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Interview

Annett

Baumgartner

im Gespräch mit
Helga Fitzner


Annett Baumgartner | Foto: privat



Millionen von Menschen haben in den Nachrichten die Bilder von der Flutkatastrophe vom 14. auf den 15. Juli 2021 gesehen. Viele haben versucht, durch Spendenaktionen Mittel für die betroffenen Gebiete zu generieren und ihre Solidarität mit den Menschen erklärt. Das war und ist sehr wichtig. Und dann gab es diejenigen, die tatsächlich - so wie Annett Baumgartner, die Fotografin des Bildbandes Flut 2021- Stille Zeugen - dorthin gefahren sind und mit angepackt haben...


*


Mit finanzieller und ideeller Hilfe an der Seite der Überfluteten zu stehen, ist die eine Sache. Der Schritt, tatsächlich ins Flutgebiet zu fahren und sich das Elend anzuschauen, ist meines Erachtens ein sehr großer. Sie sind ihn gegangen. Was hat bei Ihnen den Ausschlag dazu gegeben?

Annett Baumgartner:
Auch ich habe das im Fernsehen gesehen. Normalerweise sind die Katastrophen sehr weit weg, aber ich wohne im Westerwald, dieses Mal war das ziemlich nah. Ich kontaktierte eine Freundin, die aus dem Ahrtal stammt und mich dann mitnahm.


Und wenn man einmal da war...

A. B.:
… dann lässt einen das nicht mehr los und man fährt immer wieder hin.


Das ist der „Wippi-Effekt“. Der Lohnunternehmer Markus Wipperfürth filmt auf Facebook von Anfang an aus dem Ahrtal und hat mittlerweile eine große Reichweite und Bekanntheit erzielt. Auch er sagt immer, sich den mannigfachen Aufgaben dort nicht mehr entziehen zu können.

A. B. (lacht):
Ja, das ist der „Wippi-Effekt“. Aber ich bin nicht in erster Linie durch Markus Wipperfürth dort gelandet, sondern durch diese Freundin.


AugenzeugInnen sagen immer wieder, dass es einen riesigen Unterschied gibt zwischen Fotografien / Fernsehbildern und dem Eindruck vor Ort.

A. B.:
Ja, das ist richtig. Als ich am ersten Tag dort war, fand ich keine Worte, die auch nur ansatzweise das wiedergeben könnten, was ich dort gesehen habe. Das war tausendmal schlimmer, man hat ja auch die Menschen von Angesicht zu Angesicht gesehen. Wir HelferInnen vor Ort hatten den 360-Grad-Winkel, was kein Foto oder Fernsehbild richtig wiedergeben kann. Dann begreift man auch das Ausmaß, wie schlimm es die Menschen dort getroffen hat.


Sie waren am Anfang mal Teil einer Eimerkette, die Schlamm aus einem Haus herausholte. Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass Tausende von Häusern immer noch voller Matsch stehen, und die eigene Arbeit bis zur Erschöpfung nur einen vernichtend geringen Prozentsatz von dem ausmacht, was noch zu tun ist. Fühlt man sich angesichts der Gewaltigkeit der Aufgabe nicht ohnmächtig?

A. B.:
Das ist schwer. Es geht, solange man in der Eimerkette steht oder Parkett aus dem Boden heraus stemmt, aber ich hatte ein Schlüsselerlebnis. Ich sollte nebenan Werkzeug besorgen aus einem Haus direkt an der Ahr. Da hatte ich den freien Blick auf die angerichtete Zerstörung im Tal ringsherum. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. (Mit belegter Stimme) Man fühlt sich so klein, so ohnmächtig, und das war nur ein Bruchteil der Schäden, die ich da gesehen habe. Die Menschen sahen so winzig aus, die da vor dem Nichts stehen. Das war so schlimm. Das lässt einen dann auch nicht mehr los. Das waren kriegsähnliche Verhältnisse, die da auf einen einprasselten.


Der Schock hat die HelferInnen aber nicht gelähmt.

A. B.:
Nein. Nein. Man wusste, man muss helfen. Manchmal kamen mir auf der Hinfahrt die Tränen, und eine Freundin meinte, dass ich das nicht so dicht an mich heran lassen sollte. Aber das geht nicht.


Wenn man da dicht macht, wirkt das ja trotzdem weiter und man bekommt es nicht verarbeitet.

A. B.:
Ja. Vor allem, das scheint wie ein Fass ohne Boden.


Haben Sie da auch Nachsicht mit den gescholtenen Behörden, die vielfach länger brauchten, bis sie handlungsfähig waren?

A. B.:
Ja. Da hätte einiges besser laufen können, das stimmt, aber mit so einer Katastrophe hat niemand gerechnet.


Wie kam es dann zu der Idee, zu fotografieren und einen Bildband zu veröffentlichen?

A. B.:
Die Idee dazu kam mir im Bett. Bei mir ratterte es im Kopf, ich konnte nicht abschalten und überlegte, was ich tun könne. Ich habe zwei junge Hunde und würde über einen längeren Zeitraum nicht den ganzen Tag wegbleiben können. Da ich als Grafikdesignerin schon Bücher gesetzt hatte, kam mir nachts um zwölf die Idee zu dem Bildband und am folgenden Mittag war ich mit der Kamera im Ahrtal.


Haben Sie die Bilder gesucht oder sind die zu Ihnen gekommen?

A. B.:
Mein erstes Motiv war das von der Aussichtsplattform auf Dernau herunter. Dann sind meine Freundin und ich weiter gefahren und wir landeten in (der Winzerhochburg) Mayschoß. Dort habe ich den Krug und die Eimer gesehen; deshalb sind die mein Buchcover. Ab da wusste ich genau, was ich fotografieren möchte und mit diesem Blick habe ich die Augen offengehalten und die Motive gefunden. Ich habe nichts drapiert oder verändert, alles lag so da, wie es abgelichtet ist. Das war nur bei den beiden Fotos mit den verschlammten Handschuhen und Stiefeln der Fall. Die sind gestellt.


12,50 € von den Einnahmen gehen als Spende an die Betroffenen. Es gab auf „Wippi-TV“ und anderen Kanälen Diskussionen darüber, wie die Spendeneinnahmen – möglichst ohne Verluste für die Verwaltung oder sonstiges – ausgezahlt werden können. Wie ist das bei Ihrem Bildband geregelt?

A. B.:
Wer das Buch bestellt, kann aus mehreren Spendenprojekten eines aussuchen, an das die Spende dann geht.


Es sind neben den Spendenaktionen natürlich noch für eine längere Zeit HelferInnen, schweres Gerät, InstallateurInnen, HandwerkerInnen aller Art nötig. In den ersten Monaten waren die selbst organisiert und konnten so spontan und flexibel auf die Bedarfe reagieren, das hätten Behörden in dieser Form gar nicht verordnen können. Die HelferInnen bzw. Baufirmen haben z. B. hochprofessionell Straßen und Wege gebaut, die der TÜV später anstandslos abnehmen konnte. Jetzt geht manches unter der Anleitung der Behörden viel schwerfälliger oder gar nicht.

A. B.:
Das ist ein Gebiet, das sich über 70 Kilometer erstreckt und zerstört ist, und das geschah von einem Tag auf den anderen. Mit seiner ganzen Bürokratie steht sich der Deutsche ja manchmal selbst im Weg. Das so schnell hinzukriegen, wie das z. B. die Landwirte gemacht haben, einfach hinfahren und machen, wäre auf behördlichem Weg nicht möglich gewesen. Eins ist ganz klar. Ohne die Freiwilligen, die Landwirte und vielen Firmen wäre das Ahrtal noch längst nicht so weit, wie es jetzt ist.


Ich habe nichts gehört, außer von kleineren Verletzungen, dass jemand von den HelferInnen zu Schaden gekommen wäre.

A. B.:
Da habe ich auch nichts von gehört.


Gibt es zu den Fotos auch Geschichten?

A. B.:
Zu dem Flutwein gibt es eine Geschichte. Als wir in Mayschoß waren, kamen uns vier junge Menschen entgegen, das waren Feuerwehrleute aus Troisdorf, die waren von oben bis unten total verschlammt. Die hatten Flaschen gerettet. Das waren Liköre und richtige kleine Schätze.


Und dieses Foto war das Geschenk des Tages.


A. B.:
Ja, das war das Geschenk des Tages. Die waren auch damit einverstanden, dass ich nur die verschlammten Stiefel fotografiere.



Vier Troisdorfer Feuerwehrleute präsentieren die geretteten „Schätze“ © Annett Baumgartner


Sie waren sehr umsichtig, um mit Ihren Bildern nicht an mögliche Traumata zu rühren.

A. B.:
Ich musste zwar ein paar Bilder der Zerstörung mit hineinnehmen, wie den Tunnel oder die Bahngleise, aber halt nur vereinzelt.


Es gibt viele Menschen, die glauben, dass es in den Flutgebieten wieder normal zuginge.

A.B.:
Ich habe ganz viele Freunde, die das auch denken.


Das entspricht aber leider nicht den Tatsachen. Da ist noch sehr viel zu tun, was viele Menschen noch über einen längeren Zeitraum beschäftigen wird.

A. B.:
Auf jeden Fall. Da müssten noch für längere Zeit viele Menschen mitwirken.- Als Nächstes plane ich, den HelferInnen ein Buch zu widmen. Ich möchte denen die Möglichkeit geben, mir einen Text zu schicken, in dem sie kurz beschreiben, wie ich hier auch im Interview, wie sie ins Ahrtal gekommen sind, was sie erlebt haben, wie lange sie bleiben wollen, was das mit ihnen gemacht hat. Wenn ich den Text und ein paar Bilder dazu bekomme, sammle ich die und erstelle das Buch „Flut 2021 – Helfergeschichten“. Von der Aufmachung her wird das wie der Bildband, nur mit mehr Text. - Als Erinnerung.


Und zur Dokumentation.

A. B.:
Ja. - Und um daraus wieder Spenden zu generieren.


Wenn Sie mit dem Wissen von heute noch einmal vor der Entscheidung stünden, ins Ahrtal zu fahren, würden Sie es tun?

A. B. (ohne zu überlegen):
Ja.


Das Buch wird von Ihnen selbst vertrieben.

A. B.:
Ja. Der Handel und der Versand erhielten 30 Prozent Anteil, da bekäme ich die Selbstkosten nicht herein.


Angesichts unserer materialistischen Ausrichtung hatten viele den Glauben an die Menschheit verloren. Im Ahrtal heißt es immer wieder, dass die uneigennützige Hilfsbereitschaft diesen Glauben wiederhergestellt hat. Haben Sie auch die Erfahrung gemacht?

A. B.:
Ja. Da sieht man, dass die Menschen noch zusammenrücken können und dass sie noch Empathie haben.


Das ist eine wunderbare Nachricht über das Ahrtal und die anderen, nicht weniger betroffenen Flutgebiete hinaus. Vielen Dank für diese Insider-Informationen und alles Gute.




Kerzenspende aus Österreich für die Verstorbenen | Foto (C) Annett Baumgartner


Das telefonische Gespräch fand am 9. Dezember 2021 statt.

Interviewerin: Helga Fitzner - 21. Dezember 2021 (2)
ID 13370
Weitere Infos siehe auch: https://www.annett-baumgartner.de


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