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Rezension


Bettina de Cosnac: Gisèle Freund. Ein Leben

Arche Verlag, Zürich/ Hamburg 2008

304 Seiten, 24 Euro


Zum 100. Geburtstag von Gisèle Freund - Das Leben einer Pionierin der Fotografie und einer faszinierenden Frau

Am 19. Dezember 1908 wurde sie in Berlin-Schöneberg geboren: Gisela Sophia Freund, Tochter eines jüdischen Kaufmanns und Kunstsammlers und spätere Porträtfotografin und Fotojournalistin Gisèle Freund. Eine Pionierin in mehrfacher Hinsicht: Niemand anderem haben so viele international bekannte Literaten und Künstler Modell gesessen wie ihr, niemand vor ihr schrieb eine wissenschaftliche Arbeit über die Geschichte der Fotografie. Umso mehr erstaunt es, dass es bislang keine Biografie über Gisèle Freund gegeben hat. Diese Lücke schloss nun die in Paris lebende Journalistin Bettina de Cosnac, die die Fotografin für ein Interview 1988 in Berlin kennen lernte, pünktlich zu deren 100. Geburtstag. Cosnac recherchierte in Archiven, sprach mit Zeitgenossen und entdeckte unveröffentlichte Briefe und Privatfotos. Freunds Biografie zu schreiben wurde für sie zu einer faszinierenden Reise durch das 20. Jahrhundert und drei Kontinente, ein Tanz in vier Sprachen und ein Stelldichein mit den bedeutendsten Schriftstellern der Weltliteratur. Chronologisch und in kurzen Kapiteln, detailliert und anekdotenreich zeichnet Cosnac das Leben der Fotografin nach.

Gisèle Freund wuchs in einer großbürgerlichen Umgebung auf, das Judentum spielte in der Familie eine untergeordnete Rolle. Die Erziehung des Vaters, den sie ihr ganzes Leben lang hoch hielt, folgte den Prinzipien: viele "weise Zitate", Redlichkeit und Moral. Für die Eltern unerwartet, begann Gisèle sich aufzulehnen. Unter Einfluss ihres Bruders interessierte sie sich für Politik und trat der Sozialistischen Jugenda bei. Mit nur 16 Jahren verließ Giséle die großbürgerliche Umgebung, machte Abitur auf einer Schule für Arbeiterkinder, studierte Soziologie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt bei Adorno, Karl Mannheim und Norbert Elias, begann ihre Dissertation über die Geschichte der Fotografie im Frankreich des 19. Jahrhunderts und floh Ende Mai 1933 im Nachtzug nach Paris.


Anfangs auf sich allein gestellt, fand sie über die Verlegerin Adrienne Monnier, mit der sie jahrelang eine intime Freundschaft verband, Zugang zur Pariser Literatur- und Kunstszene. Es war auch Monnier, die ihre Doktorarbeit "La Photographie en France au dix-neuvième siecle" ins Französische übersetzte und sie zur Promotion an der Sorbonne 1936 im Verlag ihrer Buchhandlung publizierte. In Frankfurt hatte Freund gelernt, dass Bilder Produkte sozialer Vorstellungen sind. Ihre Arbeit war der erste Versuch, das Aufkommen der Porträtfotografie materialistisch zu erklären und ist damit ein Meilenstein in der Erforschung der modernen Bildkultur.

Freund hatte bereits als Studentin begonnen, auch fotojournalistisch zu arbeiten. Ihre erste bedeutende Reportage schilderte das Leben der Arbeitslosen in Nordengland und erschien 1935 im Weekly Illustrated, ein Jahr später als Nachdruck in der neu gegründeten Life. Weit populärer aber waren ihre Porträtaufnahmen, die sie größtenteils in Paris anfertigte. Mit einem 35-mm-Farbfilm, der 1938 als bahnbrechende Neuerung auf den Markt kam, fotografierte sie die großen Denker des 20. Jahrhunderts: André Malraux, James Joyce, Jean-Paul Sartre, Jean Cocteau, Virginia Woolf oder Simone de Beauvoir - Studien, die heute zu den Ikonen der Porträtfotografie zählen und so stark ins öffentliche Bewusstsein eingegangen sind, dass sie kanonisch für die Figuren selbst stehen.

Kurz vor Einmarsch der deutschen Truppen in Paris 1940 floh Freund erst nach Südfrankreich, 1941 dann nach Argentinien, wo sie in der Schriftstellerin Victoria Ocampo ihre neue Protektorin und Mäzenin fand. Ihre erzwungenen südamerikanischen Jahre waren eine glückliche und produktive Zeit. Berühmt wurde vor allem ihre Enthüllungsreportage über das Privatleben von Evita Perón im Jahr 1950, die zu diplomatischen Störungen zwischen Argentinien und den USA führte - und zu ihrem Ausschluss aus der 1947 von Robert Capa und anderen ehemaligen Kriegsfotografen gegründeten Fotoagentur Magnum. Neben den Porträts bekannter Namen wie Frieda Kahlo und Diego Rivera, zu deren Freundeskreis Gisèle gehörte, warf sie sich aber auch immer wieder ins Getümmel. Bis in die 70er Jahre bereiste sie die ganze Welt und schuf berührende sozialkritische Serien über Menschen, die in Not oder Luxus lebten.


Deutschland besuchte Freund erstmalig wieder 1957 - obwohl sie sich vorgenommen hatte, es nach ihrer Emigration nie wieder betreten zu wollen. Die Entdeckung ihres Werks aber setzte erst Mitte der 70er Jahre ein, parallel zur Frauenbewegung und zur Trennung von Fotografie und Fotokunst durch den Kunstbetrieb. Als die documenta in Kassel 1977 ein für den Kunsthandel hergestelltes Portfolio mit zehn ihrer frühen Farbporträts zeigte, war aus der Fotografin eine Fotokünstlerin geworden. Eine Rolle, in der sich Gisèle Freund selbst nie gesehen hat. „Vergessen sie nicht, dass ich kein Kuenstler Photograph bin, sondern ein Journalist der Reportagen“, zitiert Cosnac sie aus einem der von ihr entdeckten Briefe.

Hier liegt eine der Stärken der Biographie: Bettina de Cosnac gelingt es, den Nebel aus Legenden zu erhellen, den Gisèle Freund Zeit ihres Lebens um sich verbreitete. Um ihre materiellen Verhältnisse etwa, die sie aus Angst, zum dekadenten Bürgertum gezählt und nicht mehr als engagierte Sozialistin ernst genommen zu werden, immer vertuscht hat. Und diskret stellt Cosnac auch immer wieder einen anderen besonderen Zug Freunds heraus: den der talentierten Frauenverführerin, der sicherlich zum Geheimnis ihres Erfolgs gehört. Ihr Werk ist immer an die Erzählung ihres bewegten Lebens, an die Liebe zur Literatur und zu den Literaten, an ihre oft radikalen Ansichten gebunden.


„Die Frau mit der Kamera“ (1992), wie eines ihrer letzten Bücher hieß, war eine der ganz großen Frauen des 20. Jahrhunderts. Als Pionierin der Fotografie hat sie diese Zeit geprägt. Wenn man beim Fotografieren nur auf die Technik höre, soll sie immer wieder gesagt haben, dann blieben die Bilder leer. Um das Gesicht, das sich hinter Worten verbirgt, mit einem Foto bloßzulegen, müsse man Fotografie mit dem Herzen betreiben.




Katja Klüßendorf, red./ 24. März 2009
ID 00000004240

Weitere Infos siehe auch: http://www.arche-verlag.com





 

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