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Soziokultur

Man kann keinen zum Sieg streicheln

Weltmeisterin Regina Halmich und Maskulinitätsexperte Christoph Koch im Berliner Museum für Kommunikation


Regina Halmich soll Christoph Koch dekorieren - Foto (C) Jamal Tuschick



Auf dem Waschzettel steht: „'Chromosom XY ungelöst: Von einem, der auszog, ein echter Kerl zu werden' – So heißt das Projekt, über das der Journalist Christoph Koch im Museum für Kommunikation gerne mit Ihnen reden möchte.“ Ich denke zuerst, da nimmt einer die Ratgeber-Literatur auf den Arm. Doch Koch meint es ernst, vermutlich hat sich Herbert „Wann ist ein Mann ein Mann“ Grönemeyer prägend auf ihn ausgewirkt. Ich kann damit nichts anfangen, habe aber einen besseren Grund als Gleichgültigkeit, um ins Museum zu gehen. Regina Halmich ist da auch, als „deplatziertes Prunkstück“ (Ann Cotten). Halmich soll Koch dekorieren.

Nichts gegen Regina Halmich. Als ihre Karriere losging, gab es noch genug Experten, die Frauen und Boxen für eine Antinomie hielten. Halmich hat es allen gezeigt. Drei Mal war sie deutsche Meisterin, 1994 wurde sie Profi-Europameisterin im Super-Fliegengewicht. Ein Jahr später triumphierte sie zum ersten Mal als WIBF-Weltmeisterin. Am Ende ihrer Karriere sollte sie achtundvierzig Mal um eine Weltmeisterschaft gekämpft haben, mit nur einer Niederlage und einem Unentschieden.

Halmich hatte ihre Erfolge zur Hochzeit von Manfred Wolke. Der Trainer von Henry Maske und Axel Schulz bemerkte einst legendär: „Man kann keinen zum Sieg streicheln.“

Koch erzählt von naturvölkischen Initiationsriten, in denen Knaben zu Kriegern werden. Er stellt einen Kulturvergleich an, er fragt, wie wird der Deutsche zum Mann?

Koch beschreibt infantile Geschlechtsgenossen, dreißigjährige Tretrollerfahrer und sonstige Trottoirterroristen. Ihm vertrauten sich Hooligans an, die den Boden Brandenburgs mit ihrem Blut tränken, aus lauter Begeisterung für Blut und Boden jede Woche einmal.

Im Zuge seiner Recherchen „trieb (Koch) mit der Arbeiterklasse Sport.“ Beim Boxen lernte er, „nicht mit beiden Armen gleichzeitig zu schlagen“. Das soll wohl ein Brüller sein. Das überwiegend weibliche Auditorium lächelt verlegen. Koch erregt Anstoß beim kollektiven Unbewussten. Inzwischen weiß er: „Es gibt keine Technik, die Windmühle heißt.“

Ich stelle mir Koch im Training vor, ich habe solche Typen vor der Zeit heimgehen sehen. Vor Angst agierte er mit geschlossenen Augen. Auf Mundschutz verzichtend: „Das nennt man am falschen Ende sparen.“

Die launige Note, die Koch seinem Desaster gibt, steigert die Peinlichkeit im Kuppelsaal des Kommunikationsmuseums. Die blaue Kuppel evoziert das Bild einer auf den Kopf gestellten Lagune. Vor allem und zuerst fiel Hilfsboxer Koch seine Schlaghemmung auf. Regina Halmich wird dazu befragt, eine zierliche Person von leicht mondäner Erscheinung. Der Killerinstinkt schläft unter Make-up.

„Ich kenne keine Schlaghemmung“, entgegnet Halmich ungerührt. Sie schließt die Hände, die Linke geht vor wie im Traum. Halmich identifiziert das sofort als unkontrollierte Bewegung. Sie korrigiert sich Richtung Unauffälligkeit. Sie vermeidet jede martialische Anmutung. Als wollte sie alle vergessen machen, was in ihr steckt – eine Prinzessin im Sonnenstaat telegener Undeutlichkeit. Im badischen Singsang der Karlsruher Heimat berichtet sie amüsiert von ihrem ersten Trainer: „Das war ein Kommandant.“

Sie ist auch gern im Stadion. Koch fährt fort, vergeblich versuchte er den Fan in sich zu kultivieren. Er nennt sich einen Fußballfakten-Legastheniker. Zur Sprache kommt die Differenz zwischen „abspielen“ und „abspülen“. Als Zuschauer stellt Koch fest: „Das einzige, was ich ohne Erklärung kapieren würde, wäre ein Tor.“ Ich finde, das kann man auch für sich behalten.
Jamal Tuschick - 27. November 2013
ID 7402

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