Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Interview


Von Wortmetzen in Sprachkunst und Philosophie / Folge 6

Von Arnd Moritz


Karin Krautschick - Foto (C) Anja Grugel



Am 8. März 2011, kündigte KULTURA-EXTRA in Folge 3 »Von Wortmetzen in Sprachkunst und Philosophie« das Interview mit der in Folge 2 porträtierten Spoken Word Performerin Karin Krautschick zu einem späteren Zeitpunkt an. In diesem Monat wurde es möglich, die Berliner Künstlerin für ein Gespräch in ihrer Stammlocation, der Bar Gagarin, im Kiezherzen des Prenzlauer Berges zu treffen.


*



Du bezeichnest dich als Spoken Word Performerin. Was unterscheidet deine Kunst von der Slam Poetry?

Der Begriff stammt gar nicht von mir. Einmal so bezeichnet, kann ich mich aber gut damit identifizieren. Das gesprochene Wort wird von mir performt, insoweit stimmt das, ich habe selbst aber noch nie an einem dieser Wettbewerbe oder Battles teilgenommen - sollte ich vielleicht mal. Der Unterschied zwischen Spoken Word Poetry und Slam Poetry oder Poetry Slam ist ja der, dass es sich bei dem einen um eine Form von Befreiungsbewegung aus Afrika handelt und bei dem anderen um einen öffentlich ausgetragenen Literaturwettstreit, zwei sehr unterschiedliche Dinge, die oft in einen Topf geworfen werden.

Der Vergleich ist aber nicht abwegig, da es sich bei meinen Texten um stark rhythmisierte, durch Wiederholung und Variation geprägte handelt. Teilweise wurden diese auch vertont.


Sprache transportiert Inhalte. Wenn du Sprache sprachexperimentell durchbrichst, welche Inhalte willst du dann transportieren?

Neuerdings tendieren meine Texte in eine politische Richtung. Das war aber nicht von mir beabsichtigt. Titel wie "die deutschen" oder auch "meister aus deutschland" und "auschwits" lassen natürlich darauf schließen - erwarte aber hier kein politisches Bekenntnis. Eher ist es wohl so, dass die Themen mich gesucht haben. Was du in meinen Texten vorfindest, ist ein eher assoziatives Wortkarussell, ein Wort-und Denk-Laboratorium, in dem Wort-Ketten ausprobiert werden in bezug auf Sinnhaltigkeit. Die Sprachspielerin in mir beobachtet dann, was geschieht. Wenn ich im Prozess des Anagrammierens ein Wort auseinandernehme, verändern sich sowohl das Wort als auch der Inhalt. In diesen eher prozessorientierten Texten lassen sich Richtung und Inhalte nicht immer vorhersagen.


Du hast dein Buch »Die Deutschen« in deiner Word-Performance vorgestellt. KULTURA‑EXTRA berichtete darüber. Welche Kernaussage machst du darin?

Wie wärs mit "die deutschen sind die deutschen sind die deutschen ...", um Bezug auf ein Wortspiel einer meiner Favoritinnen, Gertrude Stein, zu nehmen. Mein Fokus gilt eher der Redundanz und dem Tanzen um den oder einen Inhalt herum und wie schon bei Gertrude Stein: dem Entfalten einer automatischen Schreibweise. Das Textmaterial organisiert sich erstmal selbst. Im Unterschied zu den Surrealisten mit deren Version der automatischen Schreibweise ist bei mir der innere Zensor aber dann mit am Werke. Im Nachwort zu "die deutschen" steht geschrieben: "Ein Umwürfeln mit Methode: Aus prägnanten Buchstabenketten werden immer neue Wortformationen hervorgestrudelt & neue Sinnkombinationen entstehen. Brachial & verspielt zugleich, wird der Inhalt wie aus einem undurchsichtigen massigen Textblock geschält. Die Künstlerin selbst nennt das eigens erfundene Text-Generierungs-Verfahren 'anagrammatische montage'." Es gibt also in dem Sinne keine Kernaussage, um auf deine Frage zurück zu kommen, sondern eher anagrammatisch gewonnene und assoziativ gemeinte Aussagen um eine Kernaussage, nämlich "die deutschen", herum.

Darüberhinaus war es mehr als reizvoll, mich diesem Thema rein sprachexperimentell zu nähern. Was passiert, wenn das Wortkarussell aus 9 verschiedenen Buchstaben, aus denen die Wortfolge "DIE DEUTSCHEN" besteht, angeworfen wird? Für mich eine literarische Herausforderung und die Möglichkeit, über stereotype Betrachtungsweisen hinaus zu gehen. Auch lässt sich durch dieses sprachspielerische Verfahren eine Lockerheit im Umgang mit einem doch recht heißen Eisen verbuchen. Es ist das Spiel mit dem Grotesken, mit dem sich der idealistische Anspruch dieses Leitbildes gut abarbeiten lässt.


Es drängt sich die Vermutung auf, dass deine Art, Sprache zu durchbrechen, politisch mitmotiviert zu sein scheint. Was trachtest du durch Sprache zu verändern?

Die Welt natürlich. Und ich will, dass die Menschen besser werden durch meine Texte, wirklich.


Eines deiner Themen, wenn nicht gar DAS Thema überhaupt, scheint der dunkelste Part deutscher Geschichte zu sein. Was ist durch die Wissenschaft nicht deutlich durchleuchtet worden, dass du es zu DEINEM Thema machst?

Findest du, dass die Wissenschaft die Dinge deutlich durchleuchtet, wie du sagst? Es stimmt, ich mache "ES" zu MEINEM Thema, das Unbewusste lässt grüßen, ein Fundus von immenser Kraft und Totalität. Mir ist klar geworden, dass Sprache in fast allen Bereichen manipulativ eingesetzt wird. Klemperers "LTI" zeigte, dass die inzwischen systemisch gewordene Manipulation sich durch die gesamte Sprachgemeinschaft zieht und wir uns dieser meist nicht mehr bewusst sind. Gegen unreflektierten Sprachgebrauch möchte ich das Wort wieder mit Inhalt füllen und wage mich dabei auch in Nonsens-Bereiche vor, um selbstredend über dunkle und tabuisierte Themen berichten zu können. Da wird es doch erst richtig spannend. Weil sie auch irrationale Bereiche nicht ausspart, geht für mich Poesie über die Wissenschaft hinaus.


Wenn man auf deine Internetseite geht, wird man von einem Esel getreten, dem 8-Zeilen-Esel. Es handelt sich um eine sprachexperimentelle Videosequenz. Willst du sie weiterhin durch sich selbst sprechen lassen oder möchtest du weitere 8 Zeilen zur Erhellung des Verständnisses finden?

Das wären dann also 16 Zeilen! Welcher Esel hält das aus?!


Kannst du dir vorstellen, einen experimentellen Roman zu schreiben?

Mir liegt die Romanform nicht. Für meine performative Kunst ist diese auch gar nicht geeignet. Ich mag die knackig‑pointierten inspirativen Momentaufnahmen in der Sprache. Liegt in der Kürze nicht die Würze? Ich liebe Bündigkeit und dass man mit Wenigem Vieles ausdrücken kann, hat mich immer fasziniert. Mit Knappheit einen totalen Effekt zu haben, finde ich zeitgemäß. Es passt zu unserem Zeitgeist der Schnelllebigkeit und Verknappung auf allen Ebenen.


Und damit doch wohl auch zur sprachlichen Veroberflächlichung durch Inhalts- und Bedeutungs-Entzug, der du durch deine Kunst eher entgegenzutreten als dich anzudienen trachtest. Lebst du oder löst du diesen Widerspruch?

Ich lebe ihn natürlich. Oder er mich?! Auf jeden Fall wird er zum schöpferischen Moment. Oberfläche oder Tiefe, wer entscheidet das? "Gut ist's, wenn's mir taugt", so der Ausspruch eines Autoren-Freundes, da kann ich gut mitgehen.


In deinen Performances trittst du mit wechselnden Künstlern auf. Hast du einen Wunschkünstler, mit dem du am liebsten aufträtest?

Alle meine Leittiere sind tot. Gertrude Stein, Unica Zürn, Reinhard Priessnitz, Ernst Jandl, Oskar Pastior. Insofern erübrigt sich die Frage nach den Auftritten mit einem / einer von ihnen.


Du bewegst dich dadanah. Gibt es Gemeinsamkeiten?

Bestimmt. Der Dadaismus war mir immer gründlichst sympathisch und hat mir auch als Inspirationsquelle gedient. Das Subversive, Antibürgerliche, Antiintellektuelle - die Suche nach neuen Wegen in der Kunst war für mich richtungsweisend. Die Tendenz der Dadaisten, Sprache als Material zu sehen, habe ich konsequent übernommen. Für mich aber stellt sich die Sinnfrage, jenseits aller Dada-Nonsens-Pose, in jedem meiner Texte immer neu. Auch wenn der Dadaismus Antikunst sein wollte, bewegen sich seine Inhalte auch nur wieder innerhalb eines bestimmten Definitionsrahmens. Nonsens zieht immer eine bestimmte Regelhaftigkeit nach sich. Mit dieser Sinnfrage beschäftigen sich meine Texte im Besonderen. Ausgehend von dem schmaler Grat zwischen Sinn und Unsinn, auf dem ich mich bewege, wird dann von mir geguckt, was da sprachlich so passiert. Mit meiner Anagramm-Montage gehe ich insofern über Dada hinaus, als ich keinen Dadaisten kenne, der das Anagrammschema so weit ausgereizt hat. Ich habe mich damit auf eine mir adäquate Form gestürzt, die mich zu guten und für mich brauchbaren Ergebnissen gelangen lässt.


Ergebnisse stehen am Ende von Prozessen. Man hat, wenn man dich in deinen Performances erlebt, den Eindruck, dass du deine Kunst so lebst, als wolltest du deine eigentliche Aussage durch Andeutung eines Anfangs neuer Intentionen begleiten lassen. Daher die abschließende Frage: bleibt es bei der Bestellung des Wortackers oder wirst du zu sprachlichen Räumen andere Felder der Kunst miteinbeziehen und hast du eine Vorstellung, wohin Kunst allgemein dich treiben wird?

Von Intentionen (sind es meine eigenen?) bin ich immer getrieben gewesen. Zu meiner sprachlichen Suche nach neuen Ausdrucksformen sind die nach klanglicher und neuerdings visueller Orientierung hinzu gekommen. Mit verschiedenen Musikern habe ich in der Vergangenheit kooperiert. Korrespondenzen zwischen Sprach- und Klangkunst und deren Herausarbeitung am jeweiligen Text findest du bei den vor größerem Publikum aufgeführten Werken: "Gertrude Stein", "Die Deutschen", "Dichte Dichterin" und "MAD" (Meister aus Deutschland).



Karin Krautschick - Foto (C) Mareen Joachim


Seit letztem Jahr beschäftige ich mich intensiv mit Visualisierungen (nicht nur der Sprache) und entscheide, in welcher Form ich diese in die Performance einbringen kann. Abstrakte Visuals, zum Teil mit eingearbeiteten sprachlichen Versatzstücken, werden bei passender Gelegenheit gezeigt. Verschiedene Auftritte hatte ich mit dem Noise-Musiker Trozmonoid (Kunstmesse Bagl). Seit kurzem gibt es Konzertauftritte mit der Berliner Band "me to my wall", die ich visuell begleite. Du siehst, es gibt kein Konzept für meine Art von Kunst. Es ist mir daran gelegen, diese immer wieder nach allen Seiten möglichst offen und durchlässig zu halten. Sich von sich selbst überraschen lassen, ist das für mich gültige Konzept. Das einzig Beständige ist der Wandel.


KULTURA-EXTRA dankt dir für das Interview und wünscht dir viele weitere Erfolge. Danke!


Arnd Moritz, 12. Mai 2012
ID 00000005943

Weitere Infos siehe auch: http://www.krautschick.de





  Anzeige:




LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

INTERVIEWS

KULTURSPAZIERGANG

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]
Schreiben gegen den Weltuntergang 2012

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren und Verlage

PROMOTION

UNSERE NEUE GESCHICHTE

WORTMETZEN...
Reihe von Arnd Moritz



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de