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Brüssel

Zwischen Moules-Frites, Pralinen und Parks


Sommer (Der Schnitter) von Constantin Meunier - im Botanischer Garten von Brüssel | Foto: Christa Blenk


Brüssel ist bekannt für seine Restaurants, seine Fritten, für extravagante Schokolade, Jugendstilhäuser und für die europäischen Einrichtungen, allen voran den Sitz der Kommission im Berlaymont-Gebäude. Brüssel ist weder Einkaufs- noch Musikstadt und auch kein Museum wie Venedig oder Florenz. Das oft schlechte Wetter verstärkt das Verkehrschaos, und der Regen unterspült das Kopfsteinpflaster. Aber sogar im zugebauten Europaviertel unterbrechen kleine Squares oder Parks, die zum Durchatmen und Staunen einladen, das Architekturchaos. Die seit Monaten durch Corona eingeschränkte Ausstellungs- und Musikszene gibt uns mehr Zeit zum Flanieren, und wir lernen die Stadt kennen. Bus oder Metro lassen wir auch links liegen und gehen überall zu Fuß hin und nie ohne Fotoapparat. Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, die Skulpturen zu fotografieren, die überall in der Stadt Plätze und (auch wegen des oftmals nassen Wetters) schöne, satte Grünflächen bevölkern. Im 19. Jahrhundert scheint es hier Bronze-Statuen geregnet haben und diese schöne Tradition setzt sich fort.

Das große Trinkende Pferd von Constantin Meunier zierte früher einen Trinkwassertrog und glänzt heute prominent zwischen Fontänen, abfallenden Rasenflächen und Wasserfällen zwischen Square Ambiorix und Square Marie Louise. Nicht weit davon entfernt, in der Gemeinde Schaerbeek, liegt der charmante Park Josaphat mit einer Fläche von 20 Hektar. 1904 hat ihn der Landschaftsarchitekt Edmond Galoppin angelegt, nachdem König Leopold II. ihn der Witwe Martha, die ihn abholzen lassen wollte, abkaufte und der Gemeinde schenkte. Die Skulpturen L’Elagueur (dt.: Waldarbeiter) von Albert Desenfans oder die zauberhafte Cendrillon von Edmond Lefever sind Meisterwerke und gehören mit zu den am schönsten Platzierten.



Im Brüssler Park Josaphat: L‘Elagueur (um1893) von Albert Desenfans | Foto: Christa Blenk


Die Gemeinde Ixelles ist durch die Prachtstraße Avenue Louise und zwei von Grünflächen umgebenen Seen getrennt. Am Wasserrand sitzt Pascale, eine der Frauenskulpturen von Alfred Blondel. Man findet sie überall in der Stadt, und sie heißen Silke, Virginie oder Agnès. Der Parc de Bruxelles am Place de Palais ist die größte Grünfläche im Zentrum von Brüssel. Breite Alleen und interessante Perspektiven in Zirkelform werden von Marmor- und Bronzearbeiten und einem Musikpavillon unterbrochen. Die zeitgenössische, symbolische Plastik Der Bote ist vom belgischen Künstler Folon. Wer sich mehr mit ihm beschäftigen möchte, sollte unbedingt die Fondation Folon in La Hulpe, ca. 15 Kilometer von Brüssel entfernt, besuchen.

Hinter der Place Schuman Richtung Tervuren warten die Marmorstatuen am Triumphbogen des Jubelparks auf eine Reinigung. Im Garten vor dem Bogen stehen beeindruckende Skulpturen wie Le Faucheur (dt.: Mann mit Sense) von Constantin Meunier oder Les Bâtisseurs en ville (dt.: Bauarbeiter) von Charles Van der Stappen. Diese beiden Bildhauer waren Ende des 19. Jahrhunderts künstlerisch für die 52 Skulpturen verantwortlich, die um 1900 im Botanischen Garten von Brüssel aufgestellt wurden. Wie eine Oase liegt dieser zwischen einem chaotischen Viertel, breiten Straßen, langen Tunneln und Wolkenkratzern. Die belgische Regierung wollte vor 120 Jahren mit diesem Projekt die Künste im öffentlichen Bereich fördern und hat mehrere Künstler mit der Umsetzung der Vorschläge und Skizzen von Meunier und Van der Stappen beauftragt. Über 30 Skulpturen, darunter exotische Tiermotive, Brunnen oder Allegorien der vier Jahreszeiten, stehen immer noch zwischen beeindruckenden, alten Bäumen.

Der Brüssel-Tourist kommt unweigerlich am Sablon vorbei. Dort kauft er gute aber vor allem teure Schokolade, besucht die schicken Restaurants oder den einmal pro Woche stattfindenden Antiquitätenmarkt. Aber viel schöner und ruhiger ist der Petit Sablon, direkt daneben, im flämischen Neo-Renaissance-Stil. Der Brüsseler Bürgermeister hat den Park um 1880 von dem Architekten Henri Beyaert umgestalten lassen. Die neun Buschformationen stehen für die damals neun belgischen Provinzen. Dieser Square ist ein architektonisches Schmuckstück im Zentrum Brüssels. Die 48 Bronze-Statuen, die den Park einsäumen, repräsentieren die alten Handwerkerzünfte. Sie sind eine Hommage der Brüsseler Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts an die Renaissance-Gilden. Vier von den Skulpturen tragen übrigens die Gesichtszüge des Architekten Henri Beyaert. Nach einer ausgiebigen Restauration 2017 glänzen sie in neuem Licht. Die meisten Plastiken wurden um 1900 aufgestellt, und viele sind von bekannten Bildhauern wie Desenfans oder Lefever. An der Vielfalt von Gilden, die mit Stoffen generell zu tun haben, erkennt man die Bedeutung der belgischen Textilindustrie in der Zeit. Jede Skulptur verrät anhand von Attributen ihren Beruf – aber leicht ist es nicht immer, ihn zu erraten. Die Fischhändler-Zunft unterscheidet zwischen Salzwasserfischen und frischen Süßwasserfischen. Gleich der erste Zunftvertreter am Haupteingang Le métier des Quatre Couronnés versammelt die Bauarbeiter, die Steinmetze, die Bildhauer und die (Schiefer)-Dachdecker unter einem Hut. Präzise Vorschriften und Normen haben Preise und Löhne innerhalb der Gilde reglementiert oder die Versorgung der Witwen geregelt. Frauen gibt es hier unter diesen 48 Zünften nicht. Erst ab dem 17. Jahrhundert konnten Frauen in Gilden wie die der Garnmacher oder Seidenweber Mitglied zu werden.



Le Petit Sablon in Brüssel: Gilden der Handwerker, Bäcker, Brauer, Polsterer, Fleischer, Salzfischhändler, Müller etc. (v.r.n.l.) | Foto: Christa Blenk


In der Mitte des Petit Sablon steht das Denkmal der Grafen Egmont und Hoorn, die sich gegen die tyrannische spanisch-katholische Herrschaft in den Niederlanden auflehnten. Goethe hat 1775 ein Trauerspiel darüber geschrieben, und Beethoven hat ihn vertont. Die Skulptur erzählt, dass die beiden Aufständischen gerade auf dem Weg zum Schafott zur Grand Place sind, wo sie 1568 auf Befehl von Philipp II. von Spanien hingerichtet wurden. Im hinteren, inneren Teil des Parks, um das Denkmal für Egmont und Hoorn herum, stehen zehn Marmorskulpturen. Sie zeigen die großen belgischen Humanisten wie Gerard Mercator, Bernard Van Orley, Louis Van Bodeghem, Rombaud Dodonée oder Abraham Ortélius (1527-1598). Letzterer hat den ersten Atlas der bekannten Welt herausgebracht.

Am Kunstberg befindet sich ein Großteil der Brüsseler Museen. Versteckt zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern liegt der intime Jardin des Sculptures mit ausgesuchten Bronze- und Marmorarbeiten, darunter inmitten eines Brunnens La Rivière von Aristide Maillol. Wenn man hier nach oben blickt, sieht man 11 Figuren am Museum, die mit Kunstberufen zu tun haben.

In Laeken am Quai des Yachts befindet sich ein Monument des Bildhauers Constantin Meunier aus den 1890er Jahren. Diese Ode an die Arbeiterschaft wurde 1930 auf Bestreben der belgischen Königin – 20 Jahre nach Meuniers Tod - aufgestellt. Constantin Meunier (1831-1905) gehört zu den interessantesten Künstlern, der sich, wie Rodin in Frankreich, vom Akademismus distanzierte und die schwierigen Konditionen der Arbeiter anprangerte.



Pieter Bruegel vor der Kapellenkirche von Tom Frantzen | Foto: Christa Blenk


Aber das ist noch nicht alles. Abgesehen von Preziosen in den Parks und Squares trifft man im Zentrum auf den bekannten belgischen Sänger Jacques Brel. Der Künstler Tom Frantzen hat den singenden Brel 2017 anlässlich seines 40. Todestages in Bronze gegossen. Auch von Frantzen ist die Bruegel-Skulptur vor einer der schönsten gotischen Kirchen in Brüssel, der Kapellenkirche. Die Stadt Budapest hat der europäischen Hauptstadt vor ein paar Jahren eine schlichte, sehr elegante Statue von Béla Bartók geschenkt. Sie steht an der Place d’Espagne. Und dort weilen auch - erhöht und übergroß - Don Quichote und Sancho Pansa. 2012 hat der belgische Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude Van Damme, in der Gemeinde Anderlecht die Einweihung seiner eigenen Skulptur begleitet.

Natürlich hat auch zeitgenössische Kunst ihren Platz in Brüssel gefunden. In einem kleinen Stadtpark in Etterbeek steht die Installation von Dan Graham Two-Two-Way-Mirror Half Circles (2000) und dialogisiert mit den modernen Gebäuden im Europaviertel. Bunte Holzskulpturen von Susanne Boerner vermischen sich an der Place Schuman mit den eilenden, europäischen Beamten zwischen Büros und (jetzt wieder geschlossenen) Cafés und Restaurants. Aber eine Büste von Robert Schuman, der zusammen mit Jean Monnet als Gründervater der Europäischen Union in die Geschichte einging, gibt es natürlich auch.

In der Gemeinde Woluwe widmet sich ein Garten fast ausschließlich der zeitgenössischen Kunst.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit gibt es hier nicht. In meiner Sammlung befinden sich schon über 200 Fotos von Skulpturen, die man alle im Freien während eines Spazierganges bewundern kann. Und es ist ganz egal, wo man anfängt.

Und, ach ja: Über die bekannteste Figur und das Wahrzeichen von Brüssel, das Manneken Pis, brauchen wir hier nicht zu reden.


Christa Blenk - 25. Oktober 2020
ID 12556
Weitere Infos siehe auch: https://www.brussels.be/


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