Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Lesung

Gisèle Pelicot

las in München





Sobald Gisèle Pelicot auf die Bühne des Münchner Residenztheaters tritt, erheben sich die vielen Menschen und klatschen. Stehende Ovationen schon zu Beginn dieses denkwürdigen Abends. Die zarte Frau im dunklen Hosenanzug, weißer Bluse, rötlichen Pagenschnitt kann erst am Ende des Abends entspannt und gerührt lächeln. Bei manchen vorgetragenen Textpassagen stehen ihr immer noch Tränen in den Augen.

Die Zuschauer und noch mehr Zuschauerinnen kennen die Geschichte dieser Frau. Der Mann, mit dem sie 50 Jahre verheiratet war, hatte sie jahrelang betäubt, vergewaltigt und andere Männer dazu eingeladen, es ihm gleich zu tun.

Mehr durch einen Zufall ist dieses monströse Verbrechen ans Tageslicht gekommen. Dominique Pelicot wurde im Kaufhaus dabei ertappt, wie er Frauen auf der Rolltreppe unter den Rock filmte. Natürlich eine Straftat, ein Grund für eine Anzeige, aber kein Grund ihn festzunehmen. Doch sein Handy und sein Laptop wurden beschlagnahmt. Darauf waren hunderte von Bildern, die den Missbrauch an seiner Frau zeigten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis alles ausgewertet würde. Kurze Zeit später wurde das Ehepaar Pelicot ins Kommissariat einbestellt. Gisèle Pelicot versicherte ihrem Mann noch, dass sie zu ihm stehen werde. Natürlich war das schlimm, was er getan hatte, Frauen unter den Rock zu filmen, aber ihre Beziehung würde doch so eine Dummheit überstehen.

Im Münchner Residenztheater hat die Schauspielerin Caroline Peters die deutsche Übersetzung von Eine Hymne an das Leben gelesen:

Kommissar Perret befragt Gisèle Pelicot allein:


„Ich zeige Ihnen jetzt Fotos und Videos, die Ihnen nicht gefallen werden. In seiner Stimme klang jetzt nicht so sehr Befangenheit an, sondern eine seltsame Mischung aus Bedrohung und Beschützerhaltung. Er teilte mir mit, dass sie Dominique gerade wegen besonders schwerer Vergewaltigung und Verwendung schädlicher Substanzen in Polizeigewahrsam genommen hatten. Da habe ich wohl geweint. Er zog ein Foto hervor, reichte es mir…“

„Der Kommissar nannte eine Zahl: Dreiundfünfzig Männer seinen zu uns nach Hause gekommen, um mich zu vergewaltigen. Ich bat um Wasser. Mein Mund war wie gelähmt. Eine Psychologin gesellte sich zu uns. Eine junge Frau. Ich brauche sie nicht. Ich bin weit weg, selbst wenn wir uns im selben Raum befinden. Ich bin mir meines, unseres Glücks sicher. Bald fünfzig Jahre verheiratet, und die Erinnerung an unsere erste Begegnung noch ganz klar. Sein Lächeln. Sein scheuer Blick. Sein gelocktes, schulterlanges Haar. Sein Seemannspulli. Er würde mich lieben.
Mein Gehirn im Büro von Kommissar Perret erstarrt.“



Jahrelang hatte Dominique Pelicot seiner Frau starke Betäubungsmittel in Essen oder Getränke gemischt. Sie war stundenlang bewusstlos, während sie von fremden Männern, die ihr Ehemann über Online-Plattformen kontaktierte, vergewaltigt wurde. Von den starken Betäubungsmitteln hatte sie zunehmend große Aussetzer, auch tagsüber Bewusstseinsstörungen, einen Autounfall auf Grund der Nachwirkung der Medikamente. Sie war mehrmals beim Arzt, fürchtete einen Gehirntumor. Keiner kam auf die Idee, auf Drogenrückstände zu untersuchen.

Sicher war Gisèle Pelicot nur wenn sie bei ihren Kindern in Paris war, um auf die Enkelkinder aufzupassen. Sonst nutzte ihr Mann jede Gelegenheit, auch an ihrem Geburtstag oder wenn sie Sylvester mal allein waren. Als sein Laptop beschlagnahmt wurde, wusste er, seine Verhaftung würde bald erfolgen. In der noch verbleibenden Zeit betäubte er seine Frau ständig, um sie noch von möglichst vielen Männern vergewaltigen zu lassen.

All diese Schilderungen machen einen sprachlos. Im Theater atemlose Stille.

Die Moderatorin des Abends, Sandra Kegel (Ressortleiterin des Feuilletons der FAZ) fragte Gisele Pelicot, wie sie das Ganze überhaupt überlebt hat, körperlich und seelisch. Tatsächlich, berichtet die Autorin, hätte sie es nach Ansicht der Ärzte, nicht mehr lange überlebt. Die starken Betäubungsmittel und die körperlichen Verletzungen, die sie bei den Vergewaltigungen davongetragen hatte, hätten sie vernichtet.

Aber auch wenn sie es körperlich überlebte, wie sollte sie das bewältigen, was ihr diese Männer angetan hatten? „Es fühlte sich an, als ob ein Schnellzug über einen hinwegfährt“, sagte die Autorin. Wie könnte man da wieder aufstehen? Giséle Pelicot entschied sich für einen sehr mutigen Schritt. Sie wollte, dass der Prozess gegen ihren Mann und die anderen 50 Männer öffentlich stattfand. Eine verschlossene Tür zum Gerichtssaal würde den Männern nützen und nicht ihr.


„Niemand würde erfahren, was sie mir angetan hatten. Kein einziger Journalist wäre zugegen, um die Täter zu beschreiben und als Verbrecher zu benennen. Keine einzige unbeteiligte Person würde sie mustern und überlegen, woran man unter seinen Nachbarn und Kollegen Vergewaltiger erkennt, da es offenbar so einfach war, bei Bedarf welche zu finden. Vor allem könnte keine einzige Frau eintreten und im Saal Platz nehmen, um sich weniger allein zu fühlen. Ich war sicher nicht die Einzige, der das widerfahren war. Vor Gericht würden aber nur ich, meine Kinder und meine beiden Anwälte einer von fünfundvierzig Strafverteidigern flankierten Horde gegenüberstehen.“


„Die Scham muss die Seite wechseln“, erklärte Giséle Pelicot zu Beginn des Prozesses, der 2024 in Avignon stattfand. Dieser Satz wurde weltweit zitiert und damit änderte sich auch die Gesetzgebung zu sexualisierter Gewalt in Frankreich. Nur, wie Giséle Pelicot bei der Lesung sagte: „Es ist leichter die französische Rechtsprechung zu ändern als die Mentalität.“ Für viele Frauen wurde sie aber zur Ikone. Sie berichtet, dass vor dem Gerichtsgebäude zahlreiche Frauen sie begrüßten und unterstützten, sie hat hunderte von Briefen von Frauen bekommen, die ähnlich Schlimmes erlebten und denen sie Mut gemacht hatte, sich von ihren Männern zu trennen.

Bedrückend auch zu hören, dass es dem Mann von Gisèle Pelicot gelang, in einem Umkreis von nur fünfzig Kilometern Männer zu finden, die diese Verbrechen gemeinsam mit ihm begehen wollten. Nachdem man davon ausgehen kann, dass diese französischen Provinzdörfer kein Hort der Perversen sind, muss man annehmen, dass dies wohl überall der Fall sein könnte.

Gisèle Pelicots Buch ist in 22 Sprachen erschienen, sie wurde mit dem höchsten Orden Frankreichs ausgezeichnet und vor kurzem war sie bei der Queen eingeladen, die mit ihr ein längeres Gespräch geführt hatte. Sie sagte ihre Unterstützung zu, beim Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen. Das sollte auch im Königshaus ein Thema sein…

Eine Hymne an das Leben heißt Pelicots Buch, und man mag bei diesem Titel irritiert sein, da es von schrecklichen Verbrechen erzählt. Aber nicht nur. Es handelt auch von der Auferstehung nach einer Vernichtung, von der unglaublichen Resilienz einer starken Frau und ihrem Bekenntnis zum Leben. Und zur Liebe. Denn sie ist immer noch der Ansicht, dass es sie gibt und Frauen und Männer zusammenleben können. Der letzte Abschnitt, den zunächst die Autorin selbst und dann Caroline Peters in deutscher Übersetzung liest, entlässt die völlig faszinierte Zuhörerschaft mit Hoffnung:


„Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin. Dass ich an die Liebe glaube, an sie glauben muss. Ich habe sie von meinen Eltern erhalten, im Übermaß, wenn auch nur für kurze Zeit, und war lange der Meinung, sie könne alle und alles retten. Ich glaubte sogar, sie jederzeit weitergeben zu können.
Heute weiß ich, dass meine Liebe einem tiefen Riss in mir entspringt und dass sie mich verwundbar macht. Aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.“

Isabella Schmid – 27.Februaer 2026
ID 15727
Piper-Link zum Buch von Giséle Pelicot


Post an Isabella Schmid

Buchkritiken

Lesungen



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeige:


LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE
Reihe von Helga Fitzner



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)