Hand fest. Die Geißelung hat noch nicht stattgefunden, denn der an eine Säule gefesselte Körper ist unversehrt. Auf der Säule befindet sich eine goldene Skulptur, vielleicht ist es Paris, der einen goldenen Apfel oder eine Kugel ins Licht hält. Mit dem Rücken zu uns ein Mann mit Turban. Ist es Herodes? Sein Kleid hat fast dieselbe grauweiße Farbe wie die Säulenhalle, der Körper Christus und die Arme der Schergen. Pierro della Francesca lässt das Licht arbeiten.



Die Geißelung von Piero della Francesca | Bildquelle: Wikipedia

Christa Blenk - 11. April 2020
ID 00000012157
Wer nun mit der Mord-Theorie weiterspekulieren möchte, könnte Bernd Roecks Buch Mörder, Maler und Mäzene lesen. Der Kunsthistoriker konstruiert darin eine Verschwörungstheorie in einem Renaissance-Tatort vor dem Hintergrund der Ermordung des Herzogs von Urbino. Sehr gut dokumentiert, spannend, geschichtsträchtig und kurzweilig.

„Se non è vero è ben trovato“ (wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden).


Weitere Infos zum Bild Die Geißelung


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