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Portrait


Die vielfältigen Wurzeln der maghrebinischen Kultur literarisch vereinen - auf dem Trauerzug des Lebens entdeckt Yassin Adnan die Magie des dichterischen Wortes



Yassin Adnan, Daftar al-aaber (Notizen eines Durchreisenden) - Buchcover (C) Toubkal Verlag 2012



Obwohl bereits im maurischen Mittelalter vom westlichen Mittelmeerraum großartige Poesie wie eine Fontäne aus dem Wüstenboden hervorgedrungen ist, deren Tropfen bis weit in den Okzident hineingesprudelt sind, hat man der maghrebinischen Literatur im neuzeitlichen Europa nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet. Arabische Dichtung kannte man fast ausschließlich aus dem Nahen Osten und assoziierte sie stets mit bildhafter metaphorischer Sprache und einer Theatralik, die das westliche Bild des Orients schlechthin zeichnete. Von dieser stilistischen Tendenz hebt sich die Poesie des 1970 in der marokkanischen Hafenstadt Safi geborenen und in Marrakesch beheimateten Yassin Adnan entscheidend ab.

Adnans Anliegen besteht nicht primär darin, seine Leser mit lingualen Kabinettsstücken in irreale Sphären zu befördern, sondern die leidvolle Realität dieser Erde in seiner Literatur lebendig zum Ausdruck gelangen zu lassen. Dementsprechend sind seine beiden ersten Gedichtbände, der 2000 unter dem französischen Titel Mannequins und der 2003 als Rasif al-qiyama (Bürgersteig der Auferstehung) erschienene Band, von einer ausgesprochen einfachen, ins prosaische tendierenden Sprache geprägt. Die darin enthaltenen Langgedichte erwecken den Eindruck einer zusammenhängenden Geschichte und spiegeln eine pessimistische Einstellung zur Welt wieder.

Der Poet befindet sich auf dem „Trauerzug des Lebens“ und weiß offenbar nicht, wie dem „Guten Morgen der Kälte“ und dem „öden Geschwätz“, deren er sich „überdrüssig“ fühlt, zu entkommen ist. In einem späteren Gedichtband, 2007 unter dem Titel „La akad ara“ („Ich kann kaum sehen“) hat er sich jedoch mit dem Schmerz in dieser Welt arrangiert. Er sucht das Leiden zwar weiterhin nicht zu überspielen, sieht jedoch eine Verantwortung bei uns Menschen, der sich zu stellen gilt, „denn unsere Söhne sind unser Blut“.

Dieser Verantwortung gegenüber der Erde, worauf er sich bewegt, hat Adnan sich nicht nur als Gedichtsautor gestellt, sondern auch als Verfasser von zwei Kurzgeschichten, Man yussadiq al-rasa`il (2001) und Tuffah al-zill (2006). Zusammen mit dem Autor Sad Sarhan widmet er sich in einem 2007 veröffentlichten Text Marakish: asrar mulana (Marrakesch: angekündigte Geheimnisse) seiner Heimatstadt, wobei er Prosa, Lyrik, Betrachtung und Erzählung ebenso miteinander vereint wie Realität und Fiktion.

Mit Sarhan ist er bereits 1991 bei der Herausgabe der Zeitschrift Muassira (gegenwärtige Stimme) erstmals an die Öffentlichkeit getreten und brachte mit ihm und anderen marokkanischen Autoren einige Jahre später Al-Yarah al-sariya (Dichterischer Angriff) heraus. Weiterhin präsentierte er sich in den Literaturzeitschriften Aswat mu`asira und al-Ghara ad-shi`riyya als Mitherausgeber.

Über Marokko hinaus wurde Adnan nicht zuletzt durch seine Korrespondenz bei der libanesischen Zeitung Al-Akhbar, beim Magazin Dubai Al-Thaqafiya und als Redaktionsmitglied bei der libanesischen Kulturzeitschrift Zawaya bekannt. Im eigenen Land schätzt man ihn in erster Line als Moderator der wöchentlich im ersten marokkanischen Programm (TVM) erscheinenden Sendung Macharif.

Die 2007 und 2008 zur besten Kultursendung ausgewählte Macharif betrachtet Adnan als Gelegenheit, den verschiedensten Elementen der marokkanischen Kultur im literarischen Bereich Raum bieten zu können und somit die vielfältigen kulturellen Einflüsse des westlichen Maghreb zum Vorschein dringen zu lassen.

Der engen politischen, aber auch literarischen Verbindungen Marokkos zum europäischen Kontinent ist sich der praktizierende Englischlehrer dabei stets bewusst. Ihn interessieren die zahlreichen frankophonen Stilelemente und französisch schreibenden maghrebinischen Autoren. Er gräbt die iberischen Wurzeln aus, die sich ihm nicht nur an spanisch schreibenden Marokkanern bis in die Gegenwart zeigen, sondern auch immer noch an andalusisch-maurischen Stilmitteln, die demonstrieren, dass der Maghreb vor etwas mehr als 500 Jahren deutlich über die Straße von Gibraltar hinaus nach Norden reichte.

Seine Beziehung zum literarischen Erbe Europas bringt ihn aber nicht nur mit Frankreich, Spanien und England in Verbindung. Deutsche Literatur ist dem viel belesenen marokkanischen Schriftsteller ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt Papier. Auf dem internationalen Literaturfestival 2006 in Berlin konnte der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Nordafrikaner seinen Dialogpartnern demonstrieren, dass er sich als Kosmopolit auf beiden Seiten des Mittelmeers literarisch zu Hause fühlt.

Adnan ist jedoch ebenso marokkanischer Patriot und versucht den berberisch und im marokkanischen Dialekt schreibenden, „authentisch marokkanischen“ Autoren breitere Resonanz zu verleihen. Er liest und stellt marokkanisch-jüdische Literatur vor. Darüber hinaus lässt er in seinen Kultursendungen wie in seinen eigenen literarischen Werken nicht vergessen, dass er neben Pädagogik und englischer Literatur, Philosophie studiert hat.

Die Förderung und Ermutigung bislang noch wenig bekannter Schriftsteller, noch mehr als bisher aus sich herauszutreten und das bei ihnen vorhandene Talent im Dienste des humanen Fortschritts einzusetzen, ist Adnan ein Herzensanliegen. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Naqat Ali nutzte er die Zeit zwischen dem britischen Hay Festival und der Präsentation Beiruts als Welthauptstadt des Buches 2009, um in einem mit Beirut39 beschriebenen Projekt jungen Autoren aus der arabischen Welt ein breiteres Forum zu bieten und das weltweite Profil der arabischen Literatur insgesamt zu schärfen.

Wie sonst kaum ein marokkanischer Literat ist Adnan sich bewusst, dass Marokkos Kultur neben einer arabischen, berberischen, jüdischen und mediterranen auch von einer afrikanischen Säule getragen ist. Umso mehr schmerzt es ihn, dass die Dichtung - anders als die Musik in Form der Gnaouis - dieses afrikanische Erbe nicht zu pflegen versteht, wo die nach Nord- und Südamerika emigrierten und verschleppten Schwarzafrikaner ihre Traditionen doch sogar jenseits des Atlantiks – vermischt mit lateinisch-christlichen Elementen – haben aufrecht erhalten können. Für die meisten Schriftsteller gehöre Marokko hingegen offenbar nur geographisch zu Afrika.

Am Beispiel des Sudans versucht Adnan in seiner Sendung herauszustellen, dass auch die arabische Literatur Nordafrikas durchaus mit Stilelementen des übrigen Kontinents bereichert werden kann. Die zahlreichen schwarzafrikanischen Einwanderer halten für Adnan gerade in Marokko ein bedeutendes kulturelles und auch literarisches Potential bereit.

Die wichtigste Aufgabe der Literatur ist es jedoch, Brücken zwischen den verschiedenen Traditionen und Weltsichten zu schlagen und die Kommunikation miteinander zu beflügeln. Hierzu bieten die marokkanische Literatur und speziell die Werke Adnans mit der Vereinigung der verschiedensten Stilelemente, ohne den Blick für die Alltagsrealität aus dem Auge zu verlieren, ein reichhaltiges Angebot.

Seine vielfältigen Eindrücke und Kenntnisse von der europäischen Kultur und Literatur hat der, trotz seines immer noch zeitweise von einem Ton der Verzweiflung gegenüber den Geschehnissen unseres Globusses, allen Weltkulturen gegenüber aufgeschlossene marokkanische Poet in seiner jüngsten, in diesem Jahr beim Toubkal Verlag erschienen Gedichtsammlung, tituliert mit daftar al-aaber (Notizen eines Durchreisenden) seinen Lesern offenbart. Die Bezüge zur deutschen Literatur nehmen darin ebenso wie die anderen wesentlichen europäischen Kulturtraditionen einen bedeutenden Anteil ein. Lassen wir uns vom Wort des Poeten aus Nordwestafrika inspirieren und unsere eigenen Schätze dabei neu entdecken.


Mohammed Khallouk - 27. November 2012
ID 6401
Yassin Adnan - Daftar al-aaber (Notizen eines Durchreisenden)
Toubkal Verlag 2012

Weitere Infos siehe auch:


Post an Dr. Mohammed Khallouk



 

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