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Lesung


Transgenerationale Weitergabe

„Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ – Martin Miller im Berliner Aufbau-Haus über seine berühmte Mutter Alice


Martin Miller reicht im Aufbau-Haus Berlin gerade Jemandem sein handsigniertes Buch - Foto (C) Jamal Tuschick




Er ist massig und wirkt träge. Für Martin Miller geht es gerade darum, nicht nur Sohn einer berühmten Mutter zu sein. Obwohl er davon profitiert. Das Interesse an seiner Lesung aus Das wahre "Drama des begabten Kindes“ in Britta Gansebohms „Literarischem Salon“ sprengt die Erwartungen der Veranstalterin. Das Publikum sieht generell nach vom Fach aus. Es setzt sich zusammen (wie in einer Aula) aus den Jahrgängen, die in der Hochzeit der Revolte von den Hochschulen in die Gesamtschulen wechselten. Ein paar Entgleiste fallen auf, Durchgeknallte und Ausgebrannte mit post-hippie’skem Repertoire. Ihre engagierte Mimik.

*

Erziehung ist schädlich. Mit dieser Ansicht reüssierte Alice Miller in der antiautoritären Ära. Ihr Drama des begabten Kindes traf weltweit einen pädagogischen Nerv. Die Psychoanalytikerin beschrieb ein Dilemma: Das Kind versucht eigene Gefühle mit elterlichen Erwartungen zu synchronisieren. „Es versteht perfekt, was von ihm erwartet wird.“ Es unterdrückt seine Bedürfnisse, nimmt „irreale“ negative Bewertungen an und kriegt beizeiten Krebs oder Depressionen oder eine grandios-verdrehte Selbstwahrnehmung. Alice Miller forderte ein neues Verständnis für Kinder. Man müsse sich in sie hineindenken. Allerdings war sie als Mutter dazu selbst nicht in der Lage.

Das behauptet Martin Miller seit Jahren. Nun steht dieses Klischee von einer Differenz zwischen Theorie und Praxis in seinem Buch. Der Autor legt Wert darauf: „Ich bin nicht nur Sohn, sondern auch Therapeut.“

Er spricht über transgenerationelle Weitergabe von Traumata. Die Belastungen seiner als Jüdin im besetzten Polen verfolgten Mutter seien an ihn unbewusst weitergegeben worden. Seine Mutter habe über den Holocaust nicht gesprochen, da war sie: die berühmte Schweigemauer. Der Sohn akzeptierte das Tabu. Doch Alice Miller wusste nicht, warum sie das Kind in ihrer Kälte ablehnte. Dass sie Unerträgliches in ihrem Sohn deponierte und da mit Ablehnung bekämpfte – genau so wie sie es später bei anderen erkennen sollte. Ja, die besten Schneider tragen die schlechtesten Anzüge.

Martin Miller spricht über solche Projektionen absichtsvoll einfach: „Ich erlebte den seelischen Schmerz meiner Mutter wie im Blindflug. Es war nicht schön, der Sohn von Alice Miller zu sein.“

Das wird variiert: „Ich habe meine Mutter kaum gekannt.“ „Ich habe mich nicht gut mit meiner Mutter verstanden.“ Alice Miller hat sich vor drei Jahren umgebracht. Ein Grab wollte sie nicht, „aus Angst vor nazistischer Schändung“. Miller deutet die anonym gestreute Asche der Mutter als postmortalen Kontrollvorgang. So wollte sie sich über den Tod hinaus allen Verfolgern entziehen. Daraus folgt, dass sie eine Verfolgte geblieben ist, zumindest in der Wahrnehmung des Sohnes. Der arbeitet als „Couch“, er spricht versiert wie ein Kapitän auf Butterfahrt. Ich schreibe mit: „Grundsätzlich wurden „Holocaust-Kinder“ von ihren Eltern „sehr vereinnahmt“, in Prozessen der Umkehrung der Eltern-Kind-Relationen.

Miller redet über Konsequenzen „seelischer Selbstmorde“ für nachkommende Generationen – gezeugt und aufgezogen von Zombies. Auch seine Mutter habe „sich als junge Frau in Polen umbringen müssen, um weiterleben zu können“. Unter dem NS-Verfolgungsdruck verwandelte sie sich in eine nichtjüdische Polin. Die totale Selbstverleugnung nahm ihr viel Lebendigkeit: „Alles, was sie verraten konnte, musste abgespalten werden.“




Buchcover (C) Verlag Kreuz


Jamal Tuschick - 21. September 2013
ID 7171
Martin Miller, Das wahre "Drama des begabten Kindes
176 Seiten
17,99 €
Verlag Kreuz, 2013
ISBN 978-3-451-61168-1


Weitere Infos siehe auch: http://www.verlag-kreuz.de/buecher/details?k_tnr=61168


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