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Extra - Spezial
Randalekultur?

Ein Nachtrag zum 1.Mai in Kreuzberg


- um der Wahrheit auf die Sprünge zu helfen -
- von einer, die schon immer irgendwie dabei war –



Kreuzberg , Oranienstraße am Morgen des 2.Mais, die roten Fahnen hängen noch


Seit nunmehr 17 Jahren gibt es sie, die Randalekultur im Kiez.
Und seit 17 Jahren latsch ich da irgendwie mit rum, obwohl zugegebener Maßen mein Eifer von Jahr zu Jahr geringer geworden ist. Bin jetzt eher die Voyeurin mit Sitz in der ersten Reihe und denke an damals, als ich noch jung, knackig und sehr sportlich war…..
Damals wurde noch Penny geplündert und Getränke-Hoffmann, da hatten alle was davon. Naja, die alten Zeiten, das is eben vorbei. 1987 ging es los, die erste Randale in Kreuzberg und damit auch die ersten Streitereien unter den Linken. Die einen fanden es klasse, „Riots als Ausdruck von aufgestautem Klassenhaß“,( einige Autonome 1989) die anderen fanden es scheiße, „Fiesta furiosa für Suffkis, Hirnis und Randalos….“ (taz, 5.5.89) Den alten Golf, darf man den denn abfackeln? Is das politisch noch vertretbar?
Und wie soll man den Kids beibringen, dass sie die Flossen von alten Autos lassen sollen? Das is schon lange her…

Die Bild von 1989


Diese 17jährige Randaletradition is zwiespältig, ohne Frage. Aber was sich in den letzten Jahren abzeichnete und was sich dieses Jahr aufs schärfste bestätigt, ist der blanke Hohn:
Die Randale verkommt zum Open-air –event für unbefriedigte Kleinbürger, die zur Loveparade in Berlin nicht kommen konnten. Ein Aktionstheater mit Publikumsbeteiligung. Kreuzberg wird zum Wildpark, zum Freigehege und die Touris sind eigentlich auf Safari mit Digicam und Handy, die ab und an ihren Jeep verlassen um den Elefanten in den Arsch zu kneifen.
Und dann is er endlich im Kasten, der Bilderbuchpunk, der seine Nase an das Visier des Bullenhelms drückt und irgendwas an die Kampfmaschine rangrölt.
Voyeure sind nicht unsichtbar. Sie verursachen Verkehrsstau zum Beispiel. Sobald sie am Kotti mit ihrer Digicam (und das Verhältnis Digicam – Mensch war an diesem Tag ungefähr 1 zu vier) Bullen in Kampfuniform filmen, wie sie gerade einen „potentiellen Gewalttäter isolieren“ - was bedeutet diesen über den mit Glassplittern und Dosen geteerten Asphalt zu schleifen - sind sie durchaus sichtbar und erschreckend viele… Ich glaube das Verhältnis Glotzer zu Aktivist war dieses Jahr zehn zu eins, und das ungelogen.
Einige haben das Spiel begriffen und ihren Voyeurismus auf die Spitze getrieben: Drei gut angezogene, gepflegte Anfangdreißiger im Eingangsbereich eines Restaurants auf der Oranienstraße. Soeben laufen die Bullen mal wieder in Richtung Adalbertstraße, an den drei Protagonisten dieser Geschichte vorbei, ein ganzer Trupp, ca 20 Leute, es ist schon lange dunkel, der Müllcontainer brennt, ein paar Vermummte schmeißen Pflastersteine und Zeugs. Einige Minuten später geht die Sache in die andere Richtung, der Trupp marschiert ein weiteres Mal an uns vorbei, auf der Jagd nach Gewalttätern, meine Freundin immer noch auf dem Klo( übrigens eines der wenigen Lokalitäten, in denen man noch aufs Klo gehen kann, die anderen Kneipen haben einen Dicken in ihre Tür gestellt..), ich muß warten…da sagte die eine aus der erwähnten Dreiergruppe zu der Tante mit der Glasflasche:
„Schmeiß doch mal, schmeiß doch“,flüstert die eine zu der anderen ganz heiß und energisch. Die Bullen sind zum Greifen nah… „Soll ich…. Soll ich echt….? „Ja, schmeiß das Ding“, ihr männlicher Begleiter bestärkt sie in ihrer Gier. Sie wirft die noch nicht ganz leere Flasche in Richtung Bullentrupp. Sie war sichtlich befriedigt, alle drei kichern vor sich hin, aber irgendwie war sie sich selbst peinlich…
Leute, die sich mitreißen lassen, die ihr Hirn an der Theke abgegeben haben, die nicht genau wissen, was da eigentlich abgeht, haben dieses Mal die Bullen dem „Tod geweiht“. Aber nächstes Mal kann das schon anders sein, weil es einfach scheißegal war, wen die Flasche trifft, solange die Tante auf der ungefährlichen Seite steht. Ungefährlich denkst du, weil die Masse dir Sicherheit gibt. Du kommst hierher um dir was abzuholen, weil es dir um nix geht, außer einem Kick, Fun, irgendwie einfach eine geile Show. Man, wenn du nen Bullen mit ner Flasche angreifst, dann greifst du ihn eben an. Aber haust das Ding nicht weg, als würdest du einen Gorilla unter Tranquillizern hinter Gittern bewerfen. (Abgesehen davon, daß das auch ne fiese Tour wäre…) Dann haust du auch ab, sonst kann es sein, dass du die nächste bist, die sie auf dem Asphalt zur Wanne schleifen. Aber die drei hatten Spaß, und Schiss hatten die nicht. Die Musketiere, die mutigen. Sie sind ja auch nur kurz ausgestiegen aus dem Jeep um dem Elefanten mal ordentlich in den Arsch zu kneifen….


Frankfurter Rundschau vom 9.5.1989


Und deswegen, jetzt werd ich eben moralisch, na ja, man wird eben moralisch mit dem Alter: wenn ihr da draußen in der weiten Welt nächstes Jahr wieder kommt, lasst eure verfickte Kamera zu Hause und denkt dran um was es bei eurer Reality-Show eigentlich geht: Die Leute wollen zusammen demonstrieren als lohnabhängige und arbeitslose Männer und Frauen gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Sozialabbau, die für sie Alltag sind, die sie jeden Tag zu spüren kriegen, wenn sie zur Maloche gehen oder aufs Amt durch ihre Vorgesetzten, ihre Chefs, die SachbearbeiterInnen beim Soz und beim Arbeitsamt.
Es ist nichts Abstraktes, keine Aneinanderreihung von Ismen, es sind reale alltägliche Geschichten, die uns den Schweiß auf die Stirn treiben, den Montagsanschiß vom Chef, die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, Lohnkürzungen („sonst können wir den Betrieb dicht machen“), die kleinen miesen Demütigungen, die du dir gefallen lassen musst, obwohl du ihm schon lange gerne deftig eins reindrehen möchtest.
Das ist der erste Mai, Tag der Arbeit. Macht mit oder bleibt zu Hause.

Pressezusammenschnitt Mai 1989


Eine, die nächstes Jahr wohl nicht mehr hingehen wird, nur noch zur Demo.
p.s: Vielleicht bleibt das Publikum 2005 unter sich, was wird wohl dann passieren?


 



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