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50 Jahre MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE (THE AVENGERS)

Mrs. Peel, sie werden doch noch gebraucht!

Ein Jubiläumstreffen in Chichester (Südengland) wurde zur Fahrkarte in die Vergangenheit


Foto (C) blogs.chi.ac.uk/theavengers

Ein Luxushotel, in dessen Keller ein Internierungslager untergebracht ist. Eine Tanz- und eine Benimmschule, die als Tarnadressen für die Spionageausbildung dienen. Eine Unternehmensberatung, die Tricks austüftelt, wie man geschäftliche Konkurrenten in den Wahnsinn treibt. Und ein ganzes Dorf, das sich darauf spezialisiert hat, Mordwünsche zu erfüllen und seine Besucher statt ins Grüne ins Jenseits zu schicken: Die wundersame Welt der Sechziger-Jahre-Kultserie Mit Schirm, Charme und Melone sieht aus, als hätten sich Al-Quaida-Aktivisten bei ihren Planungen zur Zerstörung der westlich-dekadenten Welt statt von Hasspredigern von Haschrebellen inspirieren lassen. „Unblutige Massenmorde, bizarre Bösewichter und abenteuerlich absurde Handlungen“ benannte ein englischer Kritiker als Kennzeichen der Kultserie.

Wenn Emma Peel in der Krimiserie Mit Schirm, Charme und Melone kaltblütige Killer mit gezielten Karateschlägen außer Gefecht setzte, dann erreichte das ZDF 1967 Einschaltquoten von bis zu 70 Prozent. Auch in England waren die Episoden mit dem von Patrick Macnee und Diana Rigg gespielten Kriminalisten-Duo John Steed und Emma Peel ein ‚Straßenfeger‘. Die im Original The Avengers (Die Rächer) genannte Serie verkaufte sich in über siebzig Länder und löste vielfach kultische Verehrung aus. Im südenglischen Chichester gedachten kürzlich rund 250 Fans und einige der noch lebenden Beteiligten der Serie an deren Erstausstrahlung vor fünfzig Jahren und erinnerten sich an eine Zeit, als Fernsehmanager noch versuchten, die Einschaltquoten mit Originalität zu steigern.

Berichtet wurde in Chichester, wie sich die Avengers-Produzenten von den Konventionen einer reinen Krimiserie rasch lösten, bis Verbrecherjagden ab 1965 nur noch als Handlungsgerüst für möglichst skurrile Geschichten dienten. Es gab keine Einmischung durch die Senderchefs und daher auch kaum Regeln für die Autoren. Nur Blut und jede Art von Banalitäten, wie z. B. das Auftauchen von Polizei, sollte vermieden werden, betont der frühere Ko-Produzent der Serie, Brian Clemens. Der heute 81-jährige Clemens war als Script-Editor für die spezielle, surreale Note verantwortlich. Er schrieb Gags und Briten-Klischees in die Drehbücher hinein, „wenn die Autoren zu fantasie- oder humorlos waren“, wie Clemens bei einem Jubiläumstreffen zu 50 Jahren Avengers erläuterte, das kürzlich von Fans für Fans an der Universität im südenglischen Chichester zelebriert wurde.

Den Hang vieler Briten zur Exzentrik hatten Clemens und Co zum dramaturgischen Stilprinzip erhoben, gewürzt mit einer kräftigen Prise schwarzen Humors, Sadismus und Science-Fiction. In der Serie wimmelt es vor Wunderwaffen, wie z.B. die Maschine zur Verkleinerung von Menschen auf Puppengröße oder den Apparat, der Hauskatzen in reißende Bestien verwandelt. Schon zehn Jahre vor Michael Chrichtons Film Westworld und zwanzig Jahre vor James Camerons Terminator mussten sich John Steed und Emma Peel mit automatisierten Killerrobotern herumschlagen. Den damals verantwortlichen Redakteuren des ZDF war das manchmal des Guten zu viel und sie verzichteten trotz des enormen Erfolges darauf, alle Episoden auszustrahlen.








The Avengers entstand zwischen dem Zeitraum, in dem Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall und Neil Armstrong als erster Mensch auf den Mond flog. 1962- 1969 war aber auch die Ära der Beatles und der Swinging Sixties. Deren Liberalität wurde von den kämpferischen Avengers-Heldinnen verkörpert: Honor Blackman als Cathy Gale (1963-64; vor einigen Monaten erstmals auf ARTE gezeigt), Diana Rigg als Emma Peel (1965-68) und Linda Thorson als Tara King (1968-69) waren keine reine Staffage oder Sexsymbole wie viele andere Frauenfiguren dieser Zeit. Sie demonstrierten, dass auch eine unabhängige, selbstbestimmte Frau attraktiv sein kann (und umgekehrt). Mit jedem Karateschlag zerbröselten die sportlich, aber betont feminin gewandeten Avenger-Ladys das Frauenbild jener Jahre und verliehen der sich anbahnenden Emanzipationsbewegung kräftigen Schwung.

Der Produzent der ersten Serienfolgen, Leonard White, war mit 95 Jahren einer der ältesten Teilnehmer beim Jubiläumevent und stellte klar, wie es 1962 zu der folgenreichen Entscheidung kam, dem Geheimagenten John Steed eine Frau zur Seite zu stellen: Auslöser war eine Unterhaltung des Teams über die Ethnologin Margaret Mead, deren Forschungsreisen damals in allen Zeitungen Thema war. Auf Whites Anregung übernahm Honor Blackman den Part von einem Kollegen, spielte also Szenen und sprach Texte, die eigentlich für einen Mann konzipiert waren. Blackman wurde 1964 als Goldfinger-Pilotin Pussy Galore weltberühmt und bewies in Chichester einem ungläubig staunenden Publikum, dass erotischer Flair auch mit 89 Jahren noch seine Wirkung entfalten kann.

Mit der Verwendung von Lederkleidung, Schaftstiefeln und Ganzkörper-Kampfanzügen raubten die Avengers-Kostümdesigner auch dem biederen Modeverständnis jener Tage seine Unschuld. Was bis dato allenfalls in illegalen Clubs hinter fest verschlossenen Türen vorgeführt wurde, fand mit den Avenger-Heldinnen erstmals Einzug in ein Massenmedium. Dabei waren die Leder-Outfits aus rein pragmatischen Gründen eingesetzt worden, berichtete Honor Blackman beim Jubiläumstreffen: Das Leder konnte bei Stunts nicht so leicht zerreißen. Der Vermutung, dass sich damals nicht wenige Männer unter den Zuschauern statt eines Schäferstündchens lieber eine Strafaktion von den Leder-Ladys Cathy oder Emma gewünscht hätten, pflichtete Honor Blackman mit Verweis auf entsprechende Briefe bei („oh yesss“).

Ausgerechnet die inzwischen geadelte Diana Rigg, heute 71, blieb dem Jubiläumstreffen fern, obwohl sie im Bewusstsein der Fans so sehr mit der Serie assoziiert wird wie Fisch mit Chips. Ex-Steed Patrick Macnee, heute 89, geistig rege, aber gebrechlich und in Kalifornien lebend, galt durch seine heitere Videobotschaft als entschuldigt. Rigg schickte gar nichts und gab sogar Ex-Produzent – und jetzt wohl auch Ex-Freund – Brian Clemens einen Korb, der sie bat, ihm mit dem Besuch in Chichester eine persönliche Bitte zu erfüllen. Sie ließ wissen, eine Abneigung gegen die Beschäftigung mit der Vergangenheit zu haben. Der Versuch Riggs, sich von dem weltberühmten Emma-Image zu lösen, ist einerseits verständlich, aber auch vollkommen sinnlos, weil ohne Aussicht auf Erfolg und löste bei den sich quasi mutterlos fühlenden Fans Unverständnis aus („What a shame!“).

In Chichester fanden sich hetero- wie homosexuelle Freundes- und Ehepaare ein, aber auch Singles und Cliquen. Neben vielen britischen waren auch jeweils einige Fans aus den USA und westeuropäischen Ländern angereist, darunter die Gründer des deutschen und des französischen Fanclubs. Sie alle eint der Spaß am Unkonventionellen, zu dem auch „das perverse Universum“ der Avengers zählt, wie es ein Londoner Fan ausdrückte. Ein verblüffendes Phänomen, dass sich für John Steed und Emma Peel Zuschauer jeden Alters und Geschlechts, aus jeder Bildungsschicht und Nation, mit unterschiedlichen kulturellen und sexuellen Präferenzen begeistern. Zwar lag der Altersdurchschnitt deutlich über 50 Jahre und es herrschte leichter Männerüberschuss. Aber gerade die weiblichen Fans sind mit heißem Herzen dabei: Die Schottin Laura Byrne hat zehn Jahre gesucht, bis sie eine amerikanische Tattoo-Künstlerin fand, die ihr Diana Rigg in Emma-Peel-Pose auf den Rücken tätowieren konnte (Kosten: rund 1.300 Euro).

Fazit des Kongresses: Bei der Emma-Mania handelt es sich nicht um eine hysterische Jugendschwärmerei, sondern um eine Art von schnell- und lebenslang wirkendem Virus. Die Wahl eines abgeschiedenen Universitätscampus erwies sich als adäquate, denn ohne störende Alltagseinflüsse konnte der Kongress bei den Fans das bewirken, was auch die Agentur QQF („Quite Quite Fantastic“) des Mr. Ponsoby-Quopkirk in der Serienepisode Honig für den Prinzen ihren Kunden verspricht: die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche.



Max-Peter Heyne - red. 19. Juli 2011 (3)
ID 00000005294

Weitere Infos siehe auch: http://blogs.chi.ac.uk/theavengers/





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