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Lesung

24. Oktober 2014 | Institut Francais Köln

Jean-Philippe Toussaint las aus seinem neuen Roman Nackt



Jean-Philippe Toussaint - Foto (C) Jo Balle

Jean-Philippe Toussaint betritt zögernd den Raum. Fast möchte man sagen, er wirkt scheu. Flinke Augen. Eine dünne, fast filigrane Stimme. Toussaint liest konzentriert, ohne Effekthascherei, keine bedeutungsschwere Akzentuierung. Ein Autor, dem an diesem Freitagabend im Kölner Institut français die Bescheidenheit ins Gesicht geschrieben ist. Und doch: Ein Text, jener neue Roman Nackt, der einen nahezu unmöglichen Anspruch an den Leser stellt. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil der Roman inspiriert ist, über dreißig Jahre später, vom komplizierten Wind der Dekonstruktion. Ein Text, der sich nicht entschlüsseln lässt und der seinen Leser immer wieder dazu aufruft, den toten Winkel der eigenen Lektüre zu entschlüsseln.

*

In diesem vierten Roman der Serie über Marie, die bisher, fälschlicherweise, wie der Autor an diesem Abend nicht ohne Häme bemerkt, als "Triologie" bezeichnet wurde, begegnen wir erneut jenem philosophierenden und fantasierenden Ich-Erzähler, dessen abstrakte cartesianische Perspektive als behäbig Abwartender und Kommentierender an das narrative Gestaltungsprinzip der Romane von Javier Marias erinnert. Wie immer passiert äußerlich betrachtet wenig: Spätsommer in Paris. Ein Mann erwartet den Anruf der Geliebten, Marie. Jene Marie, die seit Jahren seine große Liebe ist, aber auch, gleichermaßen, Anlass zu Zorn und qualvoller Streiterei. Sie wissen, trotz ihrer Liebe, sie können nicht miteinander leben. Aber eben, so etwas soll es ja geben, auch nicht ohneeinander.

Marie ruft an, jene Marie, die wie Petrarcas Laura mehr ist als nur eine Geliebte, jene avantgardistische Modeschöpferin, die es schafft, ein Kleid zu schneidern, ohne Stoff zu verwenden, auf der nackten honigbeschmierten Haut des Modells, wobei die olfaktorisch magnetisierten Bienen den Saum eines gedachten Kunstwerkes bilden - jene Marie, als sie anruft, eröffnet dem Erzähler, ihr Vater sei auf Elba gestorben, er möge sie begleiten, und das wird er ohne zu zögern auch tun: Dort wird er mit ihr Irritierendes erleben, auf jener Insel, einen Einbruch, Schüsse, eine brennende Schokoladenfabrik, doch nichts, wir müssen enttäuschen, wird zur Aufklärung gebracht, Toussaint interessiert sich nicht die Bohne um den Plot, wogegen nichts einzuwenden ist oder sagen wir, wogegen die Leser solcher Bücher nichts einzuwenden haben, denn noch wie vor gilt: Nichts ist enttäuschender als jede Auflösung.

Dieser Toussaint, ein nachmoderner Dichter, ist ein Meister der schmalen Form, der philosophischen Prosa, und doch ist er ungemein erfolgreich damit - in Frankreich, wo diese Art von Prosa mehr Gehör findet; unmöglich, solche Texte hierzulande zu vermarkten. Und doch ist Toussaint ein Meister des Erzählens, ein Erbe Prousts, nicht Hemingways, einer, der verstanden hat, dass das Erzählen nicht Handlungsintensität impliziert. Wie schon Cervantes weiß Toussaint, dass die hohe Kunst darin besteht, zum Nachdenken in und über existentielle Atmosphären anzuregen. Ein weites Feld. Eine Poetologie, wie sie der erwähnte Proust zu unübertroffener Meisterschaft führte.

Wenn sich Toussaint also nicht für Linearität interessieren mag, wie er an diesem Abend ausdrücklich betont, dann überrascht das nicht, denn seine Romane spielen mit den Koordinaten der Wahrnehmung eben wie des Denkens und Fühlens. Diese künstlerische, künstliche Herstellung von einem Hauch Realität, fasziniert ihn, so gibt er zu, und doch ist es mehr als nur ein Spiel und ein Zeitvertreib, denn es geht dabei um alles, es ist eine "Cosa mentale", wie Leonardo einst betonte, in der die Dis-Kontinuität der Bilder den Leser einlädt, neue Räume zu erforschen und damit einen Weg zu finden, etwas mit sich selbst zu tun. Der Weg dorthin: Das Bewusstsein zum Tanzen bringen, wie Nietzsche das wollte, ein ergötzlicher Tanz, ein freudiger, aber auch ein durchaus seriöser Tanz, der an jene heiligen Handlungen früher Kulturen gemahnt, die wir als Synonym des Jubels darüber begreifen, dass wir sind.

Der Belgier Jean-Philippe Toussaint ist nicht nur ein würdiger Nachfahre von Descartes und dessen Rätsel, das so leicht und doch so schwer zu verstehen ist. Er ist auch ein Erneuerer: Sofern ich etwas denke, sind es nicht die Inhalte meiner Gedanken, sondern die Tatsache, dass ich sie jetzt und hier denke, die mir Trost spenden und zeigen, dass es meine Existenz gibt. Dass diese Gleichung für meine Umwelt nur dann gilt, wenn wir für "Denken" das sorgsamere "Lieben" einsetzen, weil wir damit ein zweites Bewusstsein in die Sicherheit der Existenz retten - das kann man nach Hölderlin und Proust und Rilke auch ein klein wenig bei Jean-Philipp Toussaint lernen.
Jo Balle - 25. Oktober 2014
ID 8195
Jean-Philippe Toussaint | Nackt
Etwa 160 S. | geb., farb. Vorsatzpapier
€ 19,90 | € 20,50 (A) | CHF 29,50 (UVP)
Frankfurter Verlagsanstalt, 2014
ISBN 978-3-627-00202-2


Weitere Infos siehe auch: http://frankfurter-verlagsanstalt.de


Post an Dr. Johannes Balle



 

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