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Lesung


Triumph des Misstrauens

Andreas Schäfer stellt im Berliner Literaturhaus seinen neuen Roman „Gesichter“ vor


Aus o.g. Roman (Buchcover: Dumont) las Andreas Schäfer am 27. August 2013 im Berliner Literaturhaus



Der Berliner Neurologie Gabor Lorenz sieht im erholten Kreis seiner Familie dem Ende eines griechischen Sommers entgegen. In Erwartung einer Fähre, alarmiert „von einem Störgeräusch“ – und schwankend zwischen väterlicher Sorge und familiärem Behagen - zitiert Gabor sich selbst zum Trost Tolstoi: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Gabor ist Spezialist für Prosopagnosie. Seine Patienten sind gesichtsblind, ihnen bekannte Personen erkennen sie nicht auf der üblichen Route der Wahrnehmung. Unklar bleibt, wie der Arzt den Anfang von Anna Karenina auf seine Verhältnisse münzt. Fest steht die Szene als Einstieg in Andreas Schäfers neuem Roman Gesichter. Der Journalist und Schriftsteller liest daraus im Berliner Literaturhaus, die Journalistin und Schriftstellerin Maike Albath befragt ihn außerdem.

„Er habe sich nie als Journalist gesehen“, erklärt der zumal als Theaterkritiker bekannte Schäfer. Daraus ergibt sich kein Paradox: Literatur bedeutet Affirmation. Sie setzt das Einverständnis mit der Welt voraus. Beschreibt man die Welt nach den Spielregeln des Journalismus bedeutet das, mit ihren Gegenständen nicht einverstanden sein zu können. In der Maske des Journalisten verstößt der Schriftsteller gegen die Regeln. Er gefällt der Welt so wie sie ihm gefällt. Das kann man abstoßend finden, wenn man Informationen erwartet und in der Atmosphäre aufgehalten wird.

Gabor beobachtet einen Mann, der sich auf die Fähre schmuggelt. Der Fachmann für Gesichtsblindheit geht dem blinden Passagier nach. Während der Überfahrt wirft er eine Tüte mit Lebensmitteln in den Lastwagen, der zum Versteck geworden ist. Zu spät fällt Gabor ein, dass in der Tüte auch Postkarten sind, die seine Adresse verraten. Die erste Karte erreicht die Familie Lorenz mit einem Poststempel aus Modena. Die nächste wird in München abgeschickt. Der Flüchtling wählt die angezeigte Richtung, als sei ihm seine Rettung angeboten worden. Gabor verstimmt die Annäherung, seine Empathie versagt – ein anderes Wort für Gesichtsblindheit ist Seelenblindheit. Die Paranoia frisst sich in sein Leben. Das Misstrauen triumphiert.

Andreas Schäfer, 1969 in Hamburg geboren, in Frankfurt am Main aufgewachsen und in Berlin zuhause, lebt mit einer griechischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft.

„Die Stoffe kommen zu einem“, sagt er im Literaturhaus. „Die literarischen Prozesse gehen vom Kopf durch den Körper.“

Erst die Niederschrift brächte ihm seine Protagonisten nah: „Am Anfang weiß ich wenig über sie.“

Auch die Kapitelfolge ergäbe sich aus einem Untergrund des Romans, über den der Autor kaum Bescheid weiß. Was da auftaucht ist wenigstens „geriffelt, kalkweiß und sichelförmig“. In diesem Untergrund verbirgt sich eine beschreibungsmonomane Nessie.

Bekanntlich liegt in der Form ein Vorschein der besseren Welt. Brecht sagt: „Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“

Nimmt man Schäfer beim Brechtwort, dann steht für Schönheit hier gerade: Ein vom Wind aufgebrochenes Meer, Haare als Vorhänge, die Geografie der Sommersprossen im Gesicht der distanzierten Gattin, „eine Ansicht wie ein Talisman“ und „ein letzter Blick aus der Sorglosigkeit des Sommers“.

Es grüßt die Hand aus dem Grab von Lord Byron.
Jamal Tuschick - 28. August 2013
ID 7092
Andreas Schäfer, Gesichter
240 Seiten
EUR 19,99
DuMont Verlag
ISBN 978-3-8321-9664-6


Weitere Infos siehe auch: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Andreas_Schaefer_Gesichter/12997


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