
Ewig lebt die Königin
Der Mythos der Preußenkönigin
Luise im Wandel der Zeit
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Die Berliner legen noch heute Blumen am Mausoleum für Königin Luise von
Preußen im Charlottenburger Schlosspark ab. Wie keine andere Königin
wurde sie nach ihrem frühen Tode im Jahr 1810 zum Mythos und zur
Nationalheiligen erhoben. Ihr Mann, Friedrich Wilhelm, stiftete ihr zu
Ehren das Eiserne Kreuz. Der Dichter Heinrich von Kleist schrieb: „Dein
Haupt scheint mir wie von Strahlen umschimmert.“ Der Bildhauer Fritz
Schaper verewigte und idealisierte sie mit ihrem Sohn Wilhelm im Arm
als „preußische Madonna“. Warum wurde diese Frau, die nach zehn
Geburten mit 34 Jahren starb, Grundlage für einen Kult, der sich über
hundert Jahre hielt und Dichter, Künstler und Filmemacher inspirierte?
Dieser Frage geht Dr. Philipp Demandt in seiner Dissertation an der
Freien Universität Berlin nach. Der Kunsthistoriker untersucht den
Wandel des Luisenkults im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts und wie
sich in seiner Kunst und Literatur die Epochen von der Kaiserzeit bis
zur heutigen Zeit widerspiegeln.
Mit einundzwanzig Jahren war Luise 1797 an der Seite von Friedrich
Wilhelm III., den sie mit siebzehn geheiratet hatte, Königin von
Preußen geworden. Mit dem Ehepaar endete die Zeit der
Verschwendungssucht am Königshof, stattdessen zogen Sitte und
Bescheidenheit ein, was beide bei der Bevölkerung natürlich populär
machte. Die Königin schenkte binnen anderthalb Jahrzehnten zehn Kindern
das Leben. Sie traf ihren Todfeind Napoleon 1806 in Tilsit, nachdem
Preußen Frankreich in der Schlacht unterlegen war und flehte ihn um
Erbarmen mit dem Staat Preußen an. Zwar war dieses Bemühen vergeblich,
fortan galt sie jedoch als Symbolfigur des nationalen Widerstandes, des
Mutes und der Vaterlandsliebe.
Doch der Kult um Luise konnte erst nach ihrem Tode aufblühen, denn das
„gebrochene Mutterherz“ an dem sie gestorben sein soll, erweckte
Mitleid und rückte ihr Leben in ein milderes Licht. Die Diskrepanz
zwischen Mythos und Wirklichkeit zeigt sich zum Beispiel an einer
Episode im Jahr 1803: Einige Stunden früher als gewöhnlich
verabschiedete sich Luise von einem Hofball – zwei Stunden später gab
man die Geburt einer gesunden Tochter bekannt. Ereignisse wie diese
verschweigen viele Biographen, denn eine Mutter, die noch im neunten
Monat tanzen ging, passte schlecht ins Bild der stillen, häuslichen
Luise. Feldherr August Gneisenau kritisierte „Sie war zu sehr Frau, zu
wenig Königin (...) Selbst ihr Herz war ihrem Gemahl nicht immer
zugewandt, viel mehr einem andern, was sie auch nicht verhehlte.“ Damit
spielt er auf die schwärmerische Liebe der Königin zu Zar Alexander I.
von Russland an. Auch ihre mütterlichen Qualitäten stellt er in Frage:
„Als Mutter war sie nicht achtungswürdig, da sie sich um die Erziehung
ihrer Kinder nicht ernstlich bemühte.“ Er konnte aber nicht verhehlen,
„dass ich nach dem Tode dieser Fürstin mehr für sie fühle, als es oft
bei ihrem Leben nicht der Fall war.“ Hier ist der Schlüssel zum
verklärenden Mythos um eine früh verstorbene Ikone zu finden, wie er
sich bei Grace Kelly oder Lady Diana später wiederholen sollte.
Wegen ihres lieblichen Aussehens und wegen der perfekten
Rollenerfüllung als liebevolle und aufopfernde Gattin und Mutter wurde
sie zur Muse für die prominentesten zeitgenössischen Künstler.
Wichtigstes Werk ist Christian Daniel Rauchs Sarkophagskulptur im
Charlottenburger Mausoleum, das im Auftrag ihres Gatten entstand. Es
war jahrzehntelang das einzige vollplastische Bild der Königin, zu dem
die Bürger Zugang hatten. Rauch stellt die Königin als Schlafende dar:
Das Haupt ist zur Seit geneigt, die Arme, nur bis zu den Ellenbogen
bedeckt, sind locker unterhalb des Busens verschränkt, die rechte Hand
ruht auf der linken Brust. Die Konturen des Körpers zeichnen sich
deutlich unter dem Laken ab. Die Skulptur versinnbildlicht und verklärt
Luise zugleich. Ihre Weiblichkeit und Schönheit wird hervorgehoben, ein
Kranz aus Sternen um das ruhende Haupt entrückt sie zugleich ins
Himmlische.
Der Einfluss des Luisenkultes schlug sich in vielen Lebensbereichen
nieder: Luises Tugenden prägten die Kindererziehung und das deutsche
Frauenbild bis in die Nachkriegszeit. In kaum einem bürgerlichen
Kinderzimmer fehlte das 1896 veröffentlichte Kinderbuch Königin Luise
in fünfzig Bildern für Jung und Alt, das oft über Generationen
weitergereicht wurde. Bilder wie Als Mutter an der Wiege oder Die
Königin in ihrem Heim stärkten den Mythos des „Engels aus dem
Hohenzollernhaus“ und machen deutlich, welches Rollenklischee an die
Kleinsten weitergegeben wurde. Lange galt ihr Vorbild auch als
Inbegriff des staatsbürgerlichen Verhaltens. Die märchenhafte Schönheit
der Preußenkönigin sowie ihr sagenhafter Mut und ihre Tugend ließen
sich gut für die vaterländische Erziehungskultur implementieren.
Soldaten des Dritten Reiches konnten sie in Kolberg, dem letzten Film
der Nazizeit aus dem Jahr 1945, als leuchtendes Beispiel für
Durchhaltewillen und Opfergeist bewundern.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs markierte eine Zäsur in der
Luisenverehrung. Man verzichtete bis in die achtziger Jahre des 20.
Jahrhunderts im Wissen um die einstigen Auswüchse des Luisenkultes auf
jede besondere Würdigung der historischen Gestalt der Luise. Mit der
Wiedervereinigung Deutschlands jedoch kam die Suche nach einer neuen
Identität auf. Bei der Entdeckung der deutschen Geschichte, die lange
Zeit von der Nazizeit überschattet war, erlebte die Figur Luise eine
Renaissance. So restaurierte man das Schloss zu Paretz, wo sie wohnte,
und zu Hohenzieritz, wo sie starb. Zehntausende besuchen jährlich diese
Orte. Im Preußenjahr 2001 hatten Reisen, Musicals, Wochenendausflüge
rund um das Thema Luise Hochkonjunktur. Und so hat sich Luises Kult
wieder mit dem Zeitgeist erneuert: Ewig lebt die Königin.
Gesche Westphal
Freie Universität Berlin
Kommunikations- und Informationsstelle
Das Buch „Luisenkult“ ist im Böhlau Verlag
erschienen und kostet 36,90 Euro.
Nähere Informationen erteilt Ihnen gerne:
Dr. Philipp Demandt, Tel.: 030 / 44 34 02 71, E-Mail: philippde@gmx.de
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