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Griechenland schwappte nach Kroatien
Pressedienst Wissenschaft der Freien Universitaet Berlin
PDW 23/2003 vom 13. Juni 2003
Griechenland schwappte nach Kroatien
Archaeologen erhielten Preis der EU fuer internationales Ausgrabungsprojekt
2000 vor Christus veraenderte sich der europaeische Kontinent
dramatisch. Landschaftsraeume verschmolzen. Aus abgeschiedenen
Kulturen entwickelte sich ein Geflecht kultureller, politischer und
wirtschaftlicher Kontakte ueber Tausende von Kilometern. Das lag an
den neu gebauten Verkehrswegen sowie an der Einfuehrung der Schrift
in Europa im 15. Jahrhundert vor Christus. Im Brennpunkt der
kulturellen Bluete stand Griechenland, dessen Einfluss ueber den
Seeweg bis ins kroatische Istrien reichte. Dort fuehren seit 1997
Archaeologen der Freien Universitaet Berlin gemeinsam mit Kollegen
des Archaeologischen Museums Istrien in Pula/Kroatien Ausgrabungen in
der bronzezeitlichen Siedlung Monkodonja durch. Das Team besteht aus
Archaeozoologen, Geophysikern, Architekten, Botanikern und
internationalen Studierenden aus Kroatien, Slowenien, Estland,
Grossbritannien, Polen und Deutschland. Ziel ist es, die alten
Stadtmauern mit Toren freizulegen und Bauten zu rekonstruieren. Fuer
dieses internationale Projekt wurde den Wissenschaftlern jetzt von
der Organisation "Europa nostra" der Europaeischen Union die
Auszeichnung "European Cultural Heritage" verliehen. Von 300
Vorschlaegen wurden drei Projekte durch die Kommissarin fuer
Erziehung und Kultur, Viviane Reding, gewuerdigt.
"Istrien ist in der Forschung stets stiefmuetterlich behandelt
worden", erzaehlt Bernhard Haensel, FU-Professor fuer praehistorische
Archaeologie, der das mit Mitteln der Deutschen
Forschungsgemeinschaft finanzierte Ausgrabungsprojekt zusammen mit
Professor Biba Terzan leitet. "Uns interessieren insbesondere die
Kulturkontakte. Wie wirkte in der Bronzezeit, also zwischen 1800 und
1200 vor Christus, der Sueden mit seinen Hochkulturen auf den
Norden?" Monkodonja in Istrien ist eine der aeltesten stadtartigen
Anlagen, deren Architektur von Griechenland beeinflusst wurde.

Schon nach den ersten Grabungen zeigt sich, dass Arbeiter die
Huegelkuppe zu einem Plateau planierten und die Steine als
Baumaterialien fuer die Stadtmauern und -tore sowie fuer Wohnhaeuser
verwendeten. Die Haeuser standen dicht an dicht und gewaehrten bis zu
tausend Personen Schutz, die einer sozial gestaffelten Gesellschaft
angehoerten. Grosse Stein- und Holzbauten bedecken die fast
quadratische Akropolisflaeche. Hier residierte die Oberschicht in
komplex gegliederten Gebaeuden, die aus weiten Raeumen, schmalen
Korridoren und offenen, eingefriedeten Hofflaechen bestanden. "Bei
den Ausgrabungen zeigte sich, dass in der rund 500-jaehrigen
Lebenszeit der Siedlung groessere Veraenderungen vorgenommen worden
sind", so der Archaeologe. Einfacher als in der Akropolis waren die
Gebaeude auf den Terrassen der Unterstadt. Von der tief liegenden
Herdplatte aus konnte das ganze Haus erwaermt werden. Eine gewaltige
Ingenieursleistung stellt die Errichtung einer fast ein Kilometer
langen, etwa drei Meter breiten und mindestens drei Meter hohen
Stadtmauer dar. Arbeiter errichteten sie ohne Moertel- oder
Klammerverbindung aus am Ort selbst gebrochenen, tonnenschweren
Steinbloecken.
Parallel zu den Ausgrabungen wird die alte Siedlung wieder aufgebaut.
"Wir haben eine lokale Baufirma engagiert, die die alten Mauern
rekonstruiert - und zwar die der Stadtmauer, der Tore aber auch der
Gebaeude", erzaehlt Biba Terzan. "Sie wenden dafuer die gleichen
Techniken an wie in der damaligen Zeit."
Wichtige Besucher kamen durch das Richtung Adria gelegene Westtor,
das im Laufe der Zeit repraesentativer und verteidigungswirksamer
ausgebaut wurde. Ein enges Tor im Norden fuehrt in einem Zickzackgang
aus der befestigten Stadt in eine Vorstadt. Dort befindet sich ein
geheimnisvoller Schacht, der fuenfzig Meter in die Tiefe fuehrt.
"Ohne moderne Kletterausruestung ist dieser Schacht gar nicht zu
betreten", sagt Haensel. Das Gelaende sei in der Bronzezeit planiert
worden. "Vielleicht war es ein Opferschacht fuer die Goetter der
Unterwelt", spekuliert der Forscher. Dafuer spraechen die grosse
Menge gefundener Scherben von Gebrauchsgeschirr.
Erstmalig in Istrien haben Archaeologen griechische Gefaessfragmente
mykenisch-bronzezeitlichen Alters am Fuss der aeltesten
Akropolismauer entdeckt. Die Scherben belegen, dass Monkodonja enge
Kontakte zu den seefahrenden Mykenern hatte. Das Servieren von
Mahlzeiten auf grossen Fusstellern uebernahmen die Bewohner
Monkodonjas aus Zypern, Kreta oder von anderen Mittelmeerinseln.
Tonscherben zeigen, dass Monkodonja in den kontinentalen Tausch- und
Wirtschaftsverkehr mit Oberitalien, der Slowakei bis an die untere
Donau eingebunden war.
Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:
Prof. Dr. Biba Terzan, Institut fuer Praehistorische Archaeologie der
Freien Universitaet Berlin, Altensteinstr. 15, 14195 Berlin, E-Mail: praehist@zedat.fu-berlin.de
Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Haensel, Institut fuer Praehistorische
Archaeologie der Freien Universitaet Berlin, Tel.: 030 / 838-54254,
E-Mail: bhaensel@zedat.fu-berlin.de
Wer das gross angelegte Projekt finanziell unterstuetzen moechte,
wendet sich bitte an Frau Professor Terzan oder Herrn Professor
Haensel.
Weitere Abbildungen im Internet unter:
http://www.fu-berlin.de/presse/fup/archiv/pdw03/pdw_03_023.html
--
Pressedienst Wissenschaft
Freie Universitaet Berlin
Kaiserswerther Str. 16-18
14195 Berlin-Dahlem
http://www.fu-berlin.de/presse/fup
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