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Porträt


MOHAMMED BENNIS

Eine Kostprobe marokkanischer Lyrik mit Tiefgang dringt zu den Hungrigen im reizüberfluteten deutschen Literaturbetrieb


Mohammed Bennis - Foto: privat


Bennis' Gabe der Leere heilt die von lauten Klängen überfüllte Seele und öffnet das Herz für maghrebinische Sinnlichkeit

Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Poet des arabischen Sprachraums ist der 1948 im marokkanischen Fez geborene Dichter und Literaturwissenschaftler Mohammed Bennis bestrebt, eine Verbindung zwischen modernem „westlichem“ Freiheitsverständnis und arabo-islamischer Tradition in seiner Literatur zum Ausdruck gelangen zu lassen. Sein Bildungsweg erwies sich diesbezüglich als Glücksfall.

Die Traditionsverbundenheit seiner elterlichen Familie verlangte es, zuerst die Koranschule zu besuchen, bevor er im Alter von zehn Jahren - für heutige Verhältnisse ausgesprochen spät - in die noch in hohem Maße von der gerade überwundenen französischen Protektoratsherrschaft geprägte allgemeinbildende Schule geschickt wurde.

Dem im staatlichen Erziehungswesen des nun wieder souveränen Marokkos propagierten Freiheitsideal der französischen Aufklärungsphilosophen zeigte man sich im Hause Bennis jedoch keineswegs verschlossen, so dass dem seit dem Eintritt in die weiterführende Schule für Literatur und Philosophie begeisterten Sohn der Zugang zur Denk- und sprachlichen Ausdrucksweise Europas nicht versperrt wurde.

Ungeachtet dessen hielt der junge Bennis an der patriotischen Wertschätzung arabischsprachiger und speziell marokkanischer Literatur fest. Die Eigentümlichkeit der marokkanischen Dichtung stellte sogar die Thematik seiner 1972 fertig gestellten, vom großen marokkanischen Denker Abdelkebir Khatibi betreuten Examensarbeit in Arabistik an der literaturwissenschaftlichen Fakultät der Mohammed V. - Universität Rabat dar. Über Moderne Arabische Dichtung im Allgemeinen promovierte er schließlich 1988 an der gleichen Fakultät. Ihn beeindruckten sowohl die Sprachgewandtheit mittelalterlicher arabischer Poeten wie al-Mutanabi (915/17-965) als auch die Genialität neuzeitlicher arabischer Dichter wie Abu l-Qasim al-Shabbi (1909-1934).

Der zeitgenössischen arabischen Lyrik steht er insgesamt allerdings in hohem Maße kritisch gegenüber. Vor allem die vielfach beobachtete geistig-gedankliche Beschränkung durch politisch-ideologische Vorgaben versuchte er in seinen eigenen Werken stets zu vermeiden, wenngleich er durchaus ein politisch denkender Literat ist, der von 1974 bis zu ihrem Verbot 1984 in der Kulturrevue Attakafa El Jadida (die neue Kultur) als Mitherausgeber wirkte und von der Gründung 1996 bis 2003 die Präsidentschaft im Haus der marokkanischen Dichtung einnahm.

Ebenso wie die Variabilität marokkanisch-arabischer Dichtkunst beeindruckt ihn jedoch offenbar der Freiheitsbegriff der frankophonen Literatur und Philosophie. Die Wertschätzung für die Literatur des Okzidents veranlasst ihn sogar, bedeutende Werke französischer Autoren ins Arabische zu übersetzen, um die arabischen Literaturinteressierten an der literarischen Kreativität des Abendlandes teilhaben zu lassen. Die von ihm selbst mit betriebene, zugleich von europäischen wie amerikanischen Verlagen und Zeitschriften unterstützte Übersetzung seiner eigenen Werke in die westlichen Sprachen versteht er als Aufgabe, zum einen den Kulturdialog zwischen Abend- und Morgenland zu befeuern und zum anderen der von medialen Reizen erstarren zu scheinenden westlichen Konsumgesellschaft mit der „Leere“ seiner Worte, ausgehend von einerseits Abstraktion und andererseits realitätsgetreuer Beschreibung konkreter Sachverhalte, neues Leben einzuhauchen.

Indem er einen seiner am meisten gepriesenen Gedichtbände mit dem Titel Die Gabe der Leere versieht, wendet sich Bennis zugleich gegen eine Tendenz in der arabischen Lyrik, in die Worte zu viel Bedeutung hineinzusetzen, wodurch am Ende keine Bedeutung mehr erkennbar sei. Die Gabe der Leere wurde 1992 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und bereits ein Jahr nach Erscheinen mit dem Marokko-Buchpreis ausgezeichnet.




Buchcover Die Gabe der Leere von Mohammed Bennis (C) Hanser Verlag



Die eigenen Französischkenntnisse des Autors, mehr noch seine persönliche Beziehung zu Französisch schreibenden Autoren und französischen Verlagen führen dazu, dass fast alle zur Übersetzung freigegebenen Werke Bennis zuerst in den französischen Sprachraum hineingelangen. Traditionelle kulturelle Bindungen des Maghreb und speziell Marokkos zu Südeuropa erweisen sich ebenso als günstige Voraussetzung, um Übersetzungen ins Italienische, Spanische und Portugiesische zu ermöglichen, so dass Bennis im romanischen Sprachraum insgesamt ein bekannter und geschätzter Poet werden konnte, dessen Hang zum Körperlich-Sinnlichen von seinen Lesern im europäischen Kulturkreis stets Würdigung erfährt.

Die zwar durchaus abstrahierende, jedoch zugleich bedeutungsvolle Sprache erwies sich als günstige Voraussetzung, dass insbesondere der Gedichtband Die Gabe der Leere in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt werden konnte. Vor allem die italienische Fassung scheint die Literaturszene beeindruckt zu haben, so dass Bennis 2006 hierfür, wie bereits 1993 für das arabische Original, in Italien erneut einen Preis, den Calopezzeti Preis für Mediterrane Literatur erhielt.

Wohlgefallen an Bennis mit Worten und Inhalten gefüllter „Leere“ fand man aber offenbar nicht nur im mediterranen Raum, die Preise und Auszeichnungen haben auch nördlich der Alpen die Aufmerksamkeit erregt. Dank der Förderung durch ein Johann-Joachim-Christoph-Bode-Stipendium des Deutschen Übersetzungsfonds und des begleitenden Einsatzes von Stefan Weidner, dem Arabisten, Schriftsteller und Chefredakteur des Fikrun Wa Fann, ist Die Gabe der Leere mittlerweile auch dem deutschsprachigen Leser zugänglich. Die vorzügliche Übersetzung des Orientalisten Stephan Milich, welcher der deutschen Ausgabe zusätzlich ein erhellendes Nachwort angefügt hat, konnte im vergangenen Jahr beim Münchener Carl Hansa Verlag erscheinen.

Der Band besteht aus insgesamt 64 Gedichten von Bennis, gewöhnlich nicht länger als eine Buchseite, jedoch ebenso kurzweilig, welche die Empfindungen und Wahrnehmungen des maghrebinischen Poeten in die Herzen der an medialen Reizen und permanentem Neueindringen von Nachrichten erstarren zu scheinenden deutschen Konsumenten tragen. Bennis „Leere“, ausgedrückt mit Milichs lyrischem Sprachschatz nimmt uns die Last der Fülle des umtriebigen Alltags und lässt uns eindringen in eine Welt der bezaubernden Worte. Wir dürfen uns in Bennis Poesie nicht mehr nur als Funktionsträger fühlen, sondern als Menschen erleben, die ihren lebendigen Geist und ihren atmenden Körper in sich spüren.

Gerade die leisen Töne in Bennis Poesie verleihen ihr in einem Raum voller lauter Geräusche und Hektik Gewicht. Unser Herz darf sich hinreißen lassen von der wohlklingenden Melodie der dichterischen Sprache und damit der Gefühlswelt des Maghreb und darüber hinaus der Langsamkeit des Orients mit ihrer poetischen Tiefe die Tür öffnen.

Wir möchten nicht aufhören, den wenigen, aber vielsagenden Worten des Marokkaners zu lauschen. Lasst Die Gabe der Leere den Anfang sein in einem Fluss voller großartiger Dichtung, Prosa und Essays, und lasst das so reichhaltige und vielgestaltige Gesamtwerk des Meisters der poetischen Sprache aus den Oasen der marokkanischen Sahara in die Wüste des deutschen Wohnzimmers dringen. Nehmt die Gelegenheit wahr, mit Mohammed Bennis einen der bedeutendsten Poeten und Kulturboten des gegenwärtigen Marokkos seine vollständige Botschaft zu uns hinüberdringen zu lassen. Auf diese Weise kann der vielfach von politischen Motiven, aber ebenso aus fehlender Kenntnis verengte Blick des Okzidents auf die Arabische Welt für die freie Atemluft des Maghreb geöffnet werden.




Mohammed Bennis - Foto: privat


Mohammed Khallouk - 22. Januar 2013
ID 6501
Mohammed Bennis, Die Gabe der Leere
Ausgewählte Gedichte aus dem Arabischen von Stephan Milich

Fester Einband, 88 Seiten
14,90 € (D) / 21,90 sFR (CH) / 15,40 € (A)
Carl Hansa Verlag 2012
ISBN 978-3-446-23849-7


Weitere Infos siehe auch: http://www.hanser-literaturverlage.de


Post an Dr. Mohammed Khallouk



 

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