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Lesung

Wasserleichenpoesie

Lars Eidinger performte Brechts HAUSPOSTILLE
in der Oper Bonn

Bewertung:    



Im Bühnenzentrum steht eine neonfarbene Greenscreen-Hintergrundwand, die beim Film für Spezialeffekte verwendet wird. Sie bestimmt das eher minimalistische und funktional gehaltene Bühnenbild. Davor sind Instrumente, wie ein Klavier und ein Harmonium, aufgebahrt. Im intimen Setting taxiert Lars Eidinger kühl mit regloser Miene sein Publikum. Er trägt kontrastreich vor der giftgrünen Wand einen etwas zu großen, schlichten, grauen Anzug, als hätte Brechts Gaunerkönig Jonathan Jeremiah Peachum ihn persönlich eingekleidet, um die Herzen der Menschen zu rühren. Durch seinen konzentrierten Textvortrag verdichtet und strapaziert Eidinger eine morbide Stimmung mit aufgeladenen und befremdlich-verstörenden Bildern von Verwesung und giftigen Ausdünstungen. Es geht mit einem boshaften Touch und leiser Radikalität ans Eingemachte.

Bertolt Brecht schrieb seine Lyriksammlung Die Hauspostille (1927) parodistisch als „Andachtsbuch“ für kirchenferne, moderne Menschen. Brecht kritisiert hier bürgerliche Moralvorstellungen und kirchlich-religiöse Erbauungslyrik. Im Zentrum der Verse stehen eine Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlichen Schicksalen und die unaufhaltsame Verwesung.

Das Gesagte ist durchzogen von dem Wissen um Vergänglichkeit. Es wird mitunter zum Spiegel innerer Zustände. In der Schwebe kompromissloser und ungnädiger Worte geht es um die Ambiguität menschlichen Strebens, eine existenzielle Müdigkeit, eine Unbehaustheit der Menschen und eine klamme Stimmung zwischen Leben und Tod. Im lakonischen Tonfall spricht Eidinger von Nöten im harten Leben entwurzelter Menschen. Brechts Gedichte handeln oft von Mördern und Ausgestoßenen am Rande der Gesellschaft. Lebensnah geht es um das Rauchen, Trinken und um körperliche Bedürfnisse („man raucht und geht kacken“).

Lars Eidinger setzte sich früh mit Brecht auseinander. In der Oberschule trat er mit Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui auf. Er bezeichnete den Dramatiker in verschiedenen Interviews als großes Vorbild und identifiziert sich mit dem widersprüchlichen Werk des Autors.


Im „Quatsch keine Oper“-Programm in der Oper Bonn erwähnt Eidinger Brechts Ehefrau Helene Weigel, nicht aber dessen zahlreiche enge Mitarbeiterinnen, von denen heute Elisabeth Hauptmann die wohl bekannteste ist. Eidinger spielte Bertolt Brecht in Joachim Langs Film Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm, welcher Brechts Vision für eine radikale Verfilmung der Dreigroschenoper und seinen Konflikt mit der kommerziellen Filmindustrie thematisierte. Er rezitiert Brechts Gedichtsammlung mit Punk-Gestus. Wenn Eidinger Brechts Lieder wie den „Choral vom Baal“ oder die „Ballade von den Abenteurern“ performt, folgt er leicht exzentrisch nur bedingt klassischen Vertonungen.

Das Publikum wird mit eindringlichen und melancholischen Gruselbildern von Zerrissenheit und einer Tristesse letzter Atemzüge konfrontiert. In übergriffigen, sinistren, mit grell-vordergründigen Effekten versetzten Versen gibt es keine hoffnungsvolle Perspektive, dafür jedoch auch keine Angst vor Tabus. Mit Blicken, Gesten und Schweigen leuchtet Eidinger eine mögliche Befürwortung von Egoismen und Gewalt voller Entschlossenheit aus. In Zeiten, in denen strafrechtlich verfolgte oder verurteilte Verbrecher wie Putin oder Trump die Nachrichten und das Weltgeschehen beherrschen, erscheint Gutsein oftmals naiv und dumm. Brechts Verse, die eine alltägliche Rohheit von Verbrechern aufzeigen, muten so wieder sehr zeitgemäß an.

Hans-Jörn Brandenburg begleitet Eidinger stimmungsvoll am Klavier, Spinett, Keyboard und Harmonium. In einem etwas albernen Moment bittet Eidinger Brandenburg ihm eine Wasserflasche zu öffnen, während dieser noch am Klavier spielt. Nur mit sichtlicher Mühe öffnet er sie dann doch selbst. Später hebt er sein Exemplar von Brecht Hauspostille, aus dem er mitunter vorträgt, lässig über seinen Kopf. Dann bricht er seinen Vortrag ab, da er den Text vergessen hat oder beim Gesang zu früh in die Kopfstimme ging. Der gebürtige Westberliner bedankt sich nun beim Publikum für das beflissene Zuhören.

Eidinger erzählt, dass er zuletzt zu Talkrunden über die Notwendigkeit einer Niedrigschwelligkeit in Film und Theater eingeladen wurde, die er gewissermaßen stets zu leugnen wünschte. Dem Bonner Publikum rät er: „Lassen Sie sich ruhig etwas zutrauen“. Als jemand etwas in den Opernsaal ruft, bittet Eidinger ihn, lauter zu sprechen. Er sei ja jetzt schon fünfzig und könne nicht mehr alle Zurufe so gut verstehen. Dieser Jemand mokiert sich passenderweise über das hohe Alter der Theaterbesucher im Opernsaal. Dies müsse an den hohen Ticketpreisen liegen, meint Eidinger. Doch, wie schon Helge Schneider gesagt habe, Kunst müsse teuer sein. Der Ausnahmekünstler erwähnt hier nebenbei, dass er im Anschluss an die etwa 70-minütige Performance noch Kataloge seiner Fotografieausstellung signiere. Eidingers Fotografien wurden unter dem Titel „O Mensch“ von August 2024 bis Januar 2025 in der K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf gezeigt. Der Katalog koste 40 Euro.

* *

Kernbestandteile des Brecht-Programms sind zentrale Balladen und Gedichte. Eidinger folgt der Kapitelstruktur der Hauspostille, wenn er Texte aus den „Bittgängen“, „Chroniken“, „Exerzitien“, und „Tagzeiten der Abgestorbenen“ rezitiert. Der mehrfach preisgekrönte Schauspieler erweitert sein Programm um Werke Brechts, die nicht zur Hauspostille gehören. So singt er auch das Lied der „Seeräuber-Jenny“ und die Ballade „Wovon lebt der Mensch?“ von Kurt Weill, beides aus Brechts Dreigroschenoper. Diese Songs handeln vom Überleben in einer amoralischen Welt.

Brecht hat sich seinerzeit nicht einfach nur gegen bestehende Missstände ausgesprochen, sondern er hat immer auch – vielleicht sogar vor allem - den Umgang der Menschen damit vorgeführt. Der einflussreiche deutsche Dramatiker baute sogenannte Verfremdungseffekte in seine Dramen ein, welche die Zuschauer bewusst irritieren sollten. Lars Eidinger inszeniert sich in seiner Show mit Hang zum Klamauk auch selbst. Der vielseitige Charakterdarsteller, der auch als Kultfigur gefeiert wird, erhält im ausverkauften Opernsaal Standing Ovations, als er am Ende Brechts versöhnliche Kinderhymne anstimmt. Nach sprichwörtlicher Dunkelheit und vielen nachtschwarzen Worten lässt Eidinger das Lied, das Brecht 1950 als demokratischen und friedlichen Gegenentwurf zur deutschen Nationalhymne konzipierte und im gleichen Jahr von Hanns Eisler vertont wurde, in einen Ausschnitt aus John Lennons nachdenklichem „Imagine“ übergehen. Der plakative kreative Stilbruch zu den Versen der Hauspostille deutet schlussendlich Widerstand gegen eine autoritäre Gesellschaftsordnung an.



Hans-Jörn Brandenburg (li.) und Lars Eidinger nach ihrem gemeinsamen Auftritt bei "Quatsch keine Oper" - in der Oper Bonn | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 18. Februar 2026
ID 15705
Weitere Infos siehe auch: https://quatschkeineoper.de/


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