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Genießer in

bitteren Zeiten



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„Könnte, möchte, wär, der Traum ist eine Mär. Die Märchen aber haben Patina angesetzt, und vor den Träumen hängen verstaubte, verblichene Vorhänge, so schwer, dass einer allein sie nicht mehr aufziehen kann.“ (Katharina Geiser, Vierfleck oder Das Glück)

*

Wie gutgläubig, harmonieliebend und selbstvergessen muss man sein, um die Entwicklungen im Nazi-Deutschland zu Beginn des Dritten Reiches weitestgehend auszublenden? Der Indologe und Professor Heinrich Zimmer (im Roman meist nur „Zimmer“ oder „der Professor“) widmet sich weiterhin eifrig den sogenannten Schönen Wissenschaften. Er frönt neben seiner Arbeit an eigenen Veröffentlichungen gepflegtem Müßiggang und weltlichen Genüssen. Seine sechs noch minderjährigen Kinder, die er mit zwei unterschiedlichen Frauen hat, halten ihn auf Trab. Seine große Liebe Mila, Mutter dreier seiner Kinder, ist mit Eugen Esslinger verheiratet. Eugen ist homosexuell und ein liebevoller Vater für die drei Kleinen, jedoch jüdischer Abstammung. Auch Zimmers Frau Christiane, einzige Tochter des Dichters Hugo von Hofmannsthal, hat jüdische Vorfahren. Erst sehr spät erkennt Zimmer die Notwendigkeit der Emigration, da ihm 1938 „nichtarische Versippung“ nachgesagt wird.

Die Schweizer Schriftstellerin Katharina Geiser zeichnet in Vierfleck oder Das Glück (2015) ein über weite Strecken ausgesprochen unbekümmertes Porträt einer unkonventionellen, historisch verbürgten Viererbeziehung zu Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. In einem kurzen Nachwort der Autorin erfahren wir, dass weite Teile des Romans auf wahren Begebenheiten beruhen. Geiser beleuchtet das Schicksal naturverbundener Bonvivants, genügsamer Genießer und vergeistigte Träumer der gehobenen Schicht. Erst sehr spät müssen diese aus den unguten politischen Entwicklungen eigene Konsequenzen ziehen. Sowohl Eugen als auch Zimmer kommen aus wohlhabenden Verhältnissen. Sie lernen mühsam – beide im Militärdienst im Ersten Weltkrieg – dass auch sie sich nicht dem Dienst an der Waffe entziehen können. Ihre Kriegserlebnisse möchten sie dann jedoch nach der Rückkehr in die Heimat möglichst schnell wieder vergessen.

Zur Leichtigkeit von Geisers Roman trägt die sehr fragmentarische Erzählform bei. Es gibt keine Kapitel, sondern nur kurze Abschnitte, die jeweils mit bestimmten Jahreszahlen übertitelt werden und sich so verschiedenen Lebensabschnitten der Protagonisten zuordnen lassen. Erzählorte, -perspektiven, -zeiten und –stränge wechseln regelmäßig. Oft drückt sich eine unbestimmte Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit oder Bequemlichkeit in den Bewusstseinsströmen des jeweiligen Perspektivträgers aus. Der behäbige Stil und Tonfall, der in ausführlichen Sinneseindrücken kulinarischer Genüsse gipfelt und den Charakteren liebevolle Spitznamen gibt, bei denen Kinder traulich „Hummelchen“ oder „Mücke“ gerufen werden, erinnert an Fortsetzungserzählungen einer Eugenie Marlitt in der biedermeierlichen Zeitschrift Die Gartenlaube (1853-1944). Dann gibt es jedoch immer wieder leitmotivisch auftauchende Bilder von Naturereignissen, die an die poetisch-expressionistische Prosa einer Herta Müller denken lassen:


„Die Luft hat Zähne. Oben im milchigen Herbstlaub bewegen sich das Gelb des Ahorns und das Kupfer der Buche, unten geht Eugen die Saane entlang, braun schießt das Wasser an ihm vorüber. Es ist ein Fließen und Fluten in der Welt, in welcher Biber beachtliche Stämme fällen und tote Mäuse oder Ratten streng riechen. Für den Abend sind erneut heftige Stürme angesagt.“ (S. 230)


Anstatt um die verheerenden politischen Entwicklungen in Deutschland und im Ausland kreisen die Protagonisten immer um das eigene kleine private Glück, um ihre Reisen und Erfahrungen an neuen Wohnorten. Sie scheinen dem Weltgeschehen fortwährend kurzweilig enthoben und genießen die wohltuenden Energien flugs gebauter Luftschlösser. Insbesondere Heinrich Zimmer bewegt sich in einem einflussreichen Bekanntenkreis, der ihn von allzuviel Sorge ablenkt. So finden sich nicht nur der Psychiater C.G. Jung, die Dichter Else Lasker-Schüler oder Hugo von Hofmannsthal, die Autoren Thomas Mann und Hermann Hesse oder die Maler Franz Marc und Emil Nolde im Roman als Nebenfiguren wieder. Es ist schön, dass auch Hitler nur einmal kurz als wenig ernstzunehmende Gestalt die Erzählbühne betritt (S. 67) und später nie wieder erwähnt wird. Es ist schade, dass trotzdem der eine oder andere Sohn dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fällt. Ein insgesamt sehr persönlich eingefärbtes, leichtfüßiges und ungewöhnliches Geschichtspanorama.
Ansgar Skoda - 1. Juni 2017
ID 10057
Katharina Geiser | Vierfleck oder Das Glück
Gebunden, 264 Seiten
EUR 22,00
Jung und Jung Verlag, 2015
ISBN 9783990270653


Weitere Infos siehe auch: http://jungundjung.at/content.php?id=2&b_id=216


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