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Lesung

Die Sprache

ist auch

ein Bauwerk



Ursula Krechel während ihrer Lesung am 9. Februar 2026 im Haus der Bildung Bonn | Foto © Ansgar Skoda


Was ist wirklich? Was vermittelt uns etwas aus welchem Grund? Welches erzählende Ich spricht eigentlich, wenn wir ein literarisches Werk lesen? Und zu wem spricht es überhaupt? Erscheint mir dieses Ich authentisch?

Ursula Krechel las am 9. Februar im Haus der Bildung in Bonn. Ihr wurde 2025 für ihr Gesamtwerk der Georg Büchner-Preis zuerkannt, der als renommiertester Literaturpreis im deutschen Sprachraum gilt. Die Lesung, veranstaltet vom Literaturhaus Bonn, stand demgemäß unter dem Motto „Ausgezeichnet“. Die Moderation übernahm Georg Gansen, selbst Beisitzer des Vereins des Bonner Literaturhaues. Er bemerkte anerkennend, es lohne sich, den Roman Sehr geehrte Frau Ministerin sogar zweimal zu lesen. So würde es im Roman einen Ich-Wechsel der Erzählinstanzen geben, was von großer literarischer Kunst zeuge. Die aus zusammengesetzten Märchen bestehenden Einleitungen in das Geschehen bewertet Gansen als surreal. Die Autorin selbst sieht in den märchenhaften Einwürfen eher einen weiterführenden Resonanzraum.

Der Jurist Gansen merkt an, dass es in Sehr geehrte Frau Ministerin Anspielungen an Georg Büchner gebe, etwa wenn ein Herr Franz W. erwähnt werde. Er vergleicht Krechel eingangs mit Büchner und stellt heraus, dass beide politisch engagierte Werke schrieben, die sich dem Schicksal auch politisch Unterdrückter widmeten. Büchner wurde wegen umstürzlerischer Flugblätter strafrechtlich verfolgt. Krechel verstieß einst gegen das Pressegesetz, indem sie eine politisch engagierte Publikation veröffentlichte, sich jedoch als Luise Büchner (!) ausgab. Die Publikation enthielt jedoch Krechels eigene persönliche Anschrift. Ihr kleiner Verstoß wurde durch einen Rechtsanwalt wieder geradegebogen. Ihre Dankesrede beim Erhalt des Georg Büchner-Preises widmete sie ebenjener Luise Büchner (1821-1877), der acht Jahre jüngeren Schwester Georg Büchners, einer politischen Mitdenkerin mit eigenen schriftstellerischen Ambitionen.

Krechels Sehr geehrte Frau Ministerin befasst sich mit einer Radikalisierung in unserer Gesellschaft. Die gebürtige Triererin taucht in Niederungen und Verhärtungen unserer Zeit ein, wenn etwa nebenbei lakonisch von den „sozialen und asozialen Medien“ die Rede ist. Die heute 78-Jährige liest einen längeren Abschnitt aus ihrem Roman vor, in dem die Bauernproteste in Deutschland reflektiert werden. Protestzüge begleiteten Besuche des damaligen Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir. Anfang 2024 wurde er von Landwirten massiv angefeindet, ausgepfiffen und mit Buhrufen empfangen, etwa bei einem Auftritt in Baden-Württemberg. Özdemir warnte im Zuge dieser Proteste vor einer Vergiftung des öffentlichen Klimas.

Krechel betont, dass es in ihrem Werk unterschiedliche Ebenen gebe und auch Gewalt gegen Frauen thematisiert werde. Gansen meint, es sei ein großer Schritt nach einem reichhaltigen Œuvre, das die Verheerungen der Vergangenheit thematisierte, nun aus dem rauen Sound der Gegenwart zu schöpfen. Die heute in Berlin lebende Autorin antwortet, sie habe nach dem Überfall auf die Ukraine über dramatisch böse Herrscher nachdenken wollen. Von Nero als historischen Fluchtpunkt komme sie dann in Sehr geehrte Frau Ministerin in die Gegenwart.

Bezüge zur römischen Kaiserzeit durchziehen den Roman. In einer Art Vexierspiel erzählt die Schriftstellerin auch über Geschichtsschreiber am römischen Kaiserhof. Tacitus, Cassius Dio und Sueton betrachten aus unterschiedlichen Blickwinkeln dekadente und gewalttätige Wesenszüge der Herrschenden. Auch die innige Bindung zwischen Nero und seiner Mutter, der Kölner Kaiserin Agrippina, wird hier aufgegriffen. Krechel schafft den historischen Blickwinkel über die Erzählebene der Lateinlehrerin Silke Aschauer, welche sich in der Jetztzeit den Annalen des Tacitus und der Antike widmet.

Die Autorin führt während ihrer Lesung aus, dass sie Tacitus als großen Melancholiker betrachte. Seine Schriften mit meist langen Sätzen seien im Original schwer zu lesen und zu übersetzen. Über ihre Lektüre des Tacitus habe Krechel gelernt, dass Sprache eben auch gebaut sei und nicht nur Handwerk, sondern auch Bauwerk sei. Tacitus sah seinerzeit das Demokratische gefährdet und sehnte sich nach besseren Zeiten der Republik, das passe gut in unsere Gegenwart.

Eine zentrale Figur in Sehr geehrte Frau Ministerin ist die Kräuterverkäuferin Eva Patarak, die mit ihrem erwachsenen Sohn Philipp in Essen lebt. Anhand von Eva und Philipp wird die schwierige Beziehung zwischen Agrippina und Nero auf historischer Ebene gespiegelt. Krechel meint im Gespräch mit Gansen über die Figur der Eva, dass sie früh gemerkt habe, dass sie ein empathieloser Mann, der zum Gewalttäter wird, nicht über einen gesamten Roman fesseln könnte. Eva, die sich in der Konstellation zu Hause gefangen fühlt, nimmt es als Gewaltakt wahr, dass ihr Sohn nicht mit ihr spricht. Um Abstand zu gewinnen, fährt sie zu Orten, an denen sie fliegende Kraniche am Himmel beobachten kann – ein Bild der Freiheit.

Krechel ist bekannt für ihre historisch recherchierte Exil-Trilogie, bestehend aus den Romanen Shanghai fern von wo (2008), Landgericht (2012) und Geisterbahn (2018). Landgericht wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und 2017 von Matthias Glasner für einen ZDF-Zweiteiler mit Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek in den Hauptrollen verfilmt. Nach dem Landgericht aus ihrem wohl bekanntesten Roman spielt Sehr geehrte Frau Ministerin wenigstens zeitweise im Justizministerium.

Gansen, selbst Jurist mit einer eigenen Anwaltskanzlei, lobt Krechels Beschreibungen der titelgebenden Ministerin als im Detail plastisch. Krechel behandle ihre Figuren mit Höflichkeit und Eleganz, so Gansen. Er fragt die Autorin, wie sie für ihren Roman recherchiert habe. Sie meint, sie habe Texte des Bundestages gelesen, sei dem Justizministerium auf Instagram gefolgt und habe an einem Tag der offenen Tür in der Behörde gleich an zwei Führungen teilgenommen, um sich Details besser merken zu können. Es sei ihr für ihre Werke stets wichtig, Vor-Ort-Eindrücke ihrer Schauplätze zu sammeln. In ihrem Roman erwägen zentrale Charaktere, an die Ministerin zu schreiben. Die Protagonistin Silke Aschauer beschreibt in einem Buchprojekt eine reale Person. Dies führt zum Konflikt zwischen der Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrechten.

Bekannte juristische Konflikte zu diesem Thema seien bis heute nicht gelöst, so der Jurist Gansen. Krechel meint, dass sie als Literatin real existierende Personen in Exzerpten auch für ihre Prosa ändern würde, um sich keine einstweilige Verfügung einzuhandeln. So spiegele und verändere sie Realitäten und nehme Bälle trotzdem oftmals wieder auf. Gansen lobt ihre Bild-im-Bild-Allegorien im Roman, wenn in Gemäldebeschreibungen plötzlich neue Bilder auftauchen. Solche Einfälle kämen ihr mitunter, wenn sie ästhetisch über Narrative nachdenke, so Krechel.

Vom subtilen Witz zeuge in Sehr geehrte Frau Ministerin auch, wenn eine Täterin darüber berichte, wie ihr das Opfer das Handwerk legen könnte, meint Gansen. Krechel lächelt verschmitzt; sie scherze gerne mit ihren Lesern, um ihnen auch schon einmal den realen Boden unter den Füßen wegzuziehen. Sie kommt auf den Roman Sizilianer des Gefühls (1993) zu sprechen, in dem es um emotionale Befindlichkeiten dreier Männerfiguren geht, während Sehr geehrte Frau Ministerin in gewissermaßen ähnlichen Innensichten drei Frauenfiguren ins Zentrum stelle. Sizilianer des Gefühls werde 2027 neu aufgelegt, freut sich die Autorin.

Gegen Ende erwähnt Gansen Krechels Essay Vom Herzasthma des Exils, der gleichfalls 2025 erschien. Hier betrachtet Krechel sowohl Flüchtlinge hierzulande als auch deutsche Exilanten und stellt beide Perspektiven einander gegenüber. Auch als Mitglied im PEN Berlin begreife sie sich als politisch, meint die zeitgeschichtliche Erzählerin, die mit der inhaltlichen Ausrichtung ihrer Werke auch eine Erinnerungskultur vertritt. Sie wolle in aktuell durchaus finsteren Zeiten um Trost werben, eine Hellhörigkeit für Tonarten schaffen, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft spiegeln und mit eigener Handschrift für einen neuen Hallraum werben, so die vielfach preisgekrönte Literatin.
Ansgar Skoda - 13. Februar 2026
ID 15692
Klett-Cotta-Link zu Sehr geehrte Frau Ministerin


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