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"Wahnsinn, reg

dich bloß

nicht auf."

Angela Merkel zieht Bilanz in Koblenz




Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Globus und einer Landkarte? Der Unterschied liege in der Mitte, so Angela Merkel. Denn bei einem Globus wird kein Land zum Nabel der Welt.

Mit einer Mischung aus nüchterner Analyse und persönlichen Einblicken präsentierte die 71-Jährige ihre Memoiren Freiheit in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz. Der Abend mit etwa 1.400 Besucherinnen und Besuchern war ausverkauft. Bereits vor Beginn konnte man den 736 Seiten zählenden Bestseller, den Merkel mit ihrer langjährigen engen Vertrauten und strategischen Beraterin Beate Baumann schrieb, käuflich erwerben. Hunderte Exemplare legte der Kiepenheuer & Witsch-Verlag zum Verkauf aus, die alle von der Alt-Bundeskanzlerin signiert waren.

Im Publikum überwog der Frauenanteil; viele Mütter waren mit ihren Töchtern angereist. Der Inhaber der Buchhandlung, Robert Duchstein, begrüßte das Publikum mit den Worten, dass es der Autorin in ihren Memoiren sowohl um ein Plädoyer für die individuelle wie auch die politische Freiheit gehe. Später saß Merkel alleine auf der Bühne und führte mit ausgewählten Buchausschnitten und Anekdoten auffallend nahbar und gelöst durch den Abend.

Während des Auftritts wurde schnell klar: Es geht nicht nur um große Politik. Die einstige Regierungschefin, die 16 Jahre lang die Geschicke Deutschlands lenkte, so lange wie keiner ihrer Vorgänger, öffnete sich ungewohnt persönlich. Besonders ihre Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR, die sie als glücklich, aber herausfordernd beschrieb, standen im Fokus. Die gebürtige Hamburgerin wuchs in direkter Nachbarschaft und im täglichen Umgang mit Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen auf, da ihr Elternhaus an eine kirchliche Behinderteneinrichtung angrenzte. Als Pfarrerstochter stand sie unter besonderer Beobachtung, was ihre Studienwünsche und ihre Zukunftsaussichten prägte.

Frei vorgetragene oder vorgelesene Passagen wirkten wie ein Versuch, die Wurzeln ihrer politischen Haltung – das Lavieren, das Abwägen – zu erklären. Merkel sprach über die Widersinnigkeit der DDR-Wirtschaft, mit der sie aufwuchs. Es sei ein „Leben auf Kante“ gewesen. Sie habe mit ihren Eltern und Geschwistern stets alles abgesprochen, weil sich Strafen der DDR oft auf die ganze Familie bezogen. Die ehemalige Bundeskanzlerin meinte, ihr habe der eigene versöhnliche Charakter geholfen, nicht zu verbittern oder abzustumpfen. Sie habe dann Physik studiert, da die DDR diese Naturwissenschaft nicht „ideologisch verbiegen“ konnte.

Sie gestand, dass das Verfassen des Buches eine gänzlich neue Erfahrung für sie war. Sie scherzte, dass sie außer ihrer Diplomarbeit nie zuvor mehr als 70 Seiten am Stück geschrieben habe. Als sie auf ihre Dissertation zu sprechen kam, meinte sie, sie hätte diese der Öffentlichkeit gerne zur Verfügung gestellt, wie verschiedene Journalisten einforderten. Sie verfasste ihre theoretische Forschungsarbeit in der Quantenchemie in der DDR-Akademie der Wissenschaften jedoch auf einer Schreibmaschine und habe keine Blaupause gemacht.

Im Dezember 1990 trat Merkel offiziell in die CDU ein. 1991 wurde sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. Helmut Kohl fragte die promovierte Physikerin bald: „Wie verstehst du dich mit Frauen?“ Genauso wie mit den Männern, habe Merkel laut Eigenaussage gemeint und sogleich von ihrer jüngeren Schwester und von Freundinnen erzählt. Auf Anraten von Parteikollegen habe sie sich vor offiziellen Zusammentreffen mit hochrangigen Unionspolitikern Kostüme gekauft, in denen sie sich „irgendwie ausstaffiert“ fühlte. Kohl besetzte sie 1991 als Bundesministerin für Frauen und Jugend. 1994 wurde sie dann Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Im April 2000 folgte Merkel dann Wolfgang Schäuble als Bundesvorsitzende der CDU nach. 2005 wurde sie als Kanzlerkandidatin der Union nominiert. Die Politikerin macht sich über Gerhard Schröder lustig, als dieser 2005 laut polternd für sich den Sieg erklärt. Sie dachte damals: „Wahnsinn, reg dich bloß nicht auf.“ Es sei ihr von der Bestuhlung im Bundestag in Erinnerung, dass die Lehne des Kanzlers oder der Kanzlerin stets etwas höher sei als die der anderen Plätze.

„Es war immer was los“, meint Merkel. Der Freiheit-Band zeigt eine Staatsfrau, die ihre Memoiren als Teil einer Auseinandersetzung mit den Herausforderungen ihrer Amtszeit – von der Finanz- über die Euro- bis zur Flüchtlingskrise – versteht. Die heute auf Bundesebene vom Bundesamt für Verfassungsschutz rechtskräftig als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestufte AfD gründete sich bereits als Reaktion auf die Eurokrise im Jahr 2013. Es sei ihr bewusst, dass ihre spätere Entscheidung für die Aufnahme von Flüchtlingen mit zu dieser Parteigründung beitrug. Sie habe „in der Sache redlich und im Ton maßvoll“ abgewogen und ihre Prinzipien befragt.

Die Weltpolitik stand später lange im Schatten der Pandemie, so Merkel. Diese sei ein Sargnagel für das sogenannte Minsk-Abkommen und brandgefährlich für die Ukraine gewesen. Undemokratische Regierungschefs hätten lange nicht direkt angesprochen werden können und nötige Kompromisse seien so nicht geschmiedet worden.

Als sie ihre Memoiren fertigstellte, sei der Ausgang der amerikanischen Wahlen 2024 noch gar nicht klar gewesen. Es wird deutlich, dass Merkel keine hohe Meinung vom amtierenden US-Präsidenten hat. Sie habe Donald Trump bereits in seiner ersten Amtszeit stets vor allem als taktierenden Immobilienunternehmer kennengelernt und nicht als Politiker, betont sie weiter.

Robert Duchstein verabschiedete sich nach etwa 90minütiger Veranstaltung von der einst mächtigsten Frau der Welt. Er schenkte ihr ein Bouquet mit regionalen Aufmerksamkeiten sowie vier Eier von eigenen Hühnern. Sie lachte und ergänzte, sie könne ihren Gatten, dem Quantenchemiker und Physiker Joachim Sauer, damit ja ein Omelett braten. Der Abend war eine schöne Gelegenheit, die „ewige Kanzlerin“ aus der Nähe zu erleben – eine Persönlichkeit, die nach acht männlichen Vorgängern deutsche Geschichte als erste Frau im Amt schrieb. Man könnte am Werk mangelnde Selbstkritik bemängeln, andererseits ordnet sie die damaligen Geschehnisse auf besonnene Art ein, insbesondere die Ereignisse in der Flüchtlingspolitik 2015. Die Lesung zeigte eine Kanzlerin a.D., die ihre Zeit im Zentrum der Macht reflektiert, und macht deutlich: Angela Merkel hat ihre Zeit in der aktiven Politik hinter sich gelassen, ist aber weiterhin eine prägende Stimme der Zeitgeschichte.



Robert Duchstein mit Altkanzlerin Angela Merkel nach ihrer Lesung in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz am 11. Mai 2026 | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 16. Mai 2026
ID 15858
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