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Kulturspaziergang

Schiffshebewerke

am Canal du

Centre in

Wallonien



Foto (C) Christa Blenk



Von Brüssel aus sind es nur knapp 60 Kilometer auf der E 19 Richtung Paris bis zur Ausfahrt 21. Ein paar Minuten weiter auf der Landstraße und dann steht man plötzlich diesem gigantischen und überwältigenden Stahlmonster gegenüber: dem Schiffshebewerk Strépy-Thieu. Der große Parkplatz ist leer, und Besuchergruppen sind auch keine unterwegs. Nur in der Ferne sieht man vereinzelt Spaziergänger mit Hunden an diesem Samstag Ende November.

Die Konstruktion ist 81 Meter breit, 130 Meter lang und 117 Meter hoch und kann Wasserfahrzeuge bis zu 1.350 Tonnen nach oben oder unten befördern und einen Höhenunterschied von 72 Metern überwinden. Zwanzig Jahre ist daran gebaut worden, und erst 2002 wurde dieser bedeutende Bestandteil des belgischen Wasserstraßennetzes fertig gestellt. Strépy-Thieu übernimmt heute die Aufgabe der historischen vier Schiffshebewerke, die ursprünglich die Kohlebeförderung bzw. den Kohletransport in der Gegend erleichtert haben. Heute hat die Steinkohleförderung dort so gut wie keine Bedeutung mehr.



Strépy-Thieu – neues Schiffshebewerk in Wallonien | Foto (C) Christa Blenk


Wallonien ist ungefähr so groß wie Schleswig-Holstein und liegt in der südlichen Hälfte von Belgien. Die Hauptstadt ist Namur. Weitere größere Städte sind Mons, Tournai, Charleroi oder Dinant. Das Hohe Venn ist eine grenzübergreifende Hochfläche von ca. 600 Quadratkilometers, ein Naturschutzgebiet mit Hochmooren. Es ist Teil des Rheinischen Schiefergebirges und grenzt im Süden an die Ardennen. Hauptsprache in Wallonien ist Französisch. Von Brüssel an die französische Grenze sind es gerade mal 100 Kilometer.

Die Wallonische Montanindustrie bei Charleroi und Lüttich hat im 19. Jahrhundert sehr zur Entwicklung von Belgien beigetragen, und das Land war in dieser Zeit nach England die am stärksten industrialisierte Region in Europa.

Als Napoleon I 1802 entschied, einen Kanal von Brüssel nach Charleroi zu bauen, um den Zugang zu den dortigen Steinkohlengruben zu erleichtern, gab es Belgien so noch nicht. Als der Kanal endlich fertig war, im Jahre 1832, war Belgien gerade mal zwei Jahre unabhängig. Wieder ein paar Jahre später wurde der Canal de Mons mit dem Kanal Charleroi-Brüssel verbunden, um der Binnenschifffahrt die Überquerung der Wasserscheide zwischen Maas und Schelde zu ermöglichen. Dieser Canal du Centre hatte allerdings das Problem, den Niveauunterschied auf dem Hochplateau von 66 Metern zwischen Thieu und Hougend-Goegnies auf nur sieben Kilometern zu bewältigen. Genügend Wasserwege, um den Höhenunterschied mit Schleusen zu regeln, waren nicht vorhanden. Die Engländer lösten 1875 so ein ähnliches Problem mit dem Bau des Schiffshebewerks Anderton, das einen Höhenunterschied von 15 Metern mit extrem geringem Wasserverlust bewältigen konnte. Der Ingenieur Edwin Clark legte den Belgiern einen Plan vor, wie der Höhenunterschied auf der Strecke Thieu-Houdeng überwunden werden konnte. Zwischen 1882 und 1917 begann der Bau von vier hydraulischen Schiffshebewerken (Houdeng-Goegnies, Houdgen-Aimeries, Bracquegnies und Thieu) am Canal de Centre mit je einer Hubhöhe von ca. 16 Metern.



Aufzug 3 Ankunft der Schiffe unten | Foto (C) Christa Blenk


Am 4. Juni 1888 eröffnete der belgische König Leopold II. das erste Schiffshebewerk. Dann behinderten erst einmal ausgiebige Debatten über die extrem hohen Kosten und die Wirtschaftlichkeit des Projektes den Weiterbau. 1894, also erst sechs Jahre später, waren die Mauerarbeiten für die drei noch zu bauenden Hebewerke abgeschlossen. 1914, kurz nach dem Ausbrauch des Ersten Weltkrieges, marschierte die deutsche Besatzungsmacht in Belgien ein und ordnete aus strategischen Gründen den Weiterbau an. 1917 konnten dann endlich die anderen drei Hebewerke in Betrieb genommen werden und machten somit den Kanal komplett nutzbar und befahrbar.

Über eine alte Drehbrücke in Bracquegnies erreicht man die historischen Hebewerke 3 und 2 am Canal du Centre. Fast direkt an der Brücke steht das Maschinenhaus mit zwei Aussichtstürmen in der typischen Architektur der Gegend: nicht verputztes, rotes Ziegelmauerwerk. Am Kanal entlang gibt es Fahrrad- und Fußwege. Ca. 4 Kilometer weiter Richtung Norden kommt man zum Hebewerk Nr. 1.

Die Schiffe fahren in einen großen, mit Wasser gefüllten Behälter. Um das Schiff nach oben zu bringen, wird ein zweiter Behälter so lange mit Wasser aufgefüllt, bis er schwerer ist als der erste und so einen Hebemechanismus in Gang setzt. So konnten schon vor 1900 viele Meter Höhenunterschied ohne elektrischen Antrieb relativ problemlos überwunden werden.

Die vier Presskolben-Schiffshebewerke sehen sich sehr ähnlich. Nicht nur die Hebewerke sondern auch die Kräne zum Heben und Senken der Tore werden hydraulisch angetrieben.



Aufzug 3 von oben und Maschinenhalle im Hintergrund | Foto (C) Christa Blenk


Es gibt weltweit nur noch acht von diesen Schiffshebewerken, vier davon stehen in Belgien. Seit 1998 gehören die vier Schiffshebewerke des Canal du Centre zum UNESCO Weltkulturerbe.

Das elektromechanische Schiffshebewerk Strépy-Thieu ist heute das einzig noch in Funktion stehende und ersetzt seit 2002 die benachbarten, hydraulischen, historischen Hebewerke mit zwei Schleusen. Angeblich sollen täglich 20 Schiffe passieren, wir haben aber leider so eine Operation nicht beobachten können. Es ist eines der größten Schiffshebewerke der Welt und ein technisches Meisterwerk der industriellen Revolution in Belgien und in Verbindung mit den vier historischen Bauten unbedingt eine Reise wert.

In Strépy-Thieu befindet sich auch das Besucherzentrum, das Ausflüge, Führungen und Schleusendurchquerungen organisiert. Im oberen Teil wird eine Ausstellung über die Binnenschifffahrt gezeigt. Von Ende Oktober bis April ist das Zentrum allerdings geschlossen, und Führungen finden auch nicht statt. Man kommt aber trotzdem sehr nahe an das jeweilige Hebewerk heran und kann die Treppen benutzen, um sich vom Höhenunterschied auch physisch ein Bild zu machen.

Poetisch stehen sie da mit ihren meterhohen Stahlkonstruktionen und wirken wir verwunschene und vergessene Fantasie-Rückzugsorte jetzt im grauen November auf diesem Hochplateau, umgeben von herbstlich gefärbter Natur. Der Architekt der historischen Hebewerke hat es dann doch nicht sein lassen können, denn manche Streben wirken fast verziert und nehmen dem Stahl die Kälte. Schließlich gehört Belgien ja nicht umsonst zu den Jugendstilweltmeistern.


Christa Blenk - 23. November 2021
ID 13315
Weitere Infos siehe auch: http://belgien-tourismus-wallonie.de


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